Amrali: Unterschied zwischen den Versionen
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* Die lange Narbe am Hals zieht sich weiter über die Schulter und den Rücken, gesellt sich zu einer ganzen Anzahl gewöhnlich verborgener Spuren überstandener Kämpfe | * Die lange Narbe am Hals zieht sich weiter über die Schulter und den Rücken, gesellt sich zu einer ganzen Anzahl gewöhnlich verborgener Spuren überstandener Kämpfe | ||
* Wenn das Wetter wechselt | * Wenn das Wetter wechselt, schmerzt der linke Arm oft in Erinnerung an einen Jahre zurückliegenden und nie ganz sauber verheilten Bruch | ||
== Hintergrund == | == Hintergrund == | ||
{{Box|DISPLAY= | {{Box|DISPLAY=FOLD|TITLE=Lebenslauf|CONTENT= | ||
* 427 geboren in | * 427 geboren in Maethrin, Tochter der Hialess; Vater unbekannt | ||
* 447 Gefangennahme beim Besuch der | * 437 Tod der Mutter Hialess | ||
* 448 | * 447 Gefangennahme beim Besuch der nahegelegenen Stadt Angelmar | ||
* 452 | * 447/448 monatelange Verhöre, aus dieser Zeit stammt die Verletzung des linken Arms | ||
* 449 Rückkehr nach Maethrin als Fremde, Streichung ihres Namens aus dem Buch der Gemeinschaft, Verbannung aus der Region | |||
* 449-451 Zeit der Wanderung: Hausdienerin. Brückenbau. Steinbruch. Plantage. Eine Zeit in einem namenlosen Sumpfland mit keiner anderen Aufgabe als Blutegel zu sammeln. Dann wieder ein Haushalt. Sogar eine Arena, auch wenn es mehr ein Zirkus war als alles andere. Erneut ein Steinbruch. Eine Sägerei. Und dann die Seuche. Aus dieser Zeit stammen die Narben am Hals und Schädel. | |||
* 451 Schwere Krankheit, die Levinerinnen scheren ihr den Kopf (wie bei allen anderen zu Behandelnden auch) | |||
* 452 Schiffbruch auf dem Transport mit anderen Gefangenen, Ankunft an der Küste nahe Solgard, der neuen Welt | |||
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{{Box|DISPLAY= | {{Box|DISPLAY=FOLD|TITLE=Familie|CONTENT= | ||
* Mutter Hialess (402 - 437) | * Mutter Hialess (402 - 437) | ||
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* Halbbruder unbekannt (* 429) | * Halbbruder unbekannt (* 429) | ||
* Halbschwester Meifiah (* 432) | * Halbschwester Meifiah (* 432) | ||
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== Gedanken und Meinungen == | |||
=== Orte === | |||
{{Gossip|TARGET=Solgard|CONTENT= | |||
Die Stadt, die ich dieser Tage meine Heimat nenne. Ich habe nie zuvor eine Siedlung erlebt, bei der Innen- und Aussenbild soweit voneinander entfernt sind, die vereinfachten Annahmen über Politik und Macht werden dem tatsächlichen Wirrwarr, der Unordnung, in keinster Weise gerecht. Wenn es tatsächlich etwas gibt, das die Solgarder universell aneinander bindet, dann ist es nicht etwa der Glaube an den Herrn, sondern die seufzende Opferbereitschaft aus jeder Aufgabe eine Pflicht, eine Bürde zu machen, der man sich schliesslich ergeben, aber ohne Enthusiasmus stellt. | |||
Die Verantwortung der Macht erscheint hier wie ein heisses Eisen, an dem man sich bereits zu oft die Finger verbrannt hat. | |||
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{{Gossip|TARGET=Nebelhafen|CONTENT= | |||
Ein Dorf, das davon träumt eine Stadt zu sein, verloren zwischen den Fronten anderer Mächte und damit unweigerlich ein einsamer Spielball ohne Freunde, wann immer es jemandem gefällt. Neutralität ist etwas, das nur aus einer Position von Stärke heraus funktioniert. | |||
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{{Gossip|TARGET=Surom|CONTENT= | |||
Ich habe die Mauern dieser Stadt noch nicht gesehen und hege auch keinen Wunsch etwas daran zu ändern. | |||
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=== Personen === | |||
{{Gossip|TARGET=Dervyn|CONTENT= | |||
Der Heermeister Solgards präsentiert die für mich verwirrende Vielschichtigkeit dieser Stadt auf das Beste. Er ist umgänglich und vielseitig interessiert, ich habe sogar Gerüchte gehört, dass er am Hafen eine Geliebte haben soll. Er betreibt eine Gaststube in der zwielichtige Elementaristen arbeiten (soweit ich vernahm) und ist gleichzeitig dafür verantwortlich die Sicherheit der Stadt zu gewährleisten. | |||
Er trägt seine Bürde und lächelt dabei. Nicht .. aufrichtig, aber bereit seine Bürde zu tragen. | |||
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{{Gossip|TARGET=Jaster Darez|CONTENT= | |||
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{{Gossip|TARGET=Radesvald|CONTENT= | |||
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{{Gossip|TARGET=Van de Mork|CONTENT= | |||
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{{Gossip|TARGET=Zlata|CONTENT= | |||
Sie ist, zumindest auf den ersten Blick, völlig anders als meine Schwestern. Schwächlich, zerbrechlich, burschikos. Konzentriert auf Handwerk, weil es klaren, einfachen Regeln folgt, vorhersehbar, wie es kein Mensch je sein könnte. Der Stolz versteckt sich dahinter, wagt sich nur dann und wann einmal an die Oberfläche - oft nicht einmal dann, wenn es angebracht wäre.<br> | |||
Aber sie hat sich befreit aus widrigen Umständen, Entscheidungen getroffen, vor denen andere zurückgewichen wären. Wenn die Umstände im Chaos versinken, dann gibt auch die Maske nach und die Höflichkeit macht Platz für rohe Emotion. | |||
Ich hätte sie nicht Schwester nennen sollen. Aber ich kann mich nicht dazu durchringen es zu bereuen. | |||
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== Geschichte == | == Geschichte == | ||
{{Box|TITLE=Der Traum|CONTENT= | |||
Sie läuft in der engen Dunkelheit eines sich windenden, stetig verändernden Tunnels, unbeleuchtet, aber dennoch nicht vollkommen finster. Das, so erkennt sie, während das Herz bis zum Hals schlägt, ist ein Traum. | |||
Einer, der allzu vertraut ist. Einer, dessen Gewalt sich selbst durch das Wissen nicht abschütteln lässt. | |||
<i>'Bin ich jemals entkommen?'</i> | |||
Kühle Finger berühren ihren Nacken und die Glieder erstarren wie zu Eis, gefroren vor dem sanften, femininen Flüstern. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Niemals. Ich lasse dich niemals gehen. Nicht einmal, wenn ich dir all deine Geheimnisse entrissen habe."</i></span> | |||
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{{Box|TITLE=Harpyien|CONTENT= | |||
Zumindest theoretisch ist Amrali mit dem Konzept von Schneefall und Frost vertraut, aber die Wirklichkeit wischt alle Vorstellungen und Einbildungen mit gleichgültiger Ignoranz zur Seite. | |||
Die Kälte durchdringt mühelos die verschiedenen Schichten an fadenscheiniger Kleidung, beißt in Wangen, in Nase und Ohren: Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile ist sie froh keinen Schmuck zu tragen, nicht einfach nur beschämt über die Abwesenheit einer früher immer präsenten Selbstverständlichkeit. | |||
Die ganze Landschaft liegt wie unter einem weißen Tuch, das alle Formen dämpft, Trugbilder schafft über die wahren Verläufe von Kanten und Abgründen. Es ist, so denkt sie, während sie hastig im Gepäck nach dem zerfledderten Mantel sucht, der nur für den schlimmsten aller Notfälle überhaupt eingepackt wurde, gleichzeitig ähnlich wie der Sand der Wüste und dann doch auch ganz anders. | |||
<i>'Warum bin ich hier?'</i> | |||
Der Gedanke kommt ungerufen, unwillkommen, ein Zaudern und eine Verzagtheit darin, die Ärger entfachen, dabei in jene Glut fahrend, die sie über all die Jahre bewahrt hat, deren letzte Reste in flüsternden Schatten beinahe verloschen wären. Sie hat nie erfahren, wie nahe sie war, die vollständige Kapitulation zu erleben. | |||
<i>'Und das wird sie auch nie.'</i> | |||
Aber auch dieser Gedanke erreicht sie ungebeten, findet sich eingerahmt in Furcht und wird rasch verdrängt. Besser, sich der Kälte dieses offenen Landes zu stellen, den eigenwillig gedämpften Geräuschen - alles hier wirkt stiller, als es sein sollte - und dem ungewohnten Gefühl der erstarrten Landschaft unter den Füßen. | |||
Die Bewohner dieser gefrorenen Einöde tragen ihre Pelze wesentlich besser als Amrali es tut, ihre Spuren künden im lockeren Schnee noch lange von ihrem Vorbeiziehen - nur aus der Ferne bekommt die Besucherin einen scheuen Schneefuchs zu sehen, dessen gedrungene Statur ihr skurril erscheint, gänzlich anders als die schlanken, agilen Kreaturen der rollenden Steppe ihrer Heimat. | |||
Ein am Himmel kreisender Adler beobachtet Amrali eine Weile, gnädig wie ein distanzierter Herrscher, der einen demütigen Bittsteller beobachtet, bevor er mit dem Auftreten anderer geflügelter Geschöpfe gemächlich in Richtung Osten abdreht. | |||
Es ist ein ganzer Schwarm - Geier vermutet sie zunächst - während sie in einen der sich öffnenden Pässe eintritt, die klaffenden Felsen drängen sich zusammen, als wollten sie den Weg zerquetschen der kühn in ihre Mitte gezwängt wurde. Dann, mit der Biegung des Weges, öffnet sich ein schmales Tal und sie wird sich ihres Irrtums bewusst: Nur ein Dutzend Schritte voraus liegt der Kadaver eines Pferdes, aufgerissen von scharfen Krallen, noch dampfend in der Kälte. Darauf hockt eine Kreatur, die Amrali augenblicklich erkennt, auch wenn sie nie zuvor eines dieser Geschöpfe mit eigenen Augen erblickte: Eine Mischkreatur aus Mensch und Vogel mit Schwingen statt Armen und stämmigen, krallenbewehrten Füßen, ein ganz menschlich anmutender, weiblicher Torso mit hoch angesetzten Brüsten, die Haut bar, dem Frost schutzlos ausgesetzt. Das Gesicht ist ähnlich grotesk: Deformierte, in die Länge gezogene Augen über fast menschlichen Wangenknochen, statt Mund und Nase findet sich ein mächtiger gebogener Schnabel, von dem nun gerade Blut tropft. | |||
Keine Lippen, aber etwas an dem Ausdruck lässt Amrali an das Lächeln eines zufriedenen Jägers denken. Hinter ihr, wo der Pass sich windet, stoßen zwei gleichartige Kreaturen vom Himmel herab, um den Fluchtweg zu blockieren, drei Weitere ziehen Kreise über der ganzen Szenerie und beginnen gerade nun zu kreischen - kurze, schrille Schreie wie pervertiertes Gelächter. | |||
An manchen Tagen ist es schwierig sich an die Unterweisungen, an die Geschichten und Legenden der Vergangenheit zu erinnern, an die reichen Warnungen und Weisungen, die in die fast schon spielerische Form von Erzählungen gewoben wurden und auch jetzt, während Amrali starrt und die auf dem Kadaver des Pferdes hockende Harpyie spöttisch ihre Schwingen präsentiert, sind die Worte in der Erinnerung wie das unförmige Brummen eines entfernen Bienenschwarms. Unscharf. Unbestimmt. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Sieh an, wer sich zu uns verirrt hat. Willst du nicht Teil dieser Schwesternschaft werden, deine unwürdige Hülle eintauschen gegen einen stolzen Leib? Wir haben ein Herz für die Häßlichen."</i></span> | |||
Das Geschrei der drei Harpyien in der Luft steigert sich zu einem spöttischen, verhöhnendem Crescendo, während die Sprecherin sich eitel präsentiert. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Du musst wi .."</i></span> | |||
Die Kälte ist vergessen mit der ersten Berührung des Schwertes. | |||
Es zu ziehen, wenngleich nicht mehr ungewohnt, schmeckt noch immer wie Freiheit, wie das Abschütteln von Ketten und Amrali zögert nicht in die Offensive zu gehen, überwindet die Entfernung zum abkühlenden Kadaver mit ein paar raschen Sprüngen. | |||
Die Harpyie, soviel lässt sich mit Gewissheit sagen, ist überrascht von der abrupten Unterbrechung einer gewiss einstudierten Spottrede, aber nicht überrascht genug, um sich am Boden fangen zu lassen: Sie entkommt dem Hieb um Haaresbreite und gesellt sich zu ihren drei Schwestern am Himmel. | |||
Diese Verfluchten, so wurde es gelehrt, sind eine Perversion, nicht allein im Erscheinungsbild, sondern auch im Herzen: Unfähig eine echte Gemeinschaft zu bilden, ohne das geringste Verständnis für das Opfer, das es braucht um das Überleben der Vielen zu sichern. Für die Harpyien zählt die Einzelne stets höher und so streiten sich die vier Flieger mit schrillen Schreien darüber, wer die Erste sein muss, die auf die Bewaffnete herab stößt. Es dauert nicht sehr lange, bis der Streit ganz ernsthaft entbrennt, mit Klauen und Schnäbeln ausgefochten wird, um eine Hierarchie festzulegen, die vielleicht ein paar Wochen halten wird, bevor etwas sie unweigerlich auf die Probe stellt. | |||
Amrali, deren Rückweg weiterhin versperrt ist, flüchtet, ohne sich mit Neugier aufzuhalten. Für den Moment sind die Harpyien zufrieden damit sie gehen zu lassen, sicher, dass sie ihre Beute schon wieder einholen werden, sobald diese Kleinigkeit bezüglich der Rangordnung zu allgemeiner Zufriedenheit ausgefochten ist. | |||
Sie wissen nicht, dass ihr vermeintliches Opfer viel Übung darin hat, sich zu verstecken. | |||
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{{Box|TITLE=Harim vom Hafen|CONTENT= | |||
Die Wärme Solgard erinnert Amrali an ihre Heimat, aber die Ähnlichkeiten sind beschränkt: Maethrins Mauern sind höher, die Straßen enger, das Stadtbild dominiert von dunklen Erdtönen des hier zu findenden Lehms und vom Weiss der Kreidezeichnungen, die sich auf nahezu allen Hauswänden finden. Vor allem aber wurde Maethrin mit einer offensichtlich anderen Zielsetzung erbaut: Als Zuflucht und Bollwerk, als Festung, die fast ungeplant mit den Jahren und den Generationen wuchs. | |||
Für lange Zeit hinweg war das genug: Amrali hat keine Erinnerungen, das je von Feinden auf den Straßen Maethrins berichtet wurde und sie ist zu jung um sich an die zwei Wochen andauernde Belagerung zu erinnern, bei der zuletzt tatsächlich Angreifer vor den Toren standen. Dennoch: Sie erinnert sich an die eisernen Käfige links und rechts der Wetterpforte, ein Halbdutzend Schritt über dem Erdboden aufgehängt und sie erinnert sich - zumindest von Erzählungen - an das Schicksal der Gefangenen, die dort platziert wurden. | |||
Die Gerechtigkeit Maethrins ist unerbittlich und gnadenlos, die Strafe für den Angriff auf die Mauern uniform, ungeachtet der Umstände. | |||
Damals war Amrali überzeugt von diesem System, aber wie es mit diesen Dingen immer ist: Es ist leicht, wenn man sich auf der sicheren Seite des Gesetzes dünkt. | |||
Das Herz Maethrins war - zumindest bei Amralis letztem, nun Jahre zurückliegendem Besuch - die Arena. Hier, so wollte es die Tradition, wurde nicht nur eifrig Blut vergossen, wurden die Heranwachsenden geschult, gedrillt, geschunden, gedemütigt und gepriesen, sondern auch Recht gesprochen: Unter dem wachsamen Auge der Sonne, offen für alle Interessenten mit einem Platz auf den Rängen, während Richter, Ankläger und Angeklagte ihren Platz im Ring hatten. | |||
Die Dinge sind in Solgard anders, nicht allein, weil es schlicht keine Arena gibt. Wenn ein Herz der Stadt existiert, dann schlägt es auf dem weitläufigen Marktplatz, vielleicht auch in der Kirche des Herrn, deren Besuch Amrali bis dahin tunlichst vermieden hat. | |||
Nicht, weil sie den Herrn fürchten würde - das tut sie mit der selbstverständlichen Gewissheit eines Geschöpfes, das sich von Göttern umgeben weiß - sondern aus einem Gefühl von Unbehagen heraus: Sie ist mit diesem Glauben nicht vertraut und die Solgarder Denkweise jede Freude in einen bleiernen Mantel der Pflicht zu gießen, scheint irgendwie auf die Gebote und Tugenden des Herrn zurückzugehen. | |||
Für sie schmeckt beides viel zu sehr nach abgeschüttelten Fesseln, nach Beklemmung, Schwere und der Agonie dunkelster Hoffnungslosigkeit. | |||
Es sind Gedanken dieser Art, die sie verdrängt, ersetzt mit hoffnungsvoller Neugierde bei der Erkundung der Stadt und all ihrer Winkel, bis sie sich schliesslich erstmals bewusst gewahr wird, wie nah das Meer hier überall ist, sich selbst die Zeit erlaubt zu beobachten: Die geruhsame Bewegung der rastlos laufenden Wellen, die sich ohne Unterlass in die Brandung stürzen, das stetige Spiel der Möwen, die sich von den Aufwinden treiben lassen und einander umkreisen, immer auf der Suche nach Beute. Am fernen Horizont wird das Blau des Himmels eins mit dem des Wassers - und bei aller Fremdheit dieses Anblicks fühlt sich das irgendwie wie Heimat an. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Hast dich verlaufen?"</i></span> | |||
Der Moment zerplatzt mit dem Klang der Stimme im Rücken. Der Bariton klingt nach schimmelbewachsenen Wänden in nahezu lichtlosen Kellern, feucht, als wäre kaum noch wirkliche Substanz unter der Fassade von Stabilität. Alte, allzu vertraute Reflexe regen sich im ersten Moment der Überraschung, lassen die Glieder sich neu orientieren, noch während der Verstand dabei ist überhaupt eine erste Einschätzung anzugehen. Es ist der gleiche Reflex, der Worte formen möchte, eine Beschimpfung, die sie dem Mann .. beinahe .. entgegenspuckt, aber während die Zunge sich an den Silben müht, stößt der endlich aufschließende Verstand ins Leere, lässt sie im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos nach Luft schnappen. | |||
Der Mann ist massig, aber nahezu einen Kopf kleiner als Amrali, so aufgedunsen wie eine an den Strand angespülte und dann sich selbst überlassene Leiche. Selbst die Farbe der Haut passt dazu, teigig und blass, durchsetzt mit dicken, krausen Haaren überall, nur nicht auf dem Kopf. Eines der Augen ist ganz offensichtlich blind, leblos und grau, das andere erscheint nicht sehr viel lebendiger, unfähig sich auf einen einzigen Punkt zu fokussieren. Kein Geruch, stellt sie nebenbei fest: Etwas an ihr erwartet bei dem Anblick den Gestank eines Haufen gammelnder Fischabfälle, aber das Gegenteil ist der Fall und etwas daran zerrt an ihren Nerven, bis sie begreift, dass es tatsächlich die gänzliche Abwesenheit irgendeines Geruchs ist, der ihre Wahrnehmung piekt. | |||
<i>"Was willst du?"</i> | |||
Der Mann lächelt, ein unheilverheissendes Grinsen, das die Reste eines einzigen verbleibenden Zahnes enthüllt und etwas funkelt in dem verbleibenden Auge, bevor die Stimme sich wieder hebt, gurgelnd, als würde in der Tat Flüssigkeit irgendwo in den Lungen schwappen. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Ich habe jemanden verloren. Und du siehst aus, als könntest du diesen Platz füllen."</i></span> | |||
Für einen Moment ist Amrali einfach nur perplex, aber der stille Zweifel zerplatzt mit den nächsten Worten des feisten Mannes. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Ist nichts Besonderes, aber es hat ein Dach. Zehn Groschen jeden Morgen. Keine Gäste über Nacht, kein offenes Feuer im Haus, keine Anbetung des Nasenlosen. Kannst kommen und gehen wie es dir passt. Ich bin Harim vom Hafen."</i></span> | |||
<i>"Nasenlosen?"</i> | |||
Der Mann hustet, spuckt, ein klebriger Klumpen glibberiger Flüssigkeit bleibt auf dem gestampften Lehmboden zurück, der hier vage einen Straßenverlauf nachahmt. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Frag nicht. Noch ist es frei. Was sagst?"</i></span> | |||
Sie zögert, aber letztlich ist die Frage keine Frage. Ohne Wagnis kein Gewinn. Was kann schon schiefgehen? | |||
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{{Box|TITLE=Die Wüste|CONTENT= | |||
Die Stadt bleibt im Rücken Amralis zurück, wird abgelöst durch die mächtige, wenn auch bröckelnde Silhouette der aus Sandstein geformten Pyramide, die wie das letzte Relikt einer untergegangenen Zivilisation erscheint: Trotzig im letztlich nutzlosen Beharren, begleitet nur noch von verblassten Erinnerungen und unruhigen Träumen zwischen den zerfallenden Ruinen. | |||
Ist der in alle Ritzen dringende Sand ein Verbündeter, der die Makel kaschiert, bis sie letztlich unübersehbar geworden sind, oder ist er viel mehr ein Angreifer, dessen stetiges Bemühen Farbe und Form aus allen Dingen schleift? | |||
Es liegt eine Lektion in diesem langsamen Schauspiel, dessen ist sie sich bewusst, während sie dem müden Braunen erlaubt jenem kargen Pfad zu folgen, der einen der begehbaren Wege durch die Wüste beschreibt. Jetzt, in der Stunde gerade nach dem Aufgang der Sonne, flirrt die Luft noch nicht vor Hitze, aber die Geier sind dennoch bereits unterwegs, ziehen ihre Kreise am Himmel als hätten sie auf die einsame Wanderin und ihr abgemagertes Ross gewartet. | |||
<i>"Heute nicht!"</i> verspricht sie den Aasfressern, die Stimmung noch hell und ungebrochen, frei von der Erschöpfung die jeder Abend bringt und der rastlosen Unruhe wenn die Träume ihr Recht einfordern. Hier, im ersten Licht eines neuen Tages fällt es leicht zu vergessen, was alles beschädigt wurde, leicht über die Makel und Sprünge hinweg zu sehen. | |||
Trotte ist vertrauter mit dem Pfad durch die Wüste als er sein sollte, das Erbe einer Zeit vor seiner aktuellen Besitzerin, denn auch wenn Ross und Reiterin wirken, als wären sie ein Paar, das durch Zeit und überstandene Abenteuer zusammengeschweisst wurde, so könnte das kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein: Vor kaum mehr als Wochenfrist stand das alte Pferd noch davor sein Ende beim Schlachter zu finden und nur Glück - oder vielleicht das Schicksal - führte ihn mit der nahezu vollkommenen Mittellosigkeit Amralis zusammen. | |||
Für den Moment scheinen beide recht zufrieden mit dem Handel zu sein, auch wenn Amrali hofft die Rudel hungriger Wölfe zu vermeiden. Die Zeichen dafür stehen gut: Die Raubtiere wagen sich zwar bisweilen ein Stück in den Sand der Wüste hinein, aber sie scheinen der nie ganz lautlosen, fast unmerklichen Bewegung der Dünen nicht zu trauen. | |||
Das sind die Gezeiten der Wüste, die dem Besucher jeden Tag ein anderes Antlitz offenbaren. | |||
Ohne die Wegzeichen ist es leicht sich zu verlieren, allzu einfach die sicheren Pfade zu verlassen, bis die Hitze den Gaumen ausdörrt und der Sand selbst unter den Schritten zu glühen scheint. | |||
Und dann ist es Zeit für die Geier. | |||
Aber nicht mit Trotte, der die Wege besser kennt als seine Reiterin und sich selbst überlassen ohne Eile Richtung Nordwest zieht, immer in Sichtweite der fernen Hochebene. | |||
Das gibt Amrali mehr Zeit nachzudenken, als ihr lieb sein kann - selbst der unsichere Untergrund erfordert nur ein Minimum ihrer Aufmerksamkeit und Trottes Temperament würde es ihr vermutlich erlauben im Sattel zu schlafen. Wenn die Hitze nicht wäre, natürlich. | |||
Für den Moment scheint es so, als wäre Solgard der perfekte Ausgangspunkt: Die Stadt macht einen überaus soliden Eindruck, sicher und aufgeschlossen, auch wenn ihr Teile der vorherrschenden Weltanschauung unbegreiflich erscheinen. Das, so kann sie nur mutmaßen, muss auf verletzten Stolz zurückgehen, auf in der Vergangenheit geführte Auseinandersetzungen, deren Natur sie nur erahnen kann, die ihr letztlich aber auch gleichgültig sind, gleichgültig sein müssen. | |||
Es gibt auch Negativpunkte: Die Unterkunft ist .. gewöhnungsbedürftig: die Wände so dünn, dass sie nicht wagt sich dagegen zu lehnen und irgendein Geruch hat sich in den Balken festgesogen, den sie nicht identifizieren kann. Die Nachbarschaft kann bestenfalls als zwielichtig bezeichnet werden, Gerüchten zufolge der Einfluss einer ganzen Anzahl von Einwanderern aus der Unterwelt Nebelhafens, die nun ihre düsteren Geschäfte in die Kanalisation Solgards auszudehnen trachten. | |||
Aber all das wiegt für Amrali nur wenig: Allein die Freiheit die Behausung nach Lust und Laune verlassen zu können, die Straßen zu durchwandern, erscheint ihr bereits wie ein seltenes, unverdientes Geschenk. | |||
Nein. Nicht unverdient. Niemals unverdient. Niemals. | |||
Als Trotte abrupt verharrt, kehrt auch ihre Aufmerksamkeit zurück in das Hier und Jetzt, zu den bröckelnden Mauerresten voraus. Für einen Moment scheint alles still, ruhig bis auf den stetig gehenden Wind und das fast unmerkliche leise Raunen des bewegten Sandes. Mehr Bewegung unter der Oberfläche, bis sich ein blutiger Schädel an das Licht des jungen Tages schiebt. Kein Fleisch, keine Haut, keine Muskeln oder Haare: Pure Knochen die den Anschein machen von Blut überzogen zu sein. | |||
Für einen Moment überwiegt die Abscheu alles, der Magen beginnt sich umzudrehen, noch während der Braune scheut und dann in einem Anflug fast schon jugendlicher Beweglichkeit, steigt. | |||
Zu anderen Zeiten, unter anderen Umständen, hätte es Amrali keine Mühe gekostet das Tier unter Kontrolle zu bringen, sich im Sattel zu behaupten. Aber alles ist neu dieser Tage und sie fällt, landet ohne Eleganz im Sand, kommt gerade noch rechtzeitig auf die Füße um die Klinge zwischen sich und die blutbedeckten Klauen des Untoten zu bringen. Die Knochen splittern, aber formen sich neu unter der fluiden Umhüllung. | |||
Die Sorge weicht. Die Ungewissheit flieht, während der Herzschlag sich beschleunigt. | |||
Das hier zumindest ist einfach: Leben oder sterben. | |||
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{{Box|TITLE=Der Egel|CONTENT= | |||
Das Tropfen im Halbdunkel ist stetig, das unaufhörliche Glucksen eines einzelnen, in einen stillen Teich fallenden Tropfens. Irgendwo im Hintergrund kann ein scharfes Ohr das Rauschen entfernter Brandung hören und Amrali erinnert sich an diese Kaverne, erinnert sich an die Unwirklichkeit. | |||
Dieser Ort ist ein Symbol, heraufgeschworen aus endlosen, zermürbenden Beschreibungen, detailliert auch in Details, die sich im Zwielicht dem Auge entziehen sollten. Es gibt keine Lichtquelle, und dennoch ist es nicht vollkommen finster. Es gibt kein Hinein und kein Hinaus, aber dennoch scheint der Wind sich zu bewegen, bringt den Geruch von Salz und Tang mit sich. | |||
Etwas regt sich sich im nachtdunklen Wasser - der bleiche Leib eines armdicken Egels, dessen dicker Kopf augenlos nach etwas sucht. Es wird nicht lange dauern, bis er ihrer gewahr wird. | |||
<i>'Es ist ein Traum. Nur ein Traum. Ich muss aufwachen, das ist alles.'</i> | |||
Aber das Herz schlägt ihr bis zum Hals und sie folgt dem allzu vertrauten Diktat einer vorherbestimmten Handlung, weicht zurück bis sich kalter, feuchter Stein in ihren Rücken presst. | |||
Der Egel ist nun nah, pendelnd, als würde er noch immer suchen, bevor sich die unförmige Mundöffnung ausrichtet. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>'Berichte mir von deinem Glauben. Mit welchen Riten wird der Tag begonnen, mit welchen Riten endet er? Du musst mir etwas geben. Ich bin hungrig ..'</i></span> | |||
Das letzte Wort ist unverständlich, ein Sausen im Verständnis, als hätte der Wind die Silben gepackt und fortgeweht. Aber sie begreift dennoch mit einer Klarheit, die aus Erinnerung gespeist wird. | |||
<i>'Das war mein Name.'</i> | |||
Als sie die Augen öffnet, findet sie sich in Solgard, auf dem armseligen Lager in der windschiefen, baufälligen Hütte im Hafen, jenem Platz, den sie seit wenigen Tagen eine Heimstatt wendet. Nicht viel - aber genug. Das bis zum Hals klopfende Herz beruhigt sich nur langsam, sucht nach Halt, nach Stabilität. | |||
Eine Jagdgruppe am Abend, eine Menge unvertrauter Gesichter, aber eine Verbundenheit darin wie das Echo von etwas vor langer Zeit Verlorenem. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Ich habe dir gesagt, ich finde dich in deinen Träumen."</i></span> | |||
Die Stimme ist zu vertraut, von einer täuschenden Süße wie Sirup über bitterem Gift und viel zu nah. | |||
Dann erwacht sie ein weiteres Mal, dieses Mal in die Stille der Heimstatt, ungestört. Für lange Minuten lauscht sie den Geräuschen des Viertels, unfähig zu entscheiden, ob das nun real ist, oder nicht. | |||
Auch Stunden später ist diese Sicherheit noch nicht vollkommen da. | |||
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{{Box|TITLE=Angelmar|CONTENT= | |||
Vor 6 Jahren .. | |||
Es ist heiß in Maethrin, die Sonne unerbittlich und so war es schon vor der Feier des Sommerfestes, das nun bereits Monde zurückliegt. Schon damals duckten die Alten sich in die Häuser aus dunklem Lehm mit kreidebemalten Wänden, froh der Hitze zu entkommen. Aus dem Schatten heraus warnten sie vor dunklen Zeiten, die stets der erbarmungslosen Glut der Sonne folgen. Dieser Art ist die Weisheit der Priesterinnen: Auch wenn die Sonne Kraft gibt, auch wenn sie der Ursprung, der Anfang und die Vollendung des Lebens ist, so verbrennt sie doch auch das Grasland, lässt die Erde aufspringen und Flüsse versiegen. Darin liegt eine Warnung vor kommendem, drohendem Unheil. Wo die Sonne ungezügelt herrscht, da muss das Leben weichen. | |||
So war es einst. So wird es wieder sein. | |||
Die Tradition ist stark in der Stadt, wachgehalten in Erzählungen, in Mahnungen, in Weisungen und Forderungen. Die Jungen, gerade alt genug, um als Erwachsene zu gelten, scheren sich darum wenig: Sie hüllen sich in unerschütterliches Selbstvertrauen, im Stillen überzeugt, dass gerade sie die Welt zu einem anderen, besseren Ort machen werden, dass all diese Gedanken noch niemand vor ihnen gedacht hat. | |||
Sie sind, wie die Älteren mit einem Lächeln vermitteln, Idioten, deren Hirn nicht mit dem Wachsen ihres Körpers schritthalten konnte. Hinter diesem Urteil verbirgt sich dennoch ungetrübte Zuneigung: Jene, die in Maethrin leben, fühlen sich verbunden. Ausnahmslos. Und Weisheit ist das Privileg jener, die überlebten. | |||
Amrali ist eine dieser Jungen: Zufrieden mit sich und der Welt, gänzlich überzeugt alles wirklich Wichtige bereits verstanden, schon vor Jahren verinnerlicht zu haben. Sie kennt die Gebete, sie ist vertraut mit der Routine der Wachen und beteiligt sich bei der Jagd mit ungezügeltem Eifer. Pflicht ist bei all dem so natürlich wie Atemzüge, Teil einer über die Jahre gewachsenen Identität. Aber sie ist, wie all die anderen jungen Erwachsenen ihrer Gruppe, im Herzen ein heimlicher Rebell, immer dabei die Grenzen der Regeln zu erproben. | |||
Manche sind darin vorsichtiger als Andere. Einige werfen sich in Ärger mit dem überschwänglichen Enthusiasmus eines Honigdaches. Amrali ist schlau genug nicht offen gegen Mauern zu laufen, die Autorität nicht offen herauszufordern. Sie findet andere Wege um Beschränkungen herum und wird noch lernen, das diese vermeintliche Klugheit auch nur eine besondere Form von Dummheit ist. Zu spät, natürlich. Manche Warnungen haben in Form von Worten schlichtweg kein Gewicht. Und einige hören nicht eher, als bis man ihnen die Ohren abschneidet. | |||
Aber zurück zu Maethrin, die über dem Grasland thront auf zerklüfteten Felsen, Ausläufern eines im Norden dräuenden Gebirges, dessen langgliedrige Glieder sich wie steinernen Knochen durch die gesamte Steppe ziehen. Immer wieder einmal brechen sie durch die Oberfläche, formen meilenlange, wenn auch flache Täler in denen sich nach heftigen Regenfällen das Wasser zu Seen sammelt, die nicht viel später erst versumpfen, dann gänzlich austrocknen. Das ist Teil eines ewigen Kreislaufes der mit den Jahreszeiten ebbt und schwillt. | |||
Einer dieser Sumpfseen ist groß genug, dass er in Menschengedenken nie austrocknete und an seinem Ufer findet sich eine Ansiedlung, kaum zwei Reitstunden von Maethrin entfernt. Was als Anlauf- und Umschlagpunkt der Jäger und Fallensteller des Graslandes, der Holzfäller und Kähler der westlichen Wälder begann, wuchs im Laufe der Zeit ganz ähnlich wie Maethrin auch, aber in ganz anderer Weise: Angelmar ist keine Festung, sondern eine schmucke Stadt ohne Mauern, die in das Umland hinein wuchert, teilweise finden sich auf Pfählen stehende Häuser sogar im Uferbereich selbst. Gebaut wird fast ausschliesslich mit Holz, zumindest unter jenen, die es sich leisten können, nur in den ärmeren Bezirken wird auf den dunklen Lehm zurückgegriffen. | |||
Jetzt, im dritten Mond einer beispiellosen Dürre ist der See weit genug geschrumpft, dass diese Häuser auf dem Trockenen stehen, ihre Pfähle ragen wie dürre, armselige Hühnerbeine in die aufgerissene Erde, die einmal schlammiger Grund war. Ruderboote liegen auf dem Trockenen, gestrandet, oder eine gute Laufstrecke entfernt, dort wo die Wasserfläche wieder beginnt. Es sind mittlerweile lange Fußwege für die Fischer und Aalstecher und ihre Stimmung reflektiert nur einen Teil der Sorgen und der wachsenden Nervosität der unruhigen Stadt. | |||
Einiges davon richtet sich auch in Richtung Maethrins, der Wehrhaften, der Wohlhabenden, mit den eigenartigen Sitten, über die mal mehr, mal weniger offen gewitzelt wird. Gewöhnlich mit einem gutmütigen Unterton, immerhin lässt sich eine gute Münze mit dem Handel verdienen. Heute, während Amrali durch die breiten Straßen wandert, den Bahnen folgend, die für den Transport von Baumstämmen zur Verschiffung gezogen wurden, hört sie mehr Feindseligkeit als gewöhnlich in den Bemerkungen, mehr Anspannung. Die Worte schmecken nach Furcht. Nach Neid. | |||
Mehr Gerüchte kursieren auf den Straßen: über verborgene Brunnen, über tiefe Wasser im Stein unter Maethrin, darüber dass zu tief gebohrt wurde und nun das Wasser aus der Steppe sickert. Darüber, dass die Anwohner Maethrins allesamt Anbeter der sengenden Sonne seien und darum Schuld an der Dürre trügen. | |||
Einiges davon ist so absurd, dass sie an sich halten muss, nicht zu lachen. | |||
Aber sie bekommt auch Wahrheiten zu hören: Dass die großen Herden nordwärts getrieben wurden in Richtung der Berge und das Geschäft der Jäger und Fallensteller für dieses Jahr ruiniert sein werde. Oder dass Maethrin seine Tore für alle Fremden geschlossen habe. Niemand, so verheissen die Gerüchte, wird Zuflucht in der Stadt finden, deren Anwohner keinen Durst zu leiden hat. | |||
Das, so weiss Amrali mit gänzlicher Gewissheit, ist Fakt: Sie war dabei als die neuen Weisungen für die Wachen ausgegeben wurden und sie erinnert sich auch an andere, damit einhergehende verbindliche Anweisungen: Keine Alleingänge mehr - selbst auf der Jagd müssen es immer mindestens zwei sein. Und keine Besuche der Städte mehr: Nicht Denkenfurth, nicht Grauburg, nicht Leuenstich und nicht Angelmar. | |||
Das ist natürlich das besorgte Gerede der Alten, deren Lebenszeit nicht etwa zu einem Übermaß an Mut, sondern stattdessen zu einem Übermaß an Vorsicht führte und Amrali ist perfekt in der Lage selbstständig über ihre Sicherheit zu bestimmen. | |||
Was soll schon passieren? Sie trägt eine vertraute Waffe und ein Lächeln, dessen Offenheit gänzliche Zuversicht vermittelt. | |||
Was gegenüber den Alten als Jagdausflug auf der Suche nach Wollnashörnern verkauft wurde, hat in Wahrheit zwielichtige Keller zum Ziel, vielleicht sogar eine der Arenen, wo unter dem Geschrei der Besucher mehr um Gold als um Ehre gekämpft wird. Unter der Oberfläche Angelmars mit seinen biederen Fassaden erstreckt sich ein Basar voller Farben und Verheissungen, bis zum Bersten gefüllt mit Verlockungen und Künsten. | |||
Nur noch heute, das ist das stumme Verständnis der kleinen Gruppe, die Amralis Bitten, Versprechungen und Verheissungen folgte. Nur noch heute vor einer langen Zeit der Isolation hinter den Mauern Maethrins mit allzu vertrauten Gesichtern und allzu vertrauten Verhaltensweisen. | |||
Das hier, so entschied sie, kam einem Abenteuer so nah, wie es nur möglich war ohne eine Klinge zu ziehen. | |||
Die Nacht ist bereits dabei dem ersten Licht des Tages zu weichen, aber davon ist in den verbundenen und mit Tuch behangenen Kellern nichts zu bemerken. Dennoch: Die Gruppe ist ermüdet, überreizt und selbst das Geschick der Feuergaukler wird nach einer Weile vorhersehbar und öde. Karten, Würfel, Duelle, das Stöbern zwischen sich biegenden Regalen nach Kleinigkeiten wundersamster Handwerkskunst, die hier für kleine Münze verramscht werden. Die Nervosität, so denke sie, hat einen Weg nach hier unten gefunden. | |||
Das ist, wenn Amrali sie das erste Mal sieht, durch einen noch immer mit Menschen überfüllten Raum. Dunkelbraunes, glattes Schopfhaar, das offen getragen bis weit über die Schultern fällt, eisengraue Augen, blasse Wangen. Eine schwere Robe, über deren Oberfläche sich Silberfäden ohne erkennbare Ordnung winden. | |||
<i>'Wie Würmer.'</i> denkt sie im ersten Moment, halb fasziniert und halb belustigt. | |||
Und dann spürt sie es: Wie das Echo eines fernen Rufs, ist da .. etwas. Fremd und gleichzeitig vertraut, ohne das sie die Hand darauf legen könnte. Es ist das Gegenteil von angenehm: Binnen eines einzigen Lidschlags sträuben sich all ihre feinen Nackenhärchen und der Instinkt reagiert, bevor der Verstand aufschließt: Die Waffe liegt in ihrer Hand, noch bevor die Fremde die Stimme hebt. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Lasst sie nicht entkommen. Und beschädigt sie nicht."</i></span> | |||
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{{Box|TITLE=Der Preis der Freiheit|CONTENT= | |||
Die Freiheit, das lernt Amrali mit einiger Überraschung, ist teuer. | |||
Das sollte vielleicht kein Wunder sein, aber sie muss sich eingestehen, dass die Vergangenheit sie nicht auf diese banale Erkenntnis vorbereitet hat: Das Leben in Maethrin war in einer Art und Weise organisiert, in der die Verantwortungen ganz selbstverständlich geteilt wurden - eine große Gemeinschaft, vereint im Großen, auch wenn es im Kleinen durchaus Reibepunkte gab. Und in der Zeit nach Maethrin .. | |||
Die Gedanken zucken ganz unwillkürlich zurück vor den Erinnerungen, als würde sich ihnen zu stellen, sie auch nur anzublicken, ihnen bereits Macht verleihen. Dafür sorgen, dass sie präsenter werden, deutlicher. Wahrhaftiger. | |||
Und doch ertappt sie sich dabei den Blick zu wenden, die Winkel der armseligen Bretterbude zu prüfen, die sie dieser Tage ihre Heimstatt nennt. Nichts Unerwartetes präsentiert sich den Sinnen, auch nichts, was Anlass gäbe aufzuspringen um zwischen Kampf oder Flucht zu wählen: Die Balken sind schief, die Bretter verzogen, so dass zu jeder Tagesstunde das Licht der Sonne in dünnen Streifen eindringt, gnadenlos auf Staub oder Spinnweben hinweisend. Die Einrichtung ist so karg als wäre das hier eine Zelle: Eine Lagerstatt aus Stroh, Ausrüstung in Griffweite gelagert, ein kleiner, wackeliger Tisch zwischen der Schlafstatt und der Türe, beladen mit Kleinigkeiten und Krimskrams. | |||
Aber: Es ist keine Zelle. Es ist die Freiheit und diese hat ihren Preis. | |||
Ganz konkret: 10 Groschen jeden Morgen, zu zahlen an Harim, der aus irgendeinem für Amrali gänzlich unverständlichen Grund in der Kanalisation der Stadt haust. Zweimal war sie in der Zwischenzeit selbst dort unten, aber die engen, feuchten Tunnel erinnern sie zu sehr an frühere Erlebnisse, an einen Kampf in fast lichtloser Dunkelheit und die Narben, die ihr linker Arm seitdem trägt. Und dort unten Rattennester auszuräuchern machte ohnehin soviel Mühe, dass die schmale Bezahlung kaum die aufgewendete Zeit wert war. | |||
Der Preis der Freiheit bedeutet für Amrali, dass die Unterkunft bezahlt werden muss, dazu kommen Kleinigkeiten wie sauberes Wasser, Obst und Fleisch wenig zweifelhafter Herkunft. Sie hat, das muss sie ernüchtert anerkennen, wenig nützliche Talente abseits der Fähigkeit mit einem scharfen Stück Metall Löcher in fremde Haut zu bohren oder zu schneiden. | |||
Auch diese Fähigkeit hat aber ihre Grenzen: Die hünenhaften Einaugen, die auf einer sandigen Halbinsel Krieg gegen ein Volk gigantischer Insekten zu führen scheinen, sind nicht sonderlich schnell und von einem echten Verständnis der Feinheiten des Kampfes weit entfernt, aber sie sind groß, stark und zäh. Das ist genug, um Amrali öfter zur Flucht zu treiben. Zurück bleiben dann blaue Flecken, Prellungen und Quetschungen, dazu gesprungene Ringwehr und verbeulte Panzerung, selbst die alte Klinge, die seit dem zweiten Tag auf dieser Insel ihr treuer Begleiter war, verbiegt sich unter der eingesetzten Gewalt und die hineingeschlagenen Scharten lassen den Schmied ein um den anderen Tag den Kopf schütteln. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Du musst achtsam sein mit deiner Ausrüstung, Mädel!"</i></span> tadelt er ohne aufzusehen und Amrali schluckt die scharfe Replik herunter. Die Gewohnheit macht die Irritation nicht geringer: In Maethrin wäre alles anders gewesen. Und der Preis für die Pflege und Instandsetzung der mitgenommenen Ausrüstung lässt es so wirken, als würde jeder Ertrag der eingegangenen Risiken dahinschmelzen. | |||
Natürlich gibt es auch in Solgard Gemeinschaften, die solche Bürden und Herausforderungen gemeinsam stemmen, aber sie ist kein Bestandteil dieser Familien oder Interessenverbände, der Glaube an den Herrn ist ihr noch immer fremd, auch wenn sie sich angewöhnt hat in dessen Namen zu grüssen. Vielleicht wäre Wachdienst eine Möglichkeit, aber sie scheut ganz instinktiv vor dem Gedanken zurück sich so fest zu verpflichten. | |||
Dazu kommt etwas, was sie sich im Licht des Tages kaum eingestehen will, aber mit der Ankunft der Dämmerung ungebeten, aber zuverlässig, den Weg in die Gedanken findet: Sie ist einfach nicht, was sie war. | |||
Das lässt sich an Äusserlichkeiten festmachen: Der Blick in den Spiegel zeigt ihr noch immer ein fremd anmutendes Gesicht mit eingefallenen Wangen und tief liegenden Augen, das glühende Versprechen jugendlicher Vitalität verblasst. Der einst weit über die Schultern fallende Schopf wurde zum Opfer des Messers der Levinerinnen und auch wenn die Haare dabei sind nachzuwachsen, wird es noch Jahre brauchen, bis sie - wenn überhaupt - ihre vormalige Länge wieder erreicht haben. Umso deutlicher treten die Narben hervor, vertraut wie ein alter Schmerz beim Wechseln des Wetters, sie alle Zeugnisse von Fehlschlägen, von Schande. | |||
Eine im Kampf erworbene Verletzung kann Ehre bedeuten. Aber nicht diese: Die einzige Geschichte dahinter ist eine, die besser unerzählt bleibt. | |||
Abgesehen von all den äusserlichen Veränderungen als Tribut an die verstrichenen Jahre, sind da aber auch die .. anderen Dinge. Einige davon sind schwierig zu greifen: Mangelnde Trittsicherheit gegenüber vorher perfekter anmutender Balance. Ermüdung nach zwei Dutzend Schlagwechseln, wo sie früher Runde nach Runde in der Arena durchhielt. Der brennende Schmerz erlahmter Muskeln und das Gefühl bleierner Schwere am nächsten Morgen. All das kann sich auf die Gefangenschaft, auf die Krankheit zurückführen lassen. | |||
Anderes dagegen ist so offensichtlich, dass sie davor zurückzuckt, wie vor einer offenen Wunde: Das Vergessen, die Unfähigkeit die richtigen Worte zu finden, das absurde Gefühl von Fremdheit mit jedem Satz, eingerahmt in das instinktive Begreifen: Das ist nicht meine Muttersprache. | |||
Aber wo diese Vertrautheit sitzen sollte, ist nur ein Loch, eine Wunde wie von einem herausgerissenen Zahn. | |||
Ein Teil des Preises der Freiheit ist diese Gedanken zu haben. Es liegt ein Luxus darin zu trauern, sinniert sie, während sie durch die Strassen und Gassen Solgards streift, ruhelos wie ein zum ewigen Spuk verurteiltes Gespenst. Wer um das Leben kämpft, dessen Begreifen ist reduziert, auf das Notwendigste reduziert. Für Bedauern und Reue benötigt es Sicherheit. | |||
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{{Box|TITLE=Solgards Versprechen|CONTENT= | |||
Die Veränderung kommt mit so schleichender Subtilität, dass Amrali auch im Nachhinein den Moment nicht zu fassen bekommt: Wann hört eine fremde Stadt auf, wirklich fremd zu sein? | |||
Selbst die Silhouette der Kathedrale, die sie bis jetzt gemieden hat - nicht aus Ablehnung der Lehren des Herrn, sondern wegen instinkter Scheu - erscheint plötzlich weniger unversöhnlich, weniger wie ein aufstrebendes Symbol emporstrebender Macht als mehr wie das Glimmen eines Leuchtturms, der einen sicheren Pfad verheisst. | |||
Namen fügen sich mit Gesichtern ganz allmählich zu Geschichten zusammen, erschaffen Identitäten mit Hoffnungen und Würden, mit Titeln und Befindlichkeiten. Vertrautheit hat nicht nur angenehme Seiten: Der Hafen ist auch in Solgard ein rauhes Pflaster, selbst für eine Frau die einem Streit ungern aus dem Weg geht. Aber wenn die Zeit der Gefangenschaft sie eines lehrte, dann das das Diktat des Stolzes nicht unverletzlich sein kann. | |||
Das, so sinniert sie, während sie den gewundenen Gassen in Richtung der armseligen Bretterbude folgt, die sie dieser Tage eine Heimstatt nennt, ist etwas was mit den Lehren der Alten kollidiert, was scharfe Zurechtweisung einfordern würde. Aber Solgard ist nicht Maethrin und Amrali ist keine junge Kriegerin mehr, selbstüberzeugt bis zur Arroganz, stets bereit sich mit einem Lächeln in jede Herausforderung zu werfen. | |||
<i>'Ich habe überlebt. Aber die Narben bleiben.'</i> | |||
Der Gedanke ist bitter und für einen langen Moment wird ihr die Kehle eng, wenn sie zurückdenkt an ihre Schwestern und Halbschwestern, an den Kreis der eine Familie formte, auch wenn die Bande des Blutes in Maethrin nicht viel bedeuteten. All das zerbrach: Nicht erst mit dem Richtwort in der Arena und der Streichung eines Namens aus dem Buch der Seienden, sondern schon zuvor, in jener Nacht als der geheime, rebellische Ausflug im Desaster endete. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"So ganz allein unterwegs."</i></span> | |||
Die Aufmerksamkeit gibt die Vergangenheit los und springt in das Hier und Jetzt, fliegt über die vier Halbstarken hinweg, die den weiteren Weg durch die Gasse mit betont lässiger Haltung versperren. Zwei Messerträger, eine mit Nägeln versehene Keule, der Wortführer trägt ein Kurzschwert das bereits bessere Tage gesehen hat. Aber die Klinge wirkt scharf, gut gepflegt, auch wenn die Haltung des jungen Burschen keinerlei Schulung erkennen lässt. | |||
Der Rückweg ist frei, was Bände für die Erfahrung der zusammengewürfelten Gruppe spricht. | |||
Der Herzschlag beschleunigt sich und Amrali spürt es: Eine Mischung aus Ungeduld und Verlangen, den fast unbezähmbaren Wunsch augenblicklich in die Offensive zu gehen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie den Wortführer überwältigen und dessen Waffe an sich nehmen kann, bevor seine Kameraden auch nur geblinzelt haben. Keine Herausforderung, sofern sie den ersten Angriff überlebt. | |||
Aber sie zögert und das könnte auf dem Schlachtfeld den Tod bedeuten. Es könnte auch hier, nur zwei Dutzend Schritt von ihrem Heim entfernt, das Ende sein. | |||
<i>"Gebt den Weg frei."</i> | |||
Sie spricht keine Drohung, aber die Verheissung einer solchen findet sich im Klang der Stimme, eingebettet darin wie solider Stahl in eine Schwertscheide. Vier Augenpaare blinzeln, rekapitulieren, wägen Möglichkeiten, Risiken und Wahrscheinlichkeiten ab. | |||
Drei von ihnen entscheiden sich für einen Rückzug, aber in der Miene des Wortführers findet Amrali den Konflikt, die Notwendigkeit das Gesicht vor den Kameraden zu wahren, die Unmöglichkeit einfach klein beizugeben. | |||
<i>'Angriff!'</i> befehlen ihr alle Instinkte und dieses Mal ist es eine bewusste Anstrengung die Finger ruhig zu halten. Das hier ist keine Herausforderung, sondern eine Tragödie. Kein Ruhm, nur Blut, das der nächste Regen von der Strasse wischt. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Habe ich Euch nicht gebeten diese Gasse zu meiden?"</i></span> | |||
Die gereizten Instinkte protestieren gegen den Klang der Stimme, gegen die Ahnung einer in ewiger Feuchtigkeit gefangenen Gruft, gegen schimmelschwarze Wände, deren ursprüngliche glatte Fläche pockennarbig erscheint. Harim ist einen guten Kopf kleiner als Amrali, aber massig genug für vier Männer, aufgedunsen wie eine Wasserleiche nach einer Woche in einem vergessenen Hafenbecken. Schweiss glänzt auf dem kahlen Schädel des Mannes, dessen eines blindes Auge sich besser auf die vier Burschen zu fokussieren scheint, als das noch funktionierende. | |||
Kein Geruch, das nehmen die Sinne ganz nebenbei mit, noch während sie sich fragt, welche Autorität ihr Vermieter hier führt. Nach allem was sie weiss, ist er ein in der Kanalisation hausender Sonderling, nur einen einzigen schlechten Tag davon entfernt von Maden gefressen zu werden. | |||
Aber die Frage ist genug, um die Spannung zu brechen und die vier Möchtegernbanditen flüchten ohne einen Blick zurück, entschwinden in Richtung der Docks und Kaimauern. | |||
Ein Teil Amralis ist bitter enttäuscht, begehrt in heiss glühendem Zorn auf gegen die Einmischung von aussen, gegen den Beistand durch diesen .. Mann. Ein anderer Teil ist erleichtert. Ein dritter ist angeekelt. | |||
<i>"Ich hätte Eure Hilfe nicht gebraucht."</i> | |||
Das blinde Auge des fetten Mannes starrt an ihr vorbei, aber das andere konzentriert sich tatsächlich. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Ich weiss."</i></span> | |||
Keine Erklärung und am Ende ist es Amrali die den Blick senkt, beunruhigt, aus dem Gleichgewicht gebracht, erschüttert auf eine Art und Weise, die sie nicht in Worte fassen kann. | |||
In der halbherzigen Abgeschiedenheit der kargen Heimstatt atmet sie schliesslich durch, prüft jede Ecke und entzündet eine ruhig brennende Öllampe, seit dem ersten Abend ein verlässlicher Begleiter. Ihr Licht hält die Dunkelheit im Zaum als Amrali in den Schlaf gleitet und in düstere Träume von engen Gängen und endlosen Fluchten, die letztlich alle wieder zum Anfang zurückkehren. | |||
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{{Box|TITLE=Unter grünem Schatten|CONTENT= | |||
Amrali ist keine Gelehrte und sie weiß nichts über die Geschichte dieser Region, kennt nicht den Ursprung der bröckelnden Ruinen, die hier und dort noch durch das Grün brechen oder gänzlich freigelegt daliegen, wie Knochen einer längst verblichenen Bestie, an die sich kein Aasfresser wagte. Umso mehr spürt sie abergläubische Scheu und Verwunderung beim Anblick des einen, fast schon verwunschen anmutenden Turms, der sich wie ein vergessener Grenzposten an die Ausläufer des Gebirges anlehnt, aber dennoch im Dschungel wurzelt. Dort, daran hat sie keinen Zweifel, können nur die absonderlichsten Gestalten hausen: Ausgestoßene und Sonderlinge, verrückte Propheten und kaltblütige Kehlenschneider, deren fremdartige Gelüste sie gezwungen haben, ein Obdach fern der Zivilisation zu wählen. | |||
So oder so: Sie meidet es, sich diesem Bauwerk zu nähern, während sie fluchend und den Griff der Waffe fest umklammert trügerischen Wegen folgt. Nichts hier ist sicher, alles scheint in Bewegung. Der ohrenbetäubende Lärm um sie herum besteht aus den heiseren Schreien von Jägern und den oft noch schrilleren Antworten von Beute, wobei die Rollen nicht immer so klar sind, wie sie es sein sollten. Sie ist sich nur zu bewusst, dass sie selbst Interesse geweckt hat: Nach einer kurzen Konfrontation bleibt ein Bündel Wegzehrung zurück, wie ein Tribut für den Tümpel und die dort hausende, nur aus Panzerung und Zähnen bestehende Kreatur. Andere Angreifer sind subtiler: Schwärme von Moskitos, deren stetiges aggressives Summen an ihren Nerven zehrt, Blutegel, die mit abstoßender Agilität unterwegs sind und, einmal festgeklammert, nur mit Blutzoll wieder zu lösen sind. | |||
Amrali ist froh, als der Dschungel hinter ihr zurückbleibt, das grüne Dach sie endlich freigibt. Die aufragenden Schluchten voraus bergen ihre eigenen Gefahren, aber ihre greifbare Solidität ist etwas, dem sie sich eher gewachsen fühlt. Dennoch, das muss sie zähneknirschend einräumen, als sie den Zustand der guten, erst wenige Tage alten Lederstiefel prüft: Es könnte sein, dass dieser Auftrag sich zu einem schlechten Geschäft entwickelt. Eine gute halbe Meile zurück stolperte sie in ein sich unversehens unter ihr öffnendes Sumpfloch, bis dato verborgen unter einer Schicht gammelnder Blätter, die eine nicht vorhandene Verlässlichkeit vortäuschten. Und nun ist das Leder dabei, sich langsam, aber erkennbar aufzulösen – ein Anblick, der Amralis Haut zum Jucken bringt. War das überhaupt Wasser? Es fühlte sich … warm an. | |||
Sie schlägt ganz instinktiv ein Schutzzeichen, eine Geste, die ihr in Fleisch und Blut übergegangen ist, auch wenn sie die dazu passenden Worte des Gebets, der Anrufung, nicht mehr zusammenbekommt, und verdrängt den Gedanken, zieht weiter in Richtung der sich nach der Schlucht öffnenden Wälder. Auch das ist nicht ideal, denn Amrali bevorzugt einfach die vertraute Weite – aber es ist besser. Zumindest theoretisch. | |||
Praktisch geben ihr die beschatteten Pfade zu viel Zeit zum Nachdenken. Damit einher geht die unangenehme Einsicht, dass die Tagelöhnerei einfach nicht ausreicht, dass es Gründe gibt, warum gute Münze für teils absurd anmutende Aufträge bezahlt wird: In den meisten Fällen ist so viel Mühe und Aufwand damit verbunden, dass es sich kaum lohnt. Was sie braucht, ist eine solidere Basis, feste, einschätzbare Verpflichtungen mit ebenso fester, einschätzbarer Vergütung. | |||
Dafür gibt es in Solgard einige Möglichkeiten: Die Stadtwache ist eine offenkundige Option, aber diese Form der Verpflichtung erscheint Amrali ein wenig zu strikt – vor allem nach einigen wenig schmeichelhaften Bemerkungen über die Ödnis des Wachdienstes. Vielleicht gäbe es auch einen Platz bei der Kirche des Herrn, aber bis jetzt weiß Amrali nur sehr wenig über den Glauben, und ein Teil von ihr kann nicht anders als zurückzuschrecken. Kompromisse und Anpassung sind das Eine. Aber die Form – nicht unbedingt der Inhalt – des Glaubens widerspricht allem, womit sie aufwuchs. | |||
Es gibt noch andere Optionen, und darüber denkt sie nach, während sich um den Waldweg herum eine Lichtung öffnet. Mit der Sonne kommt die Wärme, vertreibt die letzten Reste klammer Feuchtigkeit aus den Gliedern, aus den Fransen des abgerissen wirkenden Umhangs. Zlata könnte wissen, wer jemanden braucht, der keine Scheu hat, sich auch einmal die Hände schmutzig zu machen. | |||
Der Gedanke lockert Amralis Stimmung auf und für eine Weile sind die Alpträume fern, unwirklich. | |||
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{{Box|TITLE=Solgards Träume|CONTENT= | |||
Die Tage reihen sich für Amrali aneinander wie die Glieder einer Kette, gefüllt mit Aufgaben, die ihr kaum einen Moment zur Besinnung lassen. Zu anderen Zeiten lag sie für Stunden wach, hadernd und grübelnd, ungewiss über Vergangenheit, Zukunft und erst recht Gegenwart, aber zumindest das ist eine Bürde, die sich dieser Tage nicht zeigt: Die Abende sind gefüllt mit bleischwerer Erschöpfung, mit einem Lösen von über den Tag aufgebauter Spannung, die ihr kaum genug Zeit lassen, sich auf das karge Strohlager der Bettstatt zu werfen. | |||
Die Träume sind - natürlich - unvermeidlich, präsent wie Gestank in den Tiefen der Kanalisation und genauso widerlich. Das, so seltsam der Gedanke auch ist, erscheint fast wie Routine, die Amrali an eine eigenartige, nur halb erinnerte Geschichte erinnert, in der ein Bäcker seine Katze zum Auswischen des heissen Ofens verwendete, immer unter Nennung des gleichen Satzes: <span style="color:#2980b9"><i>"Nur, bis du es gewohnt bist."</i></span> | |||
Die Pointe, vielleicht auch die Lehre der Geschichte ist schon lange verloren, mit den Jahren in formloses Dunkel abgetaucht, in dem nun, wie eine einsame, vergessene Insel, diese eine Szene noch immer beharrt. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Nur, bis du es gewohnt bist."</i></span> | |||
Das Flüstern hängt noch in der Luft, während sie ganz zu sich findet, aus dem Traum gerissen wie so oft durch ein Übermaß an Entsetzen. Schon jetzt, noch während das Herz bis zur Brust hämmert, verwirren sich die Traumgesichte in zusammenhanglose Fetzen, driften auseinander wie Rauch. Das Einzige, was wirklich erscheint, sind der kalte Schweiss auf der Stirn und ein stechender Schmerz im linken Arm, auf den sie im Schlummer gerollt sein muss. Selbst im matten Licht der niedrigen Talgkerze sind die Narben dort sichtbar, stumme Zeugnisse für einen vergeblichen Kampf und eine schamvolle Niederlage. | |||
Es ist, wie sie zugeben muss, während sie die Hand öffnet und wieder schliesst, an sich ein Wunder, dass ihr die Gliedmasse überhaupt blieb, dass die Finger so präzise greifen wie eh und je. Der Schmerz bei jedem Wetterwechsel und die Schwäche, die es ihr dieser Tage nicht länger erlaubt, einen Bogen zu führen, sind, nüchtern betrachtet, ein kleiner Preis, eine Gnade. | |||
<i>'Aber es fühlt sich nicht so an. Es ist immer einfacher das zu betrauern, was man verlor, als das zu schätzen, was man noch hat.'</i> | |||
Wie gewöhnlich ist die Müdigkeit nach diesem ersten, jähen Auffahren geflohen, aber das bannt die Schwere nicht aus den Gliedern: Der Körper benötigt Ruhe, damit er bereit ist für das nächste Tagewerk. Dennoch weiss Amrali, dass es ein halbes, vielleicht ein ganzes Wassermass brauchen wird, bis die Erschöpfung die momentane Aufregung überlagert und ihr erlaubt, erneut zur Ruhe zu finden und so ist das Nächste auch längst eingeprägte Gewohnheit: Aufstehen. Das Talglicht prüfen. Ein wenig Wasser, um den kalten, nun schon getrockneten Schweiss fortzuwaschen und dann hinaus auf die selbst zu dieser Stunde nicht gänzlich schlummernden Straßen Solgards. | |||
Der Weg ist nicht weit, die flackernden Lichter der Bollwerkszunft reichen noch fast bis zum Stückchen Strand, an den sie sich hockt und in eine Decke gewickelt gen Süden starrt über die offene, rollende Oberfläche des Meeres. | |||
Zwei Monate sind es nun, seitdem sie gar nicht weit von hier entfernt aus den Wellen kroch, entkräftet, aber lebendig, die Ketten noch an Hand und Fußgelenken. Vor dem inneren Auge kann Amrali das Gespenst ihres eigenen Ichs sehen: Abgemagert, erschöpft, dem Tode näher als dem Leben und doch: Hoffnungsvoll. | |||
Diese Zeit brachte neue Bekanntschaften, neue Verpflichtungen: Die Farbe auf dem Bürgerbrief ist noch frisch, das Siegel unter dem Dienstvertrag mit der Axiom-Gesellschaft dagegen hat schon einige Wochen gesehen. Das Schopfhaar ist nicht länger so kurz, wie es von den Levinerinnen geschoren wurde, und das bringt seine eigene Fragestellung mit sich, eine über die nachzudenken die erschöpfenden Tage noch keine Zeit, keine Ruhe ließen. | |||
Vielleicht jetzt, hier am Strand Solgards, während sich von West ein lichtlos fahrendes Schiff nähert, kaum mehr als eine Nussschale mit gestrichenen Segeln, bewegt durch ein Halbdutzend ambitionierter Ruderer. Schmuggler, höchstwahrscheinlich. Aber Amrali ist nicht neugierig genug, um sich die Frage zu stellen, was es wert ist, des Nachts heimlich befördert zu werden. Sie verfolgt einfach die langsame Vorwärtsbewegung des Schiffes, lauscht auf das Platschen der Ruder, bis die Dunkelheit das kleine Gefährt wieder schluckt. Sie ist nicht ganz sicher, ob es wirklich da war oder nur eine Ausgeburt der Träume, der Schatten. | |||
Der Gedanke treibt die Müdigkeit zurück und für lange Minuten beobachtet sie einfach nur, sucht nach Diskrepanzen oder Sprüngen, nach Abweichungen, die ihr verraten könnten, dass sie in Wahrheit noch immer schläft, vielleicht friedlicher als vermutet. Der Wind fühlt sich real an. Genauso der Sand in den sich die bloßen Zehen bohren. Aber das hat nichts zu bedeuten. | |||
Und damit, während sie bereits spürt, dass es bald Zeit ist in die baufällige Bretterbude zurückzukehren, die sie dieser Tage eine Heimstatt nennt, streifen die Gedanken ein nur wenige Tage zurückliegendes Gespräch über Respekt, Anerkennung und das Erproben, Überschreiten von Grenzen. Ein bitterer Anlass, geschaffen aus einem weiteren, nicht einmal registrierten Makel. Aber nicht das ist es, was sie fesselt, sondern das Ende, die finalen Worte und die unerwartete Wärme, die auch nun aufsteigt. Etwas, was an früher erinnert, an leichtfertige, für selbstverständlich genommene Vertrautheit. | |||
<i>"Es ist immer einfacher das zu betrauern, was man verlor, als das zu schätzen, was man noch hat,"</i> erklärt sie dem stetigen Wind, der die Worte gleichgültig mit sich nimmt. | |||
Die erste Farbe des dräuenden Morgens ist bereits am Horizont zu erahnen, als Amrali letztlich wieder zur Ruhe findet. | |||
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{{Box|TITLE=Bronze und Blut|CONTENT= | |||
Die sanften Hügel des Steppenlandes sind mittlerweile vertrautes Terrain und jederzeit eine willkommene Abwechslung nach den erschöpfenden Dünen der harschen Wüstenlande. Auch Trotte schlägt, ohne dazu genötigt zu werden, einen rascheren Schritt an, ohne Zweifel bereits die Oase witternd, die sich derzeit noch dem direkten Blick entzieht. | |||
Er ist, wie Amrali zufrieden feststellt, aufgeblüht: Das Tier, das vor bald einem viertel Jahr noch kurz davor stand, sein Ende beim Schlachter zu finden, ist nun mehr als nur Haut und Knochen, die Ohren bewegen sich lebhaft. Er ist dennoch ein altes Pferd, die Blesse auf der Nase schon lange dabei die gesamte Schnauze mit Grau zu überwuchern, aber sein Schritt ist sicher und er reagiert gut auf Zügel und Fersen. | |||
Nicht zum ersten Mal fragt Amrali sich im Stillen, welches Geschick, welche Geschichte hinter dem alten Hengst steht. | |||
<i>"Nicht mehr weit."</i> versichert sie ihm, die Zuversicht in der Feststellung mehr ihr selbst geltend als dem Reittier, das auch ganz allein den richtigen Weg findet, den ausgetretenen Pfad verlassend in Richtung der sich in einem Halbtal öffnenden Wasserstelle. | |||
Es ist vertraut, aber nicht Heimat, die Steppen rund um Maethrin waren viel mehr von Steinen geprägt, von langen, unter Erde und schütterem Gras teilweise verborgenen Felsformationen, hingestreckt wie die Knochen einer gewaltigen, urzeitlichen, das ganze Land überschattenden Bestie. | |||
Hier ist es wärmer: Der Atem der Wüste reicht weit bis in das karge Steppenland hinein, aber nicht trockener, der Untergrund vielleicht lehmiger, erdiger, besser das Wasser haltend. | |||
Sie ist, wie sie sich einmal mehr bewusst macht, mit all diesen Details nicht vertraut. | |||
<i>'Ich könnte Zlata fragen. Sie wüsste es sicher und würde mir einen Vortrag halten über die Natur der Steppe, den Übergang zur Wüste und die Eigenheiten und Besonderheiten der kleinen Oasen, falls man das überhaupt so nennt hier.'</i> | |||
Der Gedanke bringt sie zum Lächeln, zieht aber auch eine warme Sehnsucht mit sich, ein Verlangen, das im Untergrund wartet, verborgen wie ein Schleierfisch auf der Jagd. Und mit dem Verlangen kommt der Schmerz: vertrauter als die Steppe, bekannter als die Gassen Solgards und das stetige Echo der sich am Strand brechenden Wellen. | |||
Allein zu sein ist unnatürlich, ein Affront gegen die natürliche Ordnung, gegen alle Lehren und alle Weisungen, die stets im Kern eines betonten: Die Gemeinschaft ist wichtiger als jede Einzelne. Du bist Nichts ohne die Vielen. | |||
<i>'Und ich bin .. Nichts.'</i> | |||
Trotte verharrt in Sichtweite der sich aus dem kargen Boden erhebenen, vom Wind gebeugten Bäume, die Zeugnis sind für das Wasserloch zwischen ihren Wurzeln, die Quelle, die gerade genug ist, um für diesen Fleck ausufernden Lebens inmitten karger Verlassenheit zu sorgen. | |||
Es liegt eine Poesie in dieser Beobachtung, die .. | |||
.. der Schlag reisst Amrali aus den Gedanken, ein gewaltiger Impuls, der Trotte zur Seite schleudert und sie mit ihm. Erst einen Moment verspätet realisiert sie den Reflex von Sonnenlicht auf Metall, auf der gewaltigen, gebogenen Bronzeklinge einer Axt, die ihr eigenes Knie um kaum mehr als eine Handspanne verfehlte und sich stattdessen tief in den Leib ihres Tieres grub. Trotte schreit und sie schreit mit ihm, ein Protest gegen die Gleichgültigkeit der Welt und die Brutalität des Augenblicks, kurzlebig, bevor der Aufprall die Luft aus ihren Lungen treibt. | |||
Sie rollt, hart, ohne Eleganz, gerade eben noch rechtzeitig, um nicht unter der röchelnden Masse Trottes begraben zu werden. Das Blut des Pferdes scheint überall zu sein, auf Kleidung und Händen, sie schmeckt es auf den Lippen, riecht es in kupferroter Bitterkeit. Etwas anderes ist dazwischen, so prägnant, dass es unmöglich nicht zu bemerken sein sollte, eine stechende Warnung aus ranzigem Fett und Talg, aus altem Schweiss und anderen, namenlosen Dingen. | |||
Auch darin, so stellt ein ferner, emotionsloser Teil von ihr fest, liegt etwas Vertrautes, wie ein altes, unter Jahren begrabenes Versprechen, das sich heimlich zurück an die Oberfläche der Gegenwart stiehlt und seinen Preis einfordert. | |||
<i>"Unmöglich."</i> | |||
Die Waffe springt wie von allein in ihre Hand, während sie herüber starrt auf die machtvolle, sich auf fast drei Schritt streckende Gestalt mit den überlangen, vermeintlich feisten Armen, die einen jungen Baum mit selbstverständlicher Gemächlichkeit als Keule tragen könnten. Aber die linke Hand hält keinen Baum, sondern den Griff einer Axt. Deren bronzener Kopf ist mit grob gehauenen Runen übersät, was den Eindruck von Alter nur bestärkt, sie wirkt wie ein Anachronismus in diesen modernen Zeiten, in denen legierter Stahl das Schlachtfeld regiert. | |||
Amrali kennt diese Zwillingsäxte, deren wahre Namen unbekannt sind, aber von den Ihren auf „Hatz" und „Fang" getauft wurden. Sie kennt den Oger, dessen Gestank sie genau wie damals zum Würgen reizt. Sie erinnert sich an das Grab, das sie für diesen elenden, gefallenen Feind schliesslich hinterliess, als Zeichen der Warnung und des Triumphes gleichermassen. | |||
<i>"Nein."</i> | |||
Der Protest bleibt zahnlos, während die letzten Schreie Trottes verstummen, abergläubische Fassungslosigkeit lähmt die Entschlossenheit, während sie zurückweicht vor dem nun unbeirrt nahenden Schlächter. | |||
Er ist es: Sie erkennt die Narben wieder, die die wulstigen Lippen teilen, das fehlende linke Ohr und die langen dunklen Linien überstandener Verletzungen, die entlang der Arme verlaufen. | |||
Sie erkennt das Kreuzmuster an Schnitten auf der Brust wieder, jeder ein Zeichen von Spott und Herausforderung: Errungene Siege. | |||
Aber es ist unmöglich: Dieser liegt begraben auf einem fernen Kontinent, modernd seit mehr als acht Jahren, überwunden von einer Kriegerin, die alles hat, was Amrali heute ohnmächtig vermisst: Eleganz. Kraft. Schnelligkeit. Zuversicht. Unbekümmertheit. | |||
Der Oger lässt seine zweite Axt in der Leiche des Pferdes zurück, nähert sich mit der Unvermeidlichkeit eines Erdrutsches, das Lächeln entblößt genau wie damals die hölzernen Zähne. Ausgestossen von der eigenen Sippe für Amrali unbekannte Verbrechen, wuchs dieser zu einer Bedrohung des nördlichen Steppenlandes, die Zuflucht irgendwo im Grenzland zu den tiefen Wäldern, bis er schließlich den Pfad Maethrins kreuzte. | |||
Heute führt Amrali keinen Bogen, um den Giganten bereits aus der Ferne zu verwunden und in Wut zu versetzen, keinen Speer, um den Reichweitenvorteil dieser absurd langen Arme wenigstens teilweise auszugleichen. Sie taucht unter dem ersten Schwung der Axt hindurch und verliert beinahe den Kopf, als der Oger sich dreht, mit einer Behendigkeit erneut attackierend, die die vermeintliche Trägheit des feisten Leibes Lügen straft. | |||
Der eigene Gegenangriff geht ins Leere, die vorgestossene Klinge durchschneidet nur die Luft, als der Oger einen Schritt zurücksetzt und dieses Mal hat sie nicht genug Raum um dem nächsten Angriff auszuweichen. Der Hieb gleitet am Schild ab und ein dumpfer Schmerz geht durch den gesamten linken Arm Amralis, die Erschütterung hart genug, dass es sich anfühlt, als wäre der Knochen geborsten. Die Finger geben nach, kraftlos, die ganze Gliedmaße wie totes Gewicht an der Seite, während sie um das Gleichgewicht kämpft, aus geweiteten Augen die Bewegung der bronzenen Axtklinge verfolgend, die der Oger nun in einem weiten Bogen zurückschwingt. | |||
Sie nutzt die Öffnung, um nach vorn zu gehen, den verhängnisvollen Nachteil der geringeren Reichweite damit ausgleichend. Mit der kürzeren Waffe ist sie für direkte Nähe besser gerüstet und sie kann es sich nicht leisten, den Kampf in die Länge zu ziehen. Der Oger ist grösser, stärker, ausdauernder. Und sie hat bereits einen Arm verloren. | |||
Die Klinge fährt über den Wanst, über die zähe Haut und hinterlässt einen langen, blutigen Schnitt, aber nicht mehr. Noch bevor sie den Angriff ergänzen und die Waffe durch den Leib der Kreatur bohren kann, findet die übergrosse, waffenfreie Pranke ihr Ziel. Finger, dick wie Amralis Unterarm, schliessen sich um ihren Schädel und drücken zu, bis der Knochen zu knirschen beginnt – ein plötzlicher, siedendheisser Schmerz in den Halswirbeln gesellt sich dazu, als der Oger sie in die Höhe reisst, am ausgestreckten Arm baumeln lässt wie eine Puppe. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Heute nicht, #$#*!#"</i></span> | |||
Das Letzte ist ein Wort und doch kein Wort, etwas, was an ihrem Begreifen vorbeifliegt ohne Halt zu finden. | |||
<i>'Ein Name.'</i> wundert sie sich ein winziger Teil von ihr, während die Instinkte sie vergeblich an den Fingern des Ogers krallen lassen. Und: | |||
<i>'Aber er hat nie gesprochen.'</i> | |||
Das schmerzhafte Knirschen des eigenen Schädelknochens geht in ein helles, berstendes Knacken über, Schmerz flackert auf wie eine Stichflamme. Dahinter ist nur samtweiche Dunkelheit. | |||
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Amrali erwacht zum protestierenden Schmerz des eigenen linken Arms, auf dem all das Gewicht ihres Körpers lastet. Sie schmeckt Blut auf den spröden Lippen und Staub, ein dumpfer Schmerz bohrt mit träger Gemächlichkeit zwischen ihren Schläfen. | |||
Sie rollt sich auf die Knie, noch immer desorientiert, bevor ihr Blick auf die erkaltete Leiche Trottes fällt. Das Pferd ist tot, daran kann kein Zweifel bestehen, der Leib halb entzwei geschnitten durch den machtvollen Hieb einer scharfen Waffe. | |||
Die uralte Bronzeaxt ist nirgendwo zu sehen, verschwunden wie der Oger, der sein Leben vermeintlich vor Jahren in einer Steppe fern von hier aushauchte. | |||
War er hier? | |||
Der Gedanke treibt sie in die Höhe und auf frantische Spurensuche, aber der harte Steppenboden gibt selbst hier in der Nähe des Wasserlochs nicht viel preis. Alles könnte sein. Nichts ist eindeutig, bis auf das Fehlen des Angreifers und seiner mörderischen Zwillingswaffen. | |||
<i>'Und ich lebe.'</i> | |||
Der Gedanke kommt mit einem tiefen Gefühl von Ohnmacht, eingerahmt durch beunruhigte Verwirrung, in die sich nagend abergläubische Furcht mischt. Einzig der Schmerz im linken, vor Jahren zertrümmerten Arm erscheint so real wie das stetige Licht eines Leuchtturms vor dunkler Gischt und er ist ein treuer Begleiter, als sie sich zurück nach Solgard schleppt. | |||
Zurück bleibt die Leiche Trottes, Mahlzeit für ein Rudel hungriger Wölfe. Für die Tiere gibt es keinen Zweifel daran, was real ist und was nicht. | |||
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{{Box|TITLE=Nordwind|CONTENT= | |||
Amrali ist mit Schmerzen vertraut: Denen nach einem Kampf, wenn der Preis gezahlt wird für eine Herausforderung, ganz gleich, ob freundlich oder nicht. Und mit den .. Anderen, die keine sichtbaren Narben hinterlassen. | |||
Der Verlust Trottes ist etwas, was an ihr nagt, einen unzufriedenen Grimm hinterlässt, als würde ein Teil von ihr weiterhin bluten und sie weiß, dass das nicht zu weit von der Wahrheit entfernt ist. Das ist, wie sie gelernt hat, ein Teil des Ganzen: Unvermeidlich für die letztliche Heilung, die irgendwie ein Davondriften ist, die gemächliche Distanzierung über Zeit. Der Ersatz mit etwas Neuem. | |||
Das Neue trägt in diesem Fall den Namen Fleck und ist ein junger Schecke, feurig, ungeduldig und zu temperamentvoll, um sich ihm anzuvertrauen. Anders als Trotte benötigt Fleck stetige Aufmerksamkeit, Kontrolle und Korrektur und diese Aufgabe beansprucht einiges von Amralis verfügbarer Zeit. Es ist anstrengend, aber willkommen, auch wenn es an alte, glückliche Erinnerungen rührt, die auf ihre Weise noch darauf warten, endlich zu vernarben. | |||
<i>'Aber das werden sie nie.'</i> | |||
Das Steppenland Maethrins war die Heimstatt struppiger, robuster Ponies, allesamt Falben in verschiedenen Schattierungen. Ausdauernd, trittsicher und unerschrocken, aber nicht zu vergleichen mit einigen der gewaltigen Schlachtrösser, die Amrali seit ihrer Ankunft hier zu Gesicht bekam. Seit Menschengedenken waren diese Pferde in riesigen Herden unterwegs, groß genug, dass die herausgefangenen Tiere der jährlichen Jagden keine Rolle spielten. Niemand, so sinniert Amrali, während sie ihre baufällige Heimstatt zurücklässt und sich auf den Weg zur Bollwerkzunft macht, verschwendete auch nur einen Gedanken daran, vielleicht selbst Pferde zu züchten - zumindest nicht in Maethrin. | |||
Darin liegt ein Paradigma, das sie Mühe hat, zu greifen, eine fundamentale Ableitung, deren Präsenz sie spürt, ohne die richtigen Worte zu finden. | |||
Die Ankunft bei der Bollwerkzunft entbindet sie von der Pflicht solcher Grübeleien, die Stimmung wandelt sich. Nicht zu Erwartung, denn es gibt keine Notwendigkeit, die Ausrüstung zu pflegen, die erst vor Stundenfrist fertig gereinigt und geölt wurde, jetzt in der Heimstatt unter Tüchern auf die Abendkühle wartet, für einen finalen Durchgang mit Wachs. Es ist etwas in den Stimmen, die durch den Lärm der Werkzeuge klingen, etwas im Versprechen von Gemeinschaft, das die gallige Schärfe aus dem Bewusstsein treibt. | |||
<i>'Zumindest für eine Weile kann ich so tun, als würde ich dazugehören.'</i> | |||
Das ist einfach: Ein Gespräch hier, ein Geschwätz da. Gesichter und Namen, die mittlerweile nicht mehr gänzlich fremd sind, und dann ist da Zlata, wie so oft getrieben von einer tatkräftigen Entschlossenheit, die die Welt in Probleme einteilt und dann alle zugleich zu lösen versucht. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Amrali! Habt ihr auf dem Weg hierher eine Karawane vom Steinbruch gesehen? Angeführt von einem zotteligen Alten?"</i></span> | |||
Sie vermeidet es haarscharf, zu Radesvald herüberzustarren bei der Beschreibung, aber kann nicht umhin zu bemerken, wie die Frage Zlatas einen Wellenschlag an Reaktion durch den ganzen Raum schickt, als die Mehrzahl der Anwesenden den gleichen Impuls verspüren und in Richtung des alten Druiden blicken. | |||
Mehr Worte werden gewechselt, das Hin und Her löst sich auf, als Amrali sich anschickt, Zlata zu folgen. Der Steinbruch ist in überschaubarer Entfernung zum Stadttor Solgards, das Wetter mild und ein Fußmarsch genau das Richtige, um den Abend abzuschließen. Und es wird ihr Gelegenheit geben, Fragen zu stellen: Zuviele Themen wurden angekratzt, aber nicht beendet. | |||
Der Weg ist ihr vertraut: Auch wenn es keinen wirklichen offiziellen Weg zum Steinbruch gibt, haben die jeden Tag dorthin ziehenden Arbeiter doch ihre Spuren in den Sand geprägt, hier und dort ist die Richtung unnötig durch in den Untergrund getriebene Pfähle zusätzlich markiert. Jetzt, zu dieser Stunde, ist dieser provisorische Pfad aber verlassen. Darin liegt ein Rätsel: Sollte die Tagesglut es nicht angenehmer machen, des Abends zu arbeiten? Der Steinbruch ist ein Tagebau, zwängt sich wie ein Parasit an die Flanken der Berge, ohne dabei eine nennenswerte Höhe zu erreichen, eingerahmt und abgesteckt durch hölzerne Gerüste. Die Spuren eines Lagers sind genauso zeitweilig wie der Weg, warten nur darauf, vom nächsten Sturm einfach davongefegt zu werden, selbst jetzt, kaum Stunden nachdem die Arbeiten eingestellt wurden, findet sich schon eine dünne Schicht von Sand auf einem mächtigen Kessel, der nur noch aus Ruß und Rost zu bestehen scheint. | |||
Und dann sind sie da: Vier Hünen, bewaffnet und bewehrt, allesamt über zwei Schritt groß, grimmige, dunkle Gestalten vor dem Hintergrund des noch immer blendend hellen Sandes, der das letzte Licht der Abendsonne fängt. | |||
Amralis erster Impuls ist .. Aufregung. Die Nordleute und Maethrin waren stets ungleiche Verbündete, von mehr Eigenheiten getrennt als verbunden, aber sie erinnert sich an die seltenen Besuche, bei denen die Nordleute über die Menge hinwegragten, wie Erwachsene über eine Schar von Kindern. Es war immer ein Spektakel und begleitet von einträglichem Handel, wenn schwere Felle im Steppenland gänzlich unbekannter Tiere staunend befühlt werden konnten. | |||
Ihr zweiter Impuls ist Ernüchterung: Dies ist nicht Maethrin und es herrscht Krieg zwischen Solgard und Fjellgat. | |||
Die Mienen der Nordleute lassen wenig Zweifel an ihren Absichten, noch bevor die Worte kommen - in einem Wirrwar von Dialekt, durch den Amrali sich nur mit Mühe kämpfen kann. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Entwaffnen."</i></span> versteht sie und <span style="color:#2980b9"><i>"Ich will sie lebendig."</i></span> | |||
Für einen Moment steht ihr Herz still, bevor es abrupt bis zum Hals schlägt, getrieben von einem tief wurzelnden Entsetzen, das aufbricht wie eine alte, nie ganz verheilte Narbe. Die Waffe springt in ihre Hand und sie geht geradewegs zum Angriff über, schnellt voran. Die Klinge schabt nutzlos über Metall und Leder, gleitet ab, während der Hüne in Kampfhaltung fällt - vielleicht überrascht von der Dreistigkeit der Attacke, aber nicht genug, um überrumpelt zu sein. | |||
Der Kampf, wenn man es so nennen will, dauert nur Sekunden, dann findet Amrali sich auf dem Boden nieder, niedergeschmettert von einem fast schon beiläufigen Hieb, aber während sie versucht zu atmen, fühlt sich ihr Brustkorb an, als würde er in Flammen stehen. | |||
Möglicherweise, so schleicht sich ein Gedanke ein, während sie vergeblich nach der verlorenen, außer Reichweite liegenden Waffe tastet, sollte sie Solgard einfach nur noch mit Rüstung verlassen, nicht wie ein Spaziergänger auf der Suche nach ein paar Pilzen. | |||
Zlatas Widerstand ist lautstärker, hektischer, aber letztlich nicht erfolgreicher, geht über in Fragen, Forderungen und Vorwürfe während des Transports nach Fjellgat. Amrali hat nichts beizutragen: Die Bewegungen des Reitbären, über den sie geworfen wurde wie ein Sack Mehl, sorgen dafür, dass die geprellten, vielleicht angebrochenen Rippen bei jeder Bewegung schmerzen. | |||
Die Heimstatt der Nordleute erscheint wie ein Gegenstück zu Solgard: Weitläufig, Holz auf Grün und Weiß, Leben, das sich in der Kälte behauptet. Der Kerker stinkt nach altem Schweiß, Blut und Erbrochenem, und darin liegt etwas Vertrautes. Nicht willkommen, aber dennoch .. vertraut, wie der Schmerz im linken Ellenbogen bei jedem Wetterwechsel. | |||
Zlata verbleibt ungebrochen: Herausfordernd auf der Suche nach Antworten und Erklärungen. Nach Sinn in etwas, was ihr wohl erscheinen muss, wie ein Akt von Wahnwitz, und aus den Fragen, aus den knappen, unwirschen Antworten, formt sich schließlich auch für Amrali ein Bild: All das geht zurück auf den Tod eines weißen Hirschs, eines heiligen Tieres, für den Verantwortung, Buße gesucht wird - durch Zlata, oder jemand anderes, der bereit ist, sich dieser Verantwortung zu stellen. | |||
Der Anführer selbst spricht die Worte, die Amrali dann Stunden später in Solgard niederschreiben lassen wird, paraphrasiert, hoffentlich korrekt interpretiert: | |||
In zwei Tagen wird er Recht sprechen vor dem Thing wegen des Todes des heiligen Tieres. Entweder über Zlata oder über jemanden, der ihre Stelle einnimmt. | |||
Das ist die Botschaft, mit der er Amrali auf den Weg schickt, das ist der Satz, den sie in ihren Gedanken wälzt, während sie durch das trostlose Eisland stolpert, zum ersten Mal seit Jahren wieder betend, die Göttin bittend, dass sie die Aufmerksamkeit der Harpyien anderenorts lenkt. Kein Aufgeben: Sie hat Schlimmeres überstanden, auch wenn jeder Atemzug brennt wie die Hölle. | |||
Der Abschiedsgruß an Zlata, noch innerhalb der Zelle gemurmelt, folgt ihr wie ein düsteres Omen am Horizont. | |||
<i>"Wir sehen uns wieder, Schwester."</i> | |||
Das ist ein Versprechen, formalisiert, auch wenn es nie wirklich Eingang in die Traditionen Maethrins fand und an sich Kampfgefährten vorbehalten, ein letztlich unnötiges Wort der Verbundenheit im Angesicht überwältigender Herausforderungen. Es hier zu verwenden war falsch, die Bedeutung ohnehin verloren an Zlata, die in einer gänzlich anderen Kultur mit anderen Werten aufwuchs. Aber das Bewusstsein dessen mildert die Scham, die Reue nicht. | |||
<i>'Ich habe mein Recht auf diese Worte verloren.'</i> | |||
Die Bitterkeit dieses Gedankens treibt die Entschlossenheit nur an. Und tatsächlich scheint die Aufmerksamkeit der Harpyien an diesem Abend nicht auf den offensichtlichen Wegen zu liegen. | |||
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{{Box|TITLE=Nachtspaziergang|CONTENT= | |||
Solgard ruht unter einem Zelt von Sternen, deren kaltes Licht die hauchdünne Sichel des Mondes mühelos überstrahlt. Ruhen ist, natürlich, ein schwacher Begriff für eine Stadt dieser Größe, am Hafen herrscht auch zu dieser Stunde stetiger Betrieb und nicht alle Geschäfte haben Grund, sich vor dem Gesetz in die Schatten zu ducken. | |||
Amrali selbst ist rastlos trotz der Müdigkeit, aus der kargen Bettstatt getrieben von Alpträumen, die die Ereignisse des Abends probend nachahmten: Dunkle, vollständig mit Wasser gefüllte Tunnel, illuminiert nur durch an die Wände geklammerte Pilze. In den Träumen ist die Last des Wassers schwerer, das Gefühl von Enge bedrückender, der Eindruck von Verlorenheit und Einsamkeit tiefgehender. Drei Mal fuhr sie aus dem unruhigen Schlaf auf, geweckt vom bis zum Hals klopfenden Herzen, nur um in eine andere Variante des gleichen Motivs zurückgezogen zu werden. Tunnel, gefüllt mit schlingenden, würgenden Pflanzen. Tunnel, in denen das Wasser eine zähe Masse ist, in der jede Bewegung zur Qual wird. Tunnel, die enger und enger werden, bis es keinen Weg nach vorn mehr gibt. Sie alle haben eines gemeinsam: Das Gefühl, zu ersticken, das verzweifelte Ringen nach Luft und die Ohnmacht gegenüber unversöhnlichen Umständen. | |||
Selbst nach dem Erwachen schmeckt die Luft abgestanden und schal, nach verdunstetem Wasser, nach Algen, die dankbar an den Holzbalken emporkriechen und Muscheln, die von kreischenden Möwen auf das flickenbedürftige Bretterdach fallen gelassen wurden. All das ist vertraut und doch zugleich auch zuviel, genug jedenfalls, um Amrali aus der klapprigen Umarmung ihrer Heimstatt und hinaus auf die Straßen Solgards zu treiben. | |||
Dort wandert sie, ziellos, zu unbehaglich für die tatsächlich menschenverlassenen Straßen der reinen Wohngebiete, wo das Gefühl von Verlorenheit jeden Atemzug schwer macht. Es ist einfach im Hafen, wo noch immer genug Menschen unterwegs sind, um nicht sonderlich herauszustechen. Ablenkung ist alles, was sie braucht und davon gibt es hier selbst zu dieser Stunde reichlich: Ein Schwertschlucker, der seine Künste an einer Kreuzung vor einem ebenso beeindruckten wie angetrunkenen Publikum demonstriert, begleitet nicht nur von begeisterten Ausrufen, sondern vor allem von einem Kumpanen, der geschickt den einen oder anderen Beutel schneidet. | |||
Eine selbsterklärte Druidin mit einem ganzen Zirkus offenbar bestens dressierter Ratten, die mit verblüffender Zielstrebigkeit und Genauigkeit kleine Aufträge erfüllen, Kunststücke ausführen und damit die Gunst von Passanten erringen. Ein Boxkampf zwischen zwei Seeleuten, umringt von einem Kreis wettfreudiger Zuschauer, die jeden Griff, jeden Schwinger lautstark entweder frohlockend oder klagend kommentieren. | |||
Ein zahmer Hüne, weit über zwei Schritt groß, mit einem Ring durch die Nase wie ein Ochse, eine damit verbundene schwere Kette liegt in der Hand eines nur halb so großen Männleins, das davon spricht, wie der mächtige Tankabunkel von den Streitkräften Solgards überwältigt, festgesetzt und schließlich gezähmt und zum wahren Glauben konvertiert wurde. Einmal anfassen? Fünf Groschen! Sich von ihm hochheben lassen? Zehn Groschen! | |||
Etwas an der Gestalt des vermeintlichen Barbaren kratzt an Amralis Aufmerksamkeit, ohne dass sie den Finger darauf legen könnte, aber sie ist sich sicher, dass irgendeine Art von Schwindel im Gange ist. Das tut dem Erfolg der Masche keinen Abbruch, aber der Anblick der knapp bekleideten Gestalt erinnert sie an den Zusammenstoß mit den Bewohnern Fjellgats und noch offene Schulden, an Scham und Schuld und das bohrende Gefühl von Verlust. Es liegt noch etwas anderes darin: Ein Funke von schwerer zu greifender Begeisterung, von Kampfeslust, die sich weigert, den Ernst der Situation, irgendeiner Situation, anzuerkennen. Etwas anderes noch, vor dem die Gedanken instinktiv zurückscheuen, wie Finger vor einem über dem Herd erhitzten Topf. | |||
Sie wandert weiter durch das nächtliche Solgard, passiert einen fliegenden Händler, der lautstark Würste fragwürdiger Herkunft anbietet, eine Wahrsagerin, die verspricht, die eigene Zukunft aus dem Klang einer Münze zu lesen, einen Quacksalber, der Wunder verheißt durch die geschickte Anwendung von Blutegeln und getrocknetem Froschlaich. Unter dem scharfen Blick einer Wachpatrouille packt ein fliegender Händler eilig zuvor auf einem Tuch ausgebreitete Schmuckstücke zusammen, übersieht dabei in seiner Hast eine kleine, aus Messing gefertigte fingergroße Statue, die offensichtlich Großmeister Darez darstellen soll: Die linke Hand segnend erhoben, die rechte mit drohend nach vorn gerichteter Waffe, ein Hirschpelz über den Schultern hängend. Er flüchtet mit einem Sammelsurium anderer Kinkerlitzchen: Weitere Figuren, die höchstwahrscheinlich Persönlichkeiten der Stadt darstellen sollen, Armbänder aus Kupfer und Bronze, Ohrringe mit gewagten Formen und Armbänder mit eingeprägten Mustern. | |||
Das erste Licht dämmert bereits am Horizont, als Amrali zu ihrer Heimstatt zurückfindet, müde, aber nicht minder rastlos, eine kleine Messingstatue verborgen zwischen den Fingern der rechten Hand. Der linke Arm schmerzt, lässt erahnen, dass das Wetter in den kommenden Tagen umschlagen wird, auch wenn der Himmel bislang keinen Hinweis darauf gibt. Aber sie kann den Sturm bereits spüren. | |||
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{{Box|TITLE=Der Schädel|CONTENT= | |||
Die Sonne steht bereits hoch am Himmel, als Amrali die Wehrmauern Nebelhafens zurücklässt und ihre Stimmung trägt genau die grauen Wolken, die der strahlend blaue Himmel vermissen lässt. Was ein kurzer Handel zu beidseitiger Zufriedenheit hätte sein können, entpuppte sich als eine zähe, letztlich vergebliche Verhandlung ohne Einigung. | |||
Der gebotene Preis, so sagt sie sich zumindest, während sie Fleck die Wegfindung überlässt, war vollkommen im Rahmen, nicht anders als vor einem guten Mond. Vielleicht ist das die Schuld der Dunkelelfen und ihres Vorstoßes. Vielleicht auch das Resultat anderer Spannungen, die sie derzeit weder einschätzen noch greifen kann. | |||
Die Mittagshitze treibt Fleck unter das grüne Dach der Wälder, lässt den jungen Hengst Abstand nehmen von den ausgetretenen und ausgetrockneten Pfaden, wo die letzten Spuren der zurückliegenden Regenfälle schon längst zu steinharten Rillen getrocknet sind. Wahre Knochenschüttler für Kutschen, aber bedeutungslos für Reiter, lange noch nicht tief genug, um die Gelenke von Rössern oder Maultieren zu gefährden. | |||
Trotte, der altersmüde Veteran, hätte sich davon gewiss nicht abhalten lassen, aber er ruht nun schon seit Monaten in der Prärie, gefallen in einem Kampf über den nachzudenken Amrali sich nicht überwinden kann. Aber Fleck ist jung, energisch und nervös, stetig bemüht, sich selbst zu beweisen und der Hand der Reiterin zu entkommen. | |||
An manchen Tagen ist es einfach, ihn laufen zu lassen, darauf zu vertrauen, dass er nicht zu weit vom Weg abkommen wird und die Auseinandersetzungen auf andere Zeiten zu schieben. So war es in Maethrin: Freiheit und Pflicht, miteinander verbunden, geerdet durch unumstößliche Prinzipien. Die Fähigkeit, Befehlen zu folgen, war immer genauso wertvoll wie jene, im Zweifel auch eine Korrektur vorzunehmen. | |||
Der Schecke tänzelt und schnaubt, zieht die driftende Amrali zurück in das Hier und Jetzt. Die Hand findet zum Griff der Waffe, ohne dass es dafür eines bewussten Gedanken bedürfen würde, aber kein Feind schält sich aus der Deckung der Bäume und die Reiterin benötigt ein paar Momente, um zu realisieren, was Fleck aufstörte: Direkt vor den Hufen, halb verborgen im krautigen Unterkraut liegt ... etwas. | |||
Etwas. Ein Schädel, gehörnt wie von einer Ziege, aber massiger, wuchtiger. Eine fahlgrüne Flamme lodert dort, deren Flackern sich dem direkten Blick entzieht: Nur aus dem Augenwinkel ist die sich windende Bewegung sichtbar und scheint zu verharren, wann immer der Fokus sich genau auf den Ursprung hin ausrichtet. Ein kalter, abergläubischer Schauder flieht über den Rücken der Blonden: Unter anderen Umständen könnte, müsste das das Zentrum irgendeines verbotenen Rituals sein, und die linke Hand formt das vertraute Schutzzeichen, ohne dass sie darüber nachdenken müsste: Alle fünf Finger strecken sich, die Strahlen der aufgehenden Sonne repräsentierend. | |||
Es gibt Worte, die zur Geste gehören, eine Lobpreisung und eine Bitte, aber die Erinnerung daran ist verwischt, ein tonloses Murmeln im Hintergrund des Begreifens. Amrali hat nicht mehr als die Geste und ihren Argwohn. | |||
Kein Altar, keine mit Blut gezeichneten Linien, nur ein schief liegender Schädel mit glimmenden Augen, nicht wie platziert, sondern wie fortgeworfen. Der Boden verrät wenig: Das dichte Kraut ist nicht zertrampelt, nicht zerschnitten, und falls es mehr Details zu finden gäbe, bleiben sie den Sinnen der Blonden verborgen, die mit sich ringt. | |||
Ein Teil von ihr erwägt die Flucht, den eiligen Rückzug. Ein anderer kalkuliert den möglichen Wert dieses Fundstücks. Und nicht zuletzt ist da noch ein winziger Teil von Neugier, der mit der vordergründigen Furcht ringt. | |||
Fleck stampft erneut, die Hufe nun gefährlich nahe an der grünen Flamme, und dieser Impuls ist genug, um die Entscheidung umzuwerfen. | |||
Sie sitzt ab und streckt behandschuhte Hände aus, nimmt den Schädel auf. Er wird, so entscheidet sie in diesem Moment, mit ein wenig Mühe in die Satteltasche passen. | |||
Die grüne Flamme erlischt. | |||
Amrali blinzelt. | |||
Für lange Momente steht sie erstarrt, abwartend, lauschend. Aber kein Kribbeln kriecht durch ihre Adern, kein höllisches Brennen beginnt ihre Haut zu verzerren. Alles scheint normal. Normal. | |||
Fünf Minuten später ist sie zurück auf dem Weg nach Hause, dieses Mal nicht länger Fleck die Wahl des Weges überlassend. Es ist Zeit, das hier zu jemand anderes Problem zu machen. | |||
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{{Box|TITLE=Gespinst|CONTENT= | |||
Der Nachthimmel Solgards ist klar und wolkenlos, ein makelloses, juwelenfunkelndes Gegenstück zur azurblauen Fläche, die die Tage beherrscht. In jenen Stunden verwandelt das herabstarrende Auge der Sonne die Straßen und Gassen in eine schwitzende Gluthölle und auch jetzt, nicht mehr weit vom ersten Licht am Horizont entfernt, atmen Mauern und Pflastersteine noch ein Echo davon aus. Die Abkühlung ist eine vom Meer kommende Illusion, aber es könnte schlimmer sein. | |||
Und der Ausblick zumindest ist atemberaubend: Der Mond ist nahezu voll, eine aufgeblähte Silbermasse mit scharfen Rändern, ohne die feine Aureole, die sich bei anderer Wetterlage gern einmal ausmachen lässt. Die Sterne erscheinen überall: Wann immer Amrali sich auf einen einzelnen Punkt konzentriert, schälen sich, wie von Zauberhand, weitere kleine Splitter der Juwelen in die Wahrnehmung. Sie alle, so verheißen es die Legenden, sind Splitter der Sonne, letzte Zeugen eines Kampfes, der vor Äonen gefochten wurde. | |||
<i>'Ich sollte schlafen.'</i> | |||
Der reuevolle Gedanke mildert den Eindruck des Wunders, ruft das schlechte Gewissen zurück und sie zieht die dünne Decke ein Stück enger, verstohlene Finger tasten nach dem abgelegten Waffengurt. Das vertraute Gewicht hat etwas Beruhigendes, die Solidität ist nicht allein fassbar, sondern verspricht auch Gewissheit und Zuversicht. Kontrolle. | |||
Das sollte genug sein, um loszulassen, um sich endlich in die dunkle Umarmung des Schlummers zu werfen, aber der Geist gibt keine Ruhe, driftet weiter von Gedanken zu Gedanken. Das ist nicht die Schuld des Ortes: Gegen einen offenen Balkon ist nichts einzuwenden und die Gesellschaft, nur eine Türschwelle und einen Vorhang entfernt, ist unaufdringlich, vielleicht mit eigenen Grübeleien beschäftigt, vielleicht auch tatsächlich mit Studien beschäftigt. Amrali hat unter schlimmeren Umständen geschlafen. | |||
Aber die Wochen waren voller Ereignisse, die hier und dort an ihr nagen und nun aus dem Dunkel wieder auftauchen wie ungewollte, schon lange gebannte Schemen der Vergangenheit: Eine zornige Auseinandersetzung voller spitzer Anklagen, jede scharf wie eine gut geschliffene Klinge. Eine Expedition in das tiefe Dunkel und ein Marsch unter unheiligem Grund. Im Rausch des Moments, in der wilden Lust des Kampfes blieb keine Zeit dafür einfach... nachzudenken. Aber all das Versäumte blubbert jetzt zurück an die Oberfläche, wie Zlata im dreckigen Morast der Sumpflande, kaum zwei Tage zurück. | |||
Diese Erinnerung zumindest ist ein Lächeln wert, auch wenn sie es vermeidet, daran zu denken, wie lange es dauerte, Waffe und Wehr anschließend zu reinigen. | |||
Damit schließt sich der Kreis und die treibende Aufmerksamkeit kehrt zurück zur stillen Gastgeberin und deren Geschichte, zu Eingeständnissen, die für Amrali so schwer zu greifen sind. Nicht allein wegen der ... Entfernung ... sondern auch weil Teile der Konzepte so fundamental fremd für sie sind. Nicht ... unverständlich per se, aber eben nicht intuitiv eingängig, dass die richtige, angemessene Reaktion nicht aus den Worten, sondern viel mehr aus Haltung und Miene des Gegenübers geschlossen werden muss. | |||
<i>'Und auch dann ist es kaum mehr als ein Raten. In Maethrin wäre alles einfacher.'</i> | |||
Sie lächelt, aber es liegt ein Bedauern darin. Und dann, unverhofft und unerwartet, kommt der Schlaf doch noch und sie sinkt in Schlummer - tief und traumlos. | |||
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{{Box|TITLE=Nachtwache|CONTENT= | |||
Es ist die sechste Nacht unter diesem fremden Dach. Soweit Amrali es beurteilen kann, funktioniert die Vereinbarung stabil, aber fruchtlos: Keine Traumgesichter stören den Schlaf, keine wüsten Visionen suchen die Träume heim. Nichts stört die Ruhe, abgesehen von den eigenen treibenden Gedanken und einer schwer zu benennenden Unrast, einem Gefühl von Unruhe, das Amralis Finger kribbeln und ihren linken Ellenbogen ziehen lässt. Etwas liegt in der Luft. | |||
Vielleicht ist das nur ein Echo der Nervosität, die sie aus Zlatas Haltung, aus den Kommentaren herauszieht, vielleicht schlicht das Wetter, das bereits daran ist jenseits des Horizonts Wolken zusammenzubrauen. | |||
Das Wichtige ist: Ihre rothaarige Bewacherin schläft, versöhnt durch die Gewissheit, geweckt zu werden, wenn es doch zu einem Vorfall kommen sollte, aber bislang sieht es danach nicht aus. | |||
Alles ist friedlich. Und doch kitzelt etwas die Instinkte der Blonden, treibt die Müdigkeit zurück. Die Aufmerksamkeit greift vergeblich aus, lauernd, wartend, unsicher, aber gleichzeitig auch bereit, bis sie schließlich die Decken abstreift und die Waffe greift, auf leisen Sohlen den Balkon verlassend, um in das Obergeschoss einzudringen. | |||
Nichts lauert in den Schatten, keine Bewegung flackert in den Augenwinkeln. Alles, so scheint es, ist friedlich, während Zlata schlummert - hoffentlich ungestört von den nervösen Anwandlungen ihrer zeitweiligen Mitbewohnerin. | |||
Amrali stiehlt sich die Treppe hinunter, erst aufatmend als das Erdgeschoss erreicht wird, die lederne Hülle der noch immer gescheideten Waffe streift unbeabsichtigt eines der Regale und löst damit ein Schürfgeräusch aus, das die Verstohlene verharren lässt. Für Minuten lauert sie im Licht des noch fast vollen Mondes, wartend, ohne dass sich irgendein Feind zeigen würde. | |||
Die Einsicht kommt mit einem Gefühl von Reue, von peinlicher Betroffenheit: Das ist nicht, wie es sein sollte. | |||
<i>'Herumschleichen im Dunkeln. Dieser Illusionist färbt noch auf mich ab.'</i> | |||
Der Gedanke kommt mit einem Aufwallen von Humor, von Heiterkeit, die die brütenden Gedanken zurücktreibt, und sie erklimmt die Treppe einmal mehr, reibt den linken Ellenbogen, während sie an der Hausherrin vorbeischleicht, zurück in Richtung des offenen Balkons. | |||
Und verharrt. | |||
Etwas ... | |||
Zwei verstohlene Schritte, ausgelöst durch ein vages Prickeln von Wahrnehmung, auch jetzt mehr Instinkt als tatsächliche Beobachtung, und sie beugt sich über die Schlummernde. | |||
Das Gesicht ist fremd und doch viel zu vertraut, umgeben von einem Rahmen dunkelbraunen glatten Haares. Eisengraue Augen öffnen sich und fangen das Mondlicht ein. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Ich lasse dich niemals gehen. Schon gar nicht jetzt."</i></span> | |||
Sie stolpert zurück, alle Vorbereitung, alle Anspannung nutzlos - die sinnlos umklammerte Waffe poltert zu Boden, bevor beide Hände sich abwehrend heben, aber keine Schutzgeste ist genug, um die sich nun Erhebende abzuwehren. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Erzähle mir, was du gesehen hast."</i></span> | |||
Die Wahrnehmung kippt, als würde jemand den Boden unter ihren Füßen wegziehen und Amrali fällt … | |||
... erwachend. | |||
Das Herz klopft bis zum Hals, während sie sich orientiert, nach der Waffe tastend, die neben der kargen Bettstatt wartet, scheinbar unberührt. | |||
Im Haus ist es still, während im Osten bereits die ersten Töne von Rot und Orange den Horizont berühren. | |||
<i>'Nur ein Traum. Nur ein Traum.'</i> | |||
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{{Box|TITLE=Verlaufen|CONTENT= | |||
Es ist fast genau auf den Tag 6 Monate her, dass Amrali unweit von Solgard an Land kroch, salziges Wasser spuckend, dankbar für die Wärme der Sonne. Eine Schiffsbrüchige, vielleicht die einzige Überlebende jenes Frachters, aus dessen aufgerissenem Bauch Seeleute, Wachen und Sklaven gleichermaßen quollen. Sie erinnert sich an den Kampf zwischen den Wellen, an das rauschende Tosen der Brandung an der Untiefe mit der stetigen Drohung scharfkantiger Steine. An die zirkelnden Jäger und Aasfresser, manche noch verborgen unter der aufgewühlten, schaumgekrönten Oberfläche des Wassers, andere gemächlich weit oberhalb der Köpfe. Wartend. | |||
Sie erinnert sich an das Gefühl von Erschöpfung und Dankbarkeit, selbst an das von Herzen kommende Dankesgebet, das - wenngleich durchaus Teil der Traditionen - weitgehend verpönt ist unter den waffentragenden Bewohnern Maethrins. Aber das Prinzip von Stärke, von Eigenverantwortung, von Fähigkeit und Befähigung hat wenig Kraft, wenn man ein Spielball der Gezeiten ist, den Strömungen ausgeliefert. Die vertrauten Worte zu sprechen war befreiend, tröstend, ermutigend hier an diesen fremden Gestaden mit der Drohung der Stadtsilhouette fern am Horizont. | |||
Solgard war der Name hinter diesen Mauern und Türmen, hinter Straßen und Gassen die bald schon vertraut sein würden. Nicht genug um es Heimat zu nennen, aber ausreichend für ein Gefühl von Loyalität und Zugehörigkeit. Gedämpft, natürlich, es verging kein Tag an dem Amrali sich nicht daran gemahnte, dass sie - letztlich - ein Fremdkörper hier war. Verbunden, aber kein echter Teil, so wenig wie ein Messer zum Teil des Körpers wurde, nur weil es für Nützliches oder Verwerfliches gebraucht wurde. | |||
Aber es ist ein weiter Unterschied zu jenen ersten Tagen. Um das zu begreifen braucht sie kaum den mittlerweile gewohnten, prüfenden Blick in den mannshohen Spiegel, der über Zlatas Schlafzimmer herrscht. Dessen kalte, seelenlose Reflexion scheint sich auf die falschen Details zu konzentrieren: Das blonde Schopfhaar, noch immer kurz genug, dass man die Kopfhaut durchschimmern sieht. Die eingefallen wirkenden Wangen und die tief liegenden Augen, schmale, gerade jetzt kritisch zusammengekniffene Lippen. Die Narbe, prominent über die Kinnlinie verlaufend und den Hals hinab, um dann unter Stoff zu verschwinden - ihre Ausläufer unsichtbar für das urteilende Auge des Spiegels, aber spürbar mit jedem Herzschlag. | |||
Das alles ist ernüchternd, ein ebenso stetiger wie abrupter Auslöser gedankenloser Irritation im ersten Moment, bevor sie jeden Morgen aufs neue begreift: Das bin ich. Ein verblasster Schatten, wie eine ausgeblichene, an den Rändern ausfasernde Erinnerung. | |||
Das ist ein Gedanke, der schwer an der begrabenen Eitelkeit kratzt, ein Gedanke dem auszuweichen sie gelernt hat. Der Trick ist, über all das zu Offensichtliche hinweg zu blicken und andere Details im Spiegel zu suchen: Die Kleidung ist einfach, aber solide. Der Waffengurt in einem guten Zustand und zeigt eine ganze Anzahl hübscher Prägereien im Leder. Die schweren, mit Gold überzogenen Bronzespangen umschliessen die Handgelenke wie ein Tribut an frühere Gewohnheiten. Ein halb unter Kissen vergrabener roter Schopf. | |||
Sie zögert. | |||
Nicht wegen der Uhrzeit: Die Sonne ist gerade erst aufgegangen und ihre Gastgeberin hat wie so oft die meisten Nachtstunden mit - nach Ansicht Amralis - nervtötender und langweiliger Arbeit verbracht: Aufzeichungen gesichtet und übertragen, Forschungsergebnisse überprüft, Berichte umformuliert. Messungen durchgeführt und korrigiert, Protokolle abgezeichnet. Allein der Gedanke lässt die Blonde sich bereits müde fühlen und sie vermutet, dass es vor der Mittagsstunde wenig Bewegung von dort geben wird. | |||
Auch nicht wegen der Gastgeberin an sich, auch wenn der Blick nun für lange Momente auf dem Wenigen haftet, was sich nicht unter den Decken verbirgt. Die Betrachtung kommt mit einem Anflug von Schuld, die ungnädig am Selbst kitzelt. | |||
<i>'Ich nutze sie zu sehr aus. Die Waage ist nicht ausgeglichen.'</i> | |||
Sie rätselt darüber, während sie sich auf den Weg macht, dem Verlauf der längst vertrauten Straßen in diesem Stadtviertel folgend, bis die hübschen Fassaden weniger freundlich werden, die Abstände zwischen den Häusern kleiner und kleiner, bis sie sich gegeneinander lehnen wie Betrunkene: Vom Leben gezeichnet, mitgenommen, abgerissen. | |||
Und damit kehren die Gedanken unvermeidlich, aller Mühe zum Trotz, doch wieder zu den Ereignissen des vergangenen Abends zurück, zu dem, was ein nebensächlicher Ausflug hätte sein sollen und sich wie der Anfang zu einem besonders verzweifelten Witz lesen könnte: Gehen eine Stadträtin und ein Elf eine Freundin im Hafen besuchen .. | |||
Ein halbes Jahr ist genug Zeit, um die Biegungen zu kennen, um sich zu orientieren ohne einen bewußten Gedanken zu verschwenden: Hier ist das baufällige Haus, dessen Dachstuhl vor mehr als einem Jahr abbrannte und das noch immer nicht wieder vollständig aufgebaut wurde. Hier sind die drei Schwestern, hoch ragende hölzerne Gebäude, die sich gegenseitig zu betrachten scheinen, schon seit jeher der Sitz einer der örtlichen Banden. Dort ist das tiefe Loch in den längst nicht mehr gepflasterten Straßen, immer mit Wasser gefüllt und Schauplatz eines grausamen Verbrechens, über das die Bewohner nur hinter vorgehaltener Hand sprechen. Hier die alte Mühle von der aus vor Monaten ganze Schwärme von Ratten über die Nachbarschaft herfielen, gesandt - so heißt es - von einer düstere Lieder singenden Wahnsinnigen, die schließlich von einem künftigen Paladin von ihrem Fluch befreit wurde. Es gibt viele solcher Geschichten mehr und nur die Wenigsten sind Amrali vertraut, aber sie kennt den Weg zu ihrer eigenen baufälligen Heimstatt, eingepfercht zwischen andere Häuser, eine winzige Bleibe mit schlecht schließender Tür und übel riechender Nachbarschaft. | |||
Es ist nicht da. | |||
Das Gefühl von Unrast, von Übelkeit ist das Gleiche wie am Abend zuvor: Das perplexe Verständnis, dass etwas mit der Welt nicht stimmt. Wie kann jemand ein ganzes Haus stehlen? Oder hat sie sich, den Gedanken nachhängend, doch in die Irre führen lassen? | |||
Genau wie am Abend zuvor - damals in Begleitung einer zunehmend mürrischer werdenden Stadträtin und eines zunehmend faszinierter werdenden Elfs - dreht sie Kreise durch das Viertel, schreckt Anwohner auf und verscheucht eine ganze Bande von Kindern, die gerade dabei waren einander an den Kragen zu gehen. | |||
Es bleibt fruchtlos, ganz gleich welche Richtung sie einschlägt, ganz gleich an welchen Landmarken sie sich orientiert: Ihre Heimstatt bleibt verschwunden, als hätte sie jemand oder etwas aus der Wirklichkeit getilgt. | |||
<i>'Wie kann das möglich sein?'</i> | |||
Sie reibt den linken Ellenbogen in ungerichteter Nervosität, bevor sie sich erneut in Bewegung setzt, die verwinkelten Gassen - der Boden kaum mehr als getrockneter und festgestampfter Schlamm - absucht. | |||
Aber wie am Abend zuvor: Nichts. | |||
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{{Box|TITLE=Hadrian|CONTENT= | |||
Das Gefühl von Verlust ist etwas, was im Hintergrund lauert wie eine dunkle Wolke an einem sonst klaren, strahlend blauen Himmel: Eine Ahnung, eine Drohung des Kommenden. | |||
Alle weiteren Versuche die kleine, windschiefe Behausung zu finden haben sich bislang als fruchtlos erwiesen. Das Problem ist nicht etwa die traurigen Reste von Ausrüstung, die damit als verloren gelten müssen, sondern die große Frage, ob es noch andere .. Dinge .. gibt, andere Details, die sich in irgendeiner unfassbaren Weise dem Verstand, dem Begreifen, der Erinnerung entzogen haben. | |||
<i>'Und wie weiß man, ob man etwas vergessen hat?'</i> | |||
Der Gedanke begleitet Amrali durch die Straßen Solgard und flüstert in ihren Nacken, ist immer dabei, wenn sie nach verräterischen Details sucht, nach Abweichungen. Nach Verlorenem. | |||
Sie findet die Abweichung am unerwartetsten aller Orte: Im Hauptbankgebäude am Marktplatz, ein Ort der so viel frequentiert ist, wie kaum ein zweiter in Solgard. Die Frau hinter dem Tresen ist .. vielleicht .. neu: Amrali kann sich nicht gewiss sein, ob sie nicht sonst einfach zu anderen Zeiten arbeitet. Aber der Abwesenheit des hochnäsigen Mannes, der gewöhnlich von seinem Platz hinter dem Tresen aus verurteilend auf zerlotterte Herumtreiber herabschaut, ist sie sich gewiss. | |||
Amralis eigene Kiste enthält Gegenstände von fragwürdigem Wert: Eine Anzahl Münzen, eine Sammlung von Knochen verschiedener Wüstennagetiere, einige Gutscheine für einen ihr nicht näher bekannten Reisemagier mit den Initialen L.A., einen gänzlich zerknitterten Hut, das Zaumzeug, das einst von Trotte getragen wurde. | |||
<i>"Ich habe Hadrian eine Weile nicht mehr gesehen."</i> | |||
Das wird betont beiläufig formuliert - unverfänglich auch falls sie irgendwie herausstellen sollte, dass es keinen Bankier dieses Namens gab, gibt oder je geben wird. Aber die Blonde hinter dem Tresen verzieht die Lippen in einer allzu vielsagenden Geste, beugt sich dann vor die Stimme senkend. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Niemand weiß, wo er ist. Vor ein paar Tagen ging er nach Hause, nun ist er einfach fort. Erscheint nicht mehr zum Dienst, daheim öffnet niemand. Es wurde bereits vermutet, dass es Unregelmäßigkeiten gab und wir durften die letzten Tage über die Bücher gehen. Aber.. nichts. Alles scheint in Ordnung. Vielleicht ist er wirklich mit dieser Tänzerin aus dem Walross durchgebrannt."</i></span> | |||
<i>"Ist das eine Sache für die Stadtwache?"</i> | |||
Die Frau hinter dem Tresen winkt ab, die Miene nun säuerlich. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Bitte. Bei uns haben Wache und Orden gleichermaßen viel zu tun. Da gibt es keine faulen Müßiggänger, die zu viel freie Zeit an der Hand haben und es sich leisten könnten hinter jedem Bürger herzulaufen, der aus welchem Grund auch immer ein paar Tage für sich braucht. Ich bin sicher, er taucht schon wieder auf und dann hat er besser eine gute Erklärung und eine Entschädigung für die Überstunden, die ich hier leisten darf. Ich habe auch Familie, wisst ihr?"</i></span> | |||
Amrali nickt, während sie einen strategischen Schritt zurücktritt. Sie hat bereits genug von der Rage Zlatas erlebt und wenig Ambition hier nun als Ventil für den aufgestauten Ärger der Angestellten herzuhalten. | |||
<i>"Wisst ihr was? Ich werde diese Sache einmal beiläufig gegenüber Stadträtin Kovacs erwähnen. Sie kennt einige Magier und ihr wisst ja: Die haben selten einmal etwas zu tun und benötigen immer etwas, um sich wichtig zu fühlen."</i> | |||
Zur Überraschung der Blonden scheint das die Angestellte zumindest für den Moment zu versöhnen. | |||
Und während sie sich auf den Weg zum Gemeinschaftsgelände der Axiom macht, in Gedanken bereits eine Liste müßiggehender Magier durchgehend, verflüchtigen sich die eigenen Gefühle von Verlust, Sorge und Ungewissheit. Das hier, das ist greifbar. | |||
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{{Box|TITLE=Verwaist|CONTENT= | |||
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<span style="color:#2980b9"><i>"Du wirst die Gesetze Solgards achten. Bedenke, dass du hier mittlerweile andere Verpflichtungen hast als deinen eigenen Hals. Du riskierst mehr als eine weitere Narbe."</i></span> | |||
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An manchen Tagen hat Amrali das Gefühl, dass es einfach ist zu vergessen: Die Ursprünge, die Traditionen, die Kämpfe und Auseinandersetzungen des Aufwachsens. Auch: Die Begeisterung und Liebe, das erhebende Gefühl von Verbundenheit und Bestimmung, die Wärme einer eng geflochtenen Gemeinschaft. Das, so denkt sie im Blick zurück, war das eigentliche Herz Maethrins. | |||
Solgard ist anders gestrickt, daran hat sie dieser letzte Abend mehr als überdeutlich erinnert und darum streift sie auch nun, Stunden nach dem kargen Abschied auf der Schwelle einer trostlos eingerichteten Werkstatt, noch immer rastlos durch die Straßen der Stadt. Nicht auf der Suche, sondern getrieben von Rastlosigkeit, die nichts mehr verachtet als Stillstand. | |||
Unvermeidlich wenden sich die Schritte schließlich dem eigenen alten Wohnviertel zu, jenem Bereich baufälliger Hütten und windschiefer Katen, zusammengehalten von Gebeten und Flüchen, bewohnt von den Unglücklichen und Verzweifelten. | |||
<i>'Und ein paar Narren in der Mitte, die sich weder für das Eine noch das Andere entscheiden können.'</i> | |||
Im Stillen, ganz am Rande des Begreifens, hofft sie darauf, dass sich das Unmögliche normalisiert und sie ihre vertraute Heimstatt wiederfindet, aber kein Weg öffnet sich und die ziellose Wanderung bleibt ohne Erlösung. | |||
Hier, im Zwielicht des Hafenviertels, wird ihr gewahr, dass dieser Mietvertrag, nur Tage nach ihrer Ankunft geschlossen, ein Band war, um das Handgelenk gelegt wie eine Fessel aus Samt. Und nun ist es fort, verblasst, ebenso wenig aufzuspüren wie jener feiste Harim. | |||
<i>"Meine einzige Verpflichtung ist der Brief mit dem Siegel Solgards"</i>, verrät sie der kühlen, vom Meer her wehenden Brise und wiederholt damit Worte, die vor nunmehr Stunden gesprochen wurden. | |||
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<span style="color:#2980b9"><i>"Dann verstehe meine Worte als Anweisung einer Dienerin Solgards, wenn du willst."</i></span> | |||
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An manchen Tagen hat Amrali das Gefühl, dass es unmöglich ist zu vergessen, sich aus der Umklammerung des Vergangenen zu befreien. Die Alpträume sind das offensichtlichste Überbleibsel, aber selbst in den warmen, angenehmen, nostalgischen Anwandlungen findet sich etwas Unausweichliches: Man ist die Form, in die man gegossen wurde. Nicht mehr. Nicht weniger. Maethrin war besessen von den eigenen Traditionen, von Gebräuchen und Sitten, an die sie hier kaum zu denken wagt in der sicheren Gewissheit, wie viel Anstoß sie erwecken würden. Aber sie sind dennoch da, eingeprägt, so natürlich wie ein Atemzug und so gewiss wie der Herzschlag. | |||
Unterwerfung und Gehorsam waren - sind - ein wichtiger Teil dessen, eine Notwendigkeit, die von Geschichten wieder und wieder betont wird. Freiheit: Ja. Aber ganz gleich wie groß der Ruhm, du bist nur ein kleiner Teil einer Gemeinschaft. Es gibt einen Platz für jeden. | |||
Das ist ein tröstender Gedanke. Eigentlich. | |||
<i>'Warum gefällt es mir dann so wenig?'</i> | |||
Sie kaut darauf, während sie den Hafen durchwandert, um schließlich wieder besser beleumundete Bereiche der Stadt zu erreichen, sie nagt daran, während sie den großen Brunnen passiert und die Kathedrale links liegen lässt. Das Haus am Hang wirkt im Dunkel größer, ein Klumpen mit Kanten, die in den Schatten versickern. | |||
Sie zögert, lauscht auf den Ärger, der noch immer im Inneren auf ganz kleiner Flamme simmert und wartet. Wartet darauf, dass die Müdigkeit final den Sieg davon trägt, auf die Kapitulation. Vergeblich. | |||
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<span style="color:#2980b9"><i>"Ich denke meine Anweisung war klar genug."</i></span> | |||
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Solgard ist schon längst wieder zum Leben erwacht, als sie das neu errichtete Gebäude im Süden Solgards erreicht, ein von professioneller Hand ausgeführtes kleines Schreiben bei sich: Jeder Buchstabe steht wie ein Kunstwerk und nur die Krakelei von Unterschrift lässt eine persönliche Note erkennen. | |||
Der Zettel, unnötig in einen ebenso hübschen wie teuren Umschlag eingeschlagen, vermittelt kaum mehr als eine Handvoll Worte. | |||
Meister Radesvald, | |||
Der vereinbarte Dienstmonat zur Probe ist bereits seit langer Zeit verstrichen und es ist nicht recht, die Wartezeit noch weiter in die Länge zu ziehen. | |||
Ich habe bereits zu viele Verpflichtungen in Solgard auf mich geladen und ich möchte keine weitere hinzufügen. | |||
Wenn Ihr mich benötigt, lasst es mich wissen und ich werde folgen, aber nicht mehr auf Grundlage eines formellen Vertragsverhältnisses. | |||
Amrali. | |||
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{{Box|TITLE=Die Einsamkeit|CONTENT= | |||
Eine gute Woche liegt das Schreiben zurück, das Amrali im Gebäude der Axiom-Gemeinschaft hinterließ, eine Woche und ein Tag seit dem abendlichen Gespräch, das nicht einmal ein Streit genannt werden könnte. Und dennoch: Seitdem hat sie die zuvor vertrauten Treppen nicht erneut erklommen und seitdem wartet das notdürftige Lager auf dem Balkon Zlatas ungenutzt, unberührt. | |||
<i>‘Falls sie es nicht schon lange verräumt hat. Sie ist zu pragmatisch für Verschwendung.’</i> | |||
Der Gedanke kommt mit einer eigenwilligen Galligkeit, einer Vibration von Ärger, die sich davor hütet, den Funken von Schuldbewusstsein zu akzeptieren. Es ist einfacher mit dem Finger auf andere zu deuten: Auf jene blondbeschopfte Fremde zum Beispiel, die so gänzlich überlebensunfähig erschien, dass es an allen Instinkten Amralis zupfte. Diese, so verlautbarte das Flüstern, ist Gefahr. Behalte sie im Auge. Eliminiere die Bedrohung. | |||
Dafür gab und gibt es keinen rationalen Grund, aber es bleibt ein Fakt, dass sie die Fremde seitdem nicht mehr auf den Straßen Solgards traf. Das, so sagt sie sich selbst, während sie den Kopf einzieht und sich durch eine niedrige Türe duckt, hat natürlich nicht sehr viel zu sagen. Aber eine solche Frau erregt Aufmerksamkeit, schlägt Wellen wie ein allzu bunter Singvogel, den eine plötzliche Sturmböe in das Hafenbecken drückte, wo er dann hoffnungsfroh, verzweifelt, aber vergeblich um sein Leben zappelt. | |||
Nichts. Sie bleibt genauso verschwunden wie Amralis Unterkunft. | |||
Die Werkstatt hier im Hafen duckt sich in eine Ecke zwischen zwei anderen Häusern und hat die Solidität einer fleischgewordenen Improvisation, zusammengenagelt aus Treibgut und zusammengehalten von Hoffnung. Nichts passt wirklich zusammen, das Dach ist einfach eine schiefe Schräge, auf der die Möwen hocken und von diesem Platz aus alle Besucher lautstark verschreien. Drinnen ist es nicht besser: Waren zweifelhafter Herkunft stapeln sich überall, lassen den Besuchern nur schmale, gewundene Wege zum ebenfalls gänzlich überladenen Tresen. Hier gibt es Krimskrams aller Art: Angelhaken aus Kupfer und getrocknete Sehnen aus den Füßen von Blassenten, zusammengebogene Käfige für Singvögel, die bereits eine dichte Schicht von Staub ansammelten und klebrige Süßspeisen, die aus einem verkrusteten Topf stammen und - weitgehend abgekühlt - an einem hölzernen Stab verkauft werden. Der gnädige Besucher, das lernte Amrali bereits in der ersten Woche, ist gut beraten, die Herkunft weder der Zutaten noch des kleinen Stäbchens in Frage zu stellen, und bei der Erinnerung hat sie auch jetzt, Monate später, wieder das entsetzliche Gefühl, die eigenen Zähne zusammenkleben zu fühlen. | |||
Der alte Mann, der Herr über dieses absurde Sammelsurium ist, bezeichnet sich selbst als Kesselflicker der alten Schule und berichtet gern über seine Ankunft auf dieser Insel vor nunmehr zwei Jahren, darüber, wie er diese Werkstatt aus Schutt und Trümmern selbst erbaut hat. Diese Geschichten gehen unweigerlich in groteske Anekdoten über, die allesamt dazu führen, ein unheimliches Erbe, eine verbotene Liebe und eine Flucht anzudeuten. Nichts davon passt wirklich zu der verbogenen Gestalt und den zusammengekniffenen Äuglein des Alten. | |||
Sie hebt abwehrend die Hand, als ihr ein Stück gerösteten Fleisches angeboten wird - vermutlich Ratte, vielleicht auch Steppenläufer. Sie ist nicht hungrig, nicht verzweifelt genug, es auf die Probe zu stellen. | |||
<i>“Heute nicht, Morin. Ich brauche etwas anderes.”</i> | |||
Sie zählt ein paar Münzen ab, sauer verdiente Silbermünzen, die nun, ohne den gut bezahlten Soldvertrag, bereits spärlicher kommen. | |||
<i>“Ich suche Harim vom Hafen. Du weißt: Ein Kopf kleiner als ich, kahler Schädel, fetter als vier Männer.”</i> | |||
Sie lässt den Geruch - oder besser: die Abwesenheit von Geruch - unerwähnt. Das ist ein Detail, das sie schwierig zu beschreiben findet. Es ist auch unnötig: Die Gestalt ihres Vermieters ist unverwechselbar. | |||
In den zusammengekniffenen Augen des Händlers findet sich nur perplexe Überraschung. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>“Nie gehört. Nie gesehen. Ist er neu? Einer von den Neuankömmlingen?”</i></span> | |||
Sie schweigt auf die Gegenfrage, nicht einmal gänzlich überrascht, auch wenn ein kaltes Gefühl von Beklommenheit ihr Rückgrat entlang wandert und dann in dumpfen Schmerz des linken Ellenbogens ausläuft. Das Wetter, so verheißt das Pulsen, ist dabei, sich zu ändern. | |||
<i>“Nein”</i>, räumt sie ein, ohne den Blick von ihrem Gegenüber abzuwenden, aber dann fehlen ihr die Worte, um die Nachfrage zu erklären. Wie berichtet man von Wahnvorstellungen? Wie äußert man Zweifel und die Furcht, dass sich bislang als vollkommen sicher geglaubte Fakten einfach in Rauch und Schatten auflösen? | |||
Sie lässt zwei der silbernen Münzen zurück auf dem Tresen und tritt zurück auf die noch immer belebte Straße, wendet sich dann in abergläubischer Scheu, getrieben von einer plötzlich aufwallenden Furcht. Aber die baufällige Werkstatt ist noch immer da. Solide, sofern man das Wort wirklich in die Nähe der spröden Bretter und rostigen Drahtspuren bringen möchte. | |||
Für einen Moment ist das Verlangen übermächtig, die Stadt im Eilschritt zu durchqueren, reumütig zur Schwelle der Rothaarigen zurückzukehren. Den Stolz herunterzuschlucken, der die Kehle nun zusammenpresst, bis sie kaum mehr atmen kann. | |||
Aber der Moment vergeht und sie fängt sich, störrisch das Kinn hebend, als wollte sie das vorüberschlendernde Fußvolk herausfordern. Mehr als nur ein Blick ist ihr damit sicher: Manche amüsiert, einige verunsichert, etliche sogar interessiert. | |||
Sie lässt sie alle zurück in Richtung der Wüste, vertraut sich dem Rücken des nervösen jungen Scheckens an, dessen Energie und Kraft noch lange nicht bezähmt sind durch Routine und Erfahrung. | |||
Und heute liegt darin etwas Tröstendes, wie ein Versprechen, das der Sonne gleich am Horizont dräut. | |||
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{{Box|TITLE=Blut und Egel|CONTENT= | |||
Die kleine, auf den zu dieser Stunde gänzlich verwaisten Marktplatz Solgards hinausblickende Werkstatt ist mit einem durchdringenden Gestank gefüllt. | |||
Nicht von der Art, die auf Arbeit mit der Esse und dem Amboss schliessen lassen würde, die Amrali zusammen mit dem grössten Teil der jetzt existierenden Einrichtung vom Vorbesitzer erbte. Ein Alchemist würde vermutlich interessiert schnuppern, aber auch die kleine Sammlung an geraden und gewundenen Phiolen, Kupferdrähten, Schalen und Brennern schlummert seit langer Zeit unter einem alten Tuch, geschützt vor Staub, während draussen die Jahreszeiten wechseln. | |||
Eines der Fenster ist in Richtung des Brunnens geöffnet, aber das tut dem Gestank kaum einen Abbruch und Amrali hat bereits vor einiger Zeit als Fakt akzeptiert, dass sie hier nicht nächtigen wird. Das, für sich, ist nicht ungewöhnlich: Im ersten Stockwerk befindet sich zwar eine provisorische Bettstatt, aber sie ist kaum mehr als das, was man auch unter freiem Himmel nutzen würde, und blieb den letzten Mond über gänzlich unberührt, während die Besitzerin ihr Haupt andernorts zur Ruhe bettete. | |||
Nicht im Hafen Solgards: Die verkommene Bretterbude, in der Amrali bis zu jenem schicksalhaften Abend vor einigen Monaten lebte, bleibt ein Enigma, verloren zwischen Erinnerung und Wahn, wie ein Traumgespinst, das irgendwie den Weg an die Oberfläche fand, nur um final doch unter dem Licht des Tages zu verblassen. | |||
<i>'Oder, in meinem Fall, mit dem ersten Paar neugieriger Augen.'</i> | |||
An diesem Gedanken kaut sie nicht zum ersten Mal und sie kann nicht umhin, den gleichen Fragen wieder und wieder zu folgen, während sie den schmerzenden Ellenbogen reibt, der bereits jetzt Regenwetter für den kommenden Tag verheisst: Wie unterscheidet man zwischen Wirklichkeit und Wahn, wenn beide sich nie begegnen, sondern sich wie unerreichbare Tanzpartner stetig unberührt umkreisen? Welchen Wert haben Erinnerungen, welches Gewicht hat ein Groll und welchen Eindruck macht eine Lektion, wenn das, worauf sie fussen, wie Schaum zerstieben kann? | |||
<i>'Und wie habe ich diese Werkstatt erworben?'</i> | |||
Das, so stellt sie bitter fest, ist die andere Seite der Medaille. Die trügenden Träume und der Zweifel an der Wirklichkeit, das ist das Eine. Die Fakten, die sich ohne eine greifbare Herleitung präsentieren, das ist das Andere. Es gibt keine Erinnerung, die ihr erklärt, wie genau die erste Miete bezahlt wurde, was genau das Schicksal des Vorbewohners war, und sie scheut vor den Möglichkeiten zurück, die sich aus dieser Leere ergeben. Besser, vielleicht, manche Fragen nicht zu stellen. | |||
Diese Ungewissheit ist ein Teil der Erklärung, warum ihr diese Mauern noch immer fremd sind, aber kaum der Grund für die Abwesenheit der letzten Zeit. Der grössere Teil, zumindest sagt sie sich das selbst, ist wesentlich mundänerer Natur: Nach der Aufkündigung des Soldvertrags mit der Axiom-Gesellschaft fiel ein stetiges Einkommen leicht verdienter Münzen weg und der Ersatz mit freien Aufträgen erforderte einen Einsatz von Zeit und Beweglichkeit, der Amrali eine Menge Nächte abseits von Solgard sehen liess. | |||
Und dann ist da noch ein stiller, dritter Teil. Ungeliebt. Unwillkommen. Präsent: Scham. | |||
Es sind bald zwei Monate seit jener Nacht, seit dem Kitzel eines Abenteuers, das alle Zutaten hatte, um zu einer gloriosen Heldentat zu werden: Ein dunkles Reich voller verdorbener Dämonenanbeter, eine Entführung, eine blutige Drohung und die triumphale Befreiung eines Unschuldigen, der nichts getan hatte, um zwischen die Fronten zu geraten. Für Amrali war es der erste Besuch der Suromer Lande überhaupt, der erste Eindruck einer Siedlung, deren banale Oberfläche kaum geeignet schien, den düsteren Ruf zu bestätigen. Bis dann alle Planung aus dem Ruder lief, die übereilte Flucht im Desaster und im Verlust eines der Mitstreiter mündete. | |||
Zurückgelassen. | |||
Selbst jetzt, im Wissen um die letztlich glückliche Lösung, krümmt sich alles in Amrali zusammen, die stetige Rührbewegung im Kupferkessel erlahmt und im Nu lässt der sich stechend verdichtende Gestank Tränen in ihre Augen steigen. Sie blinzelt, nah daran zu würgen, und die Ursache dafür liegt nicht allein im brodelnden Inhalt. | |||
Das eigene Scheitern, die Unfähigkeit, die Situation zu kontrollieren und in geordnete Bahnen zu lenken: Das ist nichts, was sie sich schönreden kann. Nicht mit Trauma, nicht durch Hinweis auf überstandene Strapazen. Es ist in gewisser Weise gar nicht so viel anders als damals. | |||
<i>'Als hätte ich nichts dazugelernt.'</i> | |||
Sie schreckt zurück vor diesem Gedanken, wie vor der Berührung einer Flamme und das Momentum ist genug, um sie zu anderen, jüngeren Erinnerungen zu treiben. Erst zwei Abende liegt das Zusammentreffen in der Sonnenruh zurück und die kurze, widerliche Auseinandersetzung mit der unterarmlangen Kreatur, einer Wesenheit wie eine Mischung aus Blutegel und Aal, die sich an Zlata verbissen hatte und sich nun eifrig am Blut der Rothaarigen labte. Ein Parasit, eine Bedrohung, ekelhaft genug, dass sich Amralis Magen umzudrehen drohte, aber gleichzeitig auch .. präsent. Greifbar. Ein lösbares, überschaubares Problem - wie in den Geschichten Maethrins: Die alten Traditionen kennen kein Grau, sondern nur Schwarz und Weiss, Gut und Böse, Richtig und Falsch. | |||
Eine solche Herausforderung zu erleben war eine Erleichterung und auch jetzt, da sie ein letztes Mal in dem Topf rührt, bevor er vom Feuer gezogen wird, empfindet sie ein warmes Echo jenes Momentes. | |||
<i>'Ich war nützlich.'</i> | |||
Die Legenden Maethrins beinhalten andere Geschichten, nicht alle davon für Kinder oder Heranwachsende geeignet, manche davon zu düster, als dass sie als Teil der Lehren anerkannt sind, andere schlicht zu lächerlich, als dass sie etwas Sinnvolles zur Würde der Altvorderen beitragen könnten. Amrali ist sich nicht ganz sicher, in welche Kategorie diese hier fällt, aber sie verzieht keine Miene, während sie die über Stunden hinweg gekochten Überreste des Blutsäufers nun schneidet und kaut, Stück für Stück. | |||
Und wer weiss schon, ob sich nicht doch ein Körnchen Wahrheit in den verblichenen Sagen findet. | |||
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{{Box|TITLE=Der Kessel des Chaos|CONTENT= | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Ich hab meine Zyklopenlederhandschuhe in den Höhlen der Dunkelheit verloren. Könnt Ihr sie bitte für mich zurückbringen?"</i></span> | |||
Es ist nicht das erste Mal, dass Amrali eine solch kuriose Anfrage erhält - halb Solgard scheint seine Besitztümer so regelmässig an den seltsamsten Orten zu verlegen, dass sie sich bereits im Stillen gefragt hat, ob irgendein perfider, für sie aber gänzlich unbegreiflicher Plan dahintersteht. | |||
<i>"Und .. wo dort? Das ist ein ziemlich weitläufiges Areal."</i> | |||
Der Stand der Kräuterhändlerin ist ein von Grün durchflutetes Reich: Vier tragende Säulen stützen das Dach, verschwinden aber fast hinter Rankgewächsen. Von oben herab hängen Büschel von Minze, Salbei und Trettkraut, auf halber Höhe gesellen sich Vasen mit Stauden von Pflanzen dazu, hier und dort lassen sich sogar Primeln ausmachen, die zu dieser Jahreszeit gänzlich verloren erscheinen. Keine Wände: Deren Rolle übernimmt zumindest halbherzig eine grosse, immergrüne Hecke und zwischen all dem bewegt sich die Besitzerin mit der geübten Routine alltäglicher Erfahrung. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"In einem der offenen Bereiche nach den Wohnkammern."</i></span> | |||
Sie lächelt - so offen, unschuldig und gewinnend, dass sich alle feinen Nackenhärchen Amralis aufstellen. | |||
<i>'Entweder sie macht mir tatsächlich schöne Augen, oder sie möchte mich unbedingt und endgültig loswerden.'</i> | |||
An diesem galligen Gedanken baumelt ihre Aufmerksamkeit für lange Momente. Die Händlerin ist ihr nur vom Sehen vage vertraut, eine jener flüchtigen Bekanntschaften, die nie über oberflächlichste Eindrücke hinauswachsen werden. Eine halbseidene Erinnerung flackert auf, etwas über eine unziemlich rasche Verlobung nach dem traurigen Ende ihres vormaligen Geliebten. Sie ist sich nicht sicher, ob es bei dem in der Bank aufgeschnappten Geschwätz um die gleiche Person ging. Aber wer verliert seine Besitztümer an einem Ort, an den sich niemand rein zufällig verlaufen würde? | |||
<i>"Dort unten gibt es doch nichts. Seid Ihr sicher, dass Ihr die Handschuhe dort verloren habt?"</i> | |||
Etwas verschiebt sich im Lächeln des Gegenübers, die Unschuld flackert und wird ersetzt durch aalglatte, fokussierte Entschiedenheit. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Absolut sicher. Keine Sorge, ich bin bereit, Euch gut zu belohnen für den Aufwand und die Gefahren."</i></span> | |||
Der Wechsel gibt Amrali zu denken, aber er zupft mehr an ihrer Neugier als an ihrem Misstrauen. Und die Miete für die kleine Werkstatt mit dem Fenster auf den Solgarder Markt finanziert sich nun einmal nicht von selbst. | |||
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Die Ascheebene ist ein öder Landstrich erkalteter Lava und brüchiger Felsspalten, in denen hungrige Glut wartet. Giftige Dämpfe sammeln sich in Vertiefungen, teilweise weit genug, um mühelos durchritten zu werden. Verkohlte Knochen sind das Zeugnis glückloser früherer Besucher, die hier auf die ein oder andere Weise ihr Ende fanden: Neben den Gefahren brüchiger Lavakanten, spitzer Basaltnadeln und heisser Geysire, die in unregelmässigen Abständen kochendes Wasser in die Höhe schleudern, gibt es hier auch aus den rohen Elementen entstandene Kreaturen: Tanzende Lohen, die begierig sind, Reisende in ihre glühende Umarmung zu ziehen, kolossale wandelnde Felssäulen, die Fleisch und Knochen gleichermassen unbesorgt zermalmen, trübe Pfützen, die lauernd warten, bis sich ein Leichtsinniger herabbeugt, um den Durst zu stillen. | |||
Amrali ist mit den Gefahren dieses Ortes vertraut genug, dass sie Fleck für diesen Ausflug zurückliess: Der junge Schecke mag mittlerweile nicht mehr in Panik ausbrechen, wenn sich der Boden unter seinen Hufen verschiebt, aber er ist lange noch nicht gefestigt genug, um nicht sich selbst - und seine Reiterin - unnötig in zusätzliche Gefahr zu bringen. | |||
Wer Felsspalten und Risse passiert, Lavaseen umgangen und einen brennenden Fluss überquert hat, der findet schliesslich den Eingang zu den dunklen Höhlen. Gewiss, davon ist Amrali überzeugt, hatten die Gemäuer einst einen anderen, richtigen Namen, aber dieser Tage sind sie bevölkert von verkrüppelten Höllenbewohnern: Riesigen, entstellten Fledermäusen, deren Leiber so aufgedunsen sind, dass die ledrigen Flügel wie reine Dekoration erscheinen, unfähig, die hässlichen Kreaturen tatsächlich vom Boden zu heben. Ihre hoppelnde Fortbewegung könnte kurios erscheinen, solange man die glimmenden Augen und die Doppelreihe nadelspitzer Zähne übersieht. An ihrer Seite jaulen hüfthohe Höllenhunde, Kreaturen, die von stetigem Schmerz in den Wahnsinn getrieben scheinen. Ihre Haut ist von Rissen durchzogen wie eine Lehmhülle um eine glimmende Kohle, sie atmen Glut aus, die schwarze Russflecken auf dem Stein hinterlässt. Es gibt noch andere, gefährlichere Kreaturen, machtvoll, verschlagen und bösartig. | |||
Und es gibt andere Jäger. | |||
Amrali entdeckt die erste Leiche unweit einer ehemaligen Bibliothek, von deren ursprünglichem Zweck nur noch traurigste Reste künden: Auf geschwärzten Wänden finden sich obskure Zeichnungen, klebrige Reste von Haut und Schuppen pulsieren in einer Ecke auf Trümmern aus verfaultem Pergament und Holz. Ein Mosaikrelief hat den Fall überdauert: Ein Baum reckt sich empor, fast unversehrt im Wandel der Zeiten. Dort, wo seine Wurzeln angedeutet sind, liegt eine der grotesken Dämonenfledermäuse, die Flügel entfernt, der Schädel mit einem mehr als handlangen Nagel an der Bodenplatte fixiert. Der Brustkorb ist geöffnet, die Rippen nach aussen gedrückt, als wäre etwas dort Brütendes ausgeschlüpft und hätte dabei den offenen Krater hinterlassen. | |||
<i>'Keine Brüche. Jemand hat die Knochen aufgebogen, als wären sie weichgekocht worden.'</i> | |||
Das Herz fehlt. | |||
Sie nimmt es zur Kenntnis, wie all die anderen eigenartigen Fakten auch. Das hier könnte einfach ein Beispiel dafür sein, wie sich die Ungeborenen gegenseitig bekämpfen, vielleicht ein Konflikt verschiedener Fraktionen um diesen oder jenen Tunnel in diesen menschenverlassenen Mauern. Dagegen spricht allein der Nagel aus schwarzem Metall, ein Detail, das sie weder einzuordnen noch zu interpretieren weiss und daher schlicht aufnimmt. Vielleicht, so sinniert sie, ist es das Zeichen einer rituellen Bestrafung oder einer obskuren Tradition. | |||
<i>'Oder die Kräuterhändlerin.'</i> | |||
Die Richtung zumindest stimmt: Amrali folgt der vagen Beschreibung der lächelnden Blonden, duckt sich durch enge Gänge und vermeidet eine offene Kreuzung, von der aus sie das wahnsinnige Winseln und Jaulen der Höllenhunde hört, und findet einen Durchgang in ein offenes Tal, umrahmt von unwegsamen Felsen, kaum breiter als ein Steinwurf. Auch hier finden sich Ruinen: Die Reste eines Bauwerks, das einmal eine Mühle gewesen sein könnte, auch wenn ihr gänzlich schleierhaft ist, woher hier der notwendige Wind kommen sollte. Im Schatten der geborstenen Felsen finden sich gleich drei Leichen: Zweimal die zerplatzten Überreste von Höllenhunden, die nun gänzlich erscheinen wie mit Glut gefüllte, aber zerschlagene Statuen, dahinter der kolossale Leichnam einer gewaltigen, gehörnten Kreatur. Sie nimmt sich Zeit, die Szenerie aufzunehmen, während sie in den Schatten des Durchgangs geduckt lauscht. Aber es ist still hier in dem kleinen Tal. Keine Spur des Jägers, der diese drei Geschöpfe zu Fall brachte. | |||
Aber auch hier findet sich eine klaffende Wunde in der Brust der mehr als doppelt mannshohen Leiche, dieses Mal ganz unverkennbar durch eine scharfe Klinge verursacht, die Rippen gewaltsam durchbrochen, um den Weg zum Herzen frei zu machen. Die Knochen schimmern eigenartig im Licht der Fackel, es finden sich Reflexe darin, als wären Splitter von Metall darin zu finden. Nicht wegen des Messers, sondern als wäre das eine Eigenart dieser Wesenheit. | |||
Irgendwo voran ist ein Grollen zu vernehmen, machtvoll genug, dass sich eine feine Vibration durch den geschundenen Felsboden fortpflanzt, dann folgen wie Schockwellen eigenwillig verzerrte Echos von Worten der Macht, die keine menschliche Kehle hervorbringen könnte. Der Jäger, so scheint es, ist irgendwo voraus und Amrali gibt die Zurückhaltung, die Heimlichkeit auf. Die Entscheidung ist wie ein tiefes Durchatmen, das lastenden Druck vom Brustkorb hebt. Die Anspannung flieht mit den ersten Schritten, fortgeweht von beschwingtem Eifer, der alle Vorsicht verflucht. | |||
Sie ist zu spät: Der Kampf endet gerade, als sie über einen Felsen hinwegsetzt: Staub wallt in einer Woge auf, als die massige Kreatur fällt, der muskelbewehrte Leib zerfetzt von schartigen Eiszapfen. Für einen Moment herrscht Stille, dann wendet die Bezwingerin sich um, die Arme gehoben, um der vermeintlich nächsten Bedrohung zu begegnen. | |||
Aschblondes Schopfhaar. Hellgrüne Augen. Eine Miene, als wäre sie bereit, die Welt in Asche zu legen und sich dafür die Füsse küssen zu lassen. | |||
Und sie ist es, die zuerst die Überraschung ablegt. | |||
<span style="color:#2980b9"><i>"Fräulein Amrali."</i></span> | |||
Die Angesprochene findet die Fassung wieder und schluckt die Enttäuschung herunter, einen Lidschlag später zwingt sie die Miene in die Andeutung eines Lächelns und das verzweifelte Tasten in der Erinnerung produziert einen Namen. | |||
<i>"Fräulein Schlehendorn."</i> | |||
Sie ist, das flüstert ihr die gleiche Einsicht zu, eine von <i>denen</i>: Teil einer fragwürdigen Gemeinschaft, die freiwillig ihr Exil im stetig regenverhangenen Dschungel fristet und dennoch in Solgard wohlgelitten ist, bestehend aus Grössenwahnsinnigen, Scharlatanen, einem die Welt vernichtenden Magier und einem übergewichtigen Eichhörnchen. Das ist es zumindest, was Amrali auf den Strassen Solgards hörte. Sie ist nicht ganz sicher, in welche der vier Kategorien ihr Gegenüber fällt. | |||
Dann entdeckt sie die Leiche. Und die aufgerissene Tasche mit den verstreuten Resten von Dämonenherzen. Sie hat, letztlich, den Jäger gefunden. | |||
Verschiedene, auf dem Boden verteilte Gegenstände erzählen eine Geschichte, die unter anderen Umständen eine Tragödie genannt werden könnte: Ein geborstener Stab ganz links, nahe einer Lavaspalte, unerklärlicherweise jedoch nicht im Geringsten von der Glut gezeichnet, ganz anders als eine halb verkohlte Karte, die aus einem Tornister fiel, von dem kaum mehr als aschene Überreste künden. Ein weiterer der metallenen Nägel liegt wenige Schritt entfernt, befleckt von längst schon geronnenem Dämonenblut, und unweit davon findet sich auch die zerfetzte Tasche mit den stinkenden Überresten der Jagdbeute. | |||
Es ist nur deshalb keine Tragödie, weil es sich bei dem Toten um einen Dunkelelfen handelt. | |||
Zwei Augenpaare treffen sich über die Leiche hinweg, streifen die aufgerissene Tasche und heften sich dann an die angekohlte Karte. | |||
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Aktuelle Version vom 25. Oktober 2026, 08:23 Uhr
Auf den ersten Blick

Die Körpergröße streckt sich auf insgesamt 172 Halbfinger und damit durchschnittliches Mittelmaß, die ganze Gestalt erscheint hager an der Grenze zur Ausgemergeltheit.
Das blonde Schopfhaar ist kurz geschoren, betont damit die tief liegenden wasserblauen Augen und eingefallen wirkenden Wangen - aber vermutlich sind es die Narben, die eher den Blick auf sich ziehen und eine bewegte Vergangenheit erahnen lassen.
Die Mimik lässt oft eine gewisse Verbissheit erkennen, eine Intensität die an eine in die Ecke getriebene Ratte erinnert, deren einzige verbleibende Option die Offensive ist.
Eigenheiten und Merkmale
- Die lange Narbe am Hals zieht sich weiter über die Schulter und den Rücken, gesellt sich zu einer ganzen Anzahl gewöhnlich verborgener Spuren überstandener Kämpfe
- Wenn das Wetter wechselt, schmerzt der linke Arm oft in Erinnerung an einen Jahre zurückliegenden und nie ganz sauber verheilten Bruch
Hintergrund
- 427 geboren in Maethrin, Tochter der Hialess; Vater unbekannt
- 437 Tod der Mutter Hialess
- 447 Gefangennahme beim Besuch der nahegelegenen Stadt Angelmar
- 447/448 monatelange Verhöre, aus dieser Zeit stammt die Verletzung des linken Arms
- 449 Rückkehr nach Maethrin als Fremde, Streichung ihres Namens aus dem Buch der Gemeinschaft, Verbannung aus der Region
- 449-451 Zeit der Wanderung: Hausdienerin. Brückenbau. Steinbruch. Plantage. Eine Zeit in einem namenlosen Sumpfland mit keiner anderen Aufgabe als Blutegel zu sammeln. Dann wieder ein Haushalt. Sogar eine Arena, auch wenn es mehr ein Zirkus war als alles andere. Erneut ein Steinbruch. Eine Sägerei. Und dann die Seuche. Aus dieser Zeit stammen die Narben am Hals und Schädel.
- 451 Schwere Krankheit, die Levinerinnen scheren ihr den Kopf (wie bei allen anderen zu Behandelnden auch)
- 452 Schiffbruch auf dem Transport mit anderen Gefangenen, Ankunft an der Küste nahe Solgard, der neuen Welt
- Mutter Hialess (402 - 437)
- Vater unbekannt
- Halbruder unbekannt (* 424)
- Halbschwester Turah (* 425)
- Halbbruder unbekannt (* 429)
- Halbschwester Meifiah (* 432)
Gedanken und Meinungen
Orte
Die Stadt, die ich dieser Tage meine Heimat nenne. Ich habe nie zuvor eine Siedlung erlebt, bei der Innen- und Aussenbild soweit voneinander entfernt sind, die vereinfachten Annahmen über Politik und Macht werden dem tatsächlichen Wirrwarr, der Unordnung, in keinster Weise gerecht. Wenn es tatsächlich etwas gibt, das die Solgarder universell aneinander bindet, dann ist es nicht etwa der Glaube an den Herrn, sondern die seufzende Opferbereitschaft aus jeder Aufgabe eine Pflicht, eine Bürde zu machen, der man sich schliesslich ergeben, aber ohne Enthusiasmus stellt.
Die Verantwortung der Macht erscheint hier wie ein heisses Eisen, an dem man sich bereits zu oft die Finger verbrannt hat.
Ein Dorf, das davon träumt eine Stadt zu sein, verloren zwischen den Fronten anderer Mächte und damit unweigerlich ein einsamer Spielball ohne Freunde, wann immer es jemandem gefällt. Neutralität ist etwas, das nur aus einer Position von Stärke heraus funktioniert.
Ich habe die Mauern dieser Stadt noch nicht gesehen und hege auch keinen Wunsch etwas daran zu ändern.
Personen
Der Heermeister Solgards präsentiert die für mich verwirrende Vielschichtigkeit dieser Stadt auf das Beste. Er ist umgänglich und vielseitig interessiert, ich habe sogar Gerüchte gehört, dass er am Hafen eine Geliebte haben soll. Er betreibt eine Gaststube in der zwielichtige Elementaristen arbeiten (soweit ich vernahm) und ist gleichzeitig dafür verantwortlich die Sicherheit der Stadt zu gewährleisten. Er trägt seine Bürde und lächelt dabei. Nicht .. aufrichtig, aber bereit seine Bürde zu tragen.
Sie ist, zumindest auf den ersten Blick, völlig anders als meine Schwestern. Schwächlich, zerbrechlich, burschikos. Konzentriert auf Handwerk, weil es klaren, einfachen Regeln folgt, vorhersehbar, wie es kein Mensch je sein könnte. Der Stolz versteckt sich dahinter, wagt sich nur dann und wann einmal an die Oberfläche - oft nicht einmal dann, wenn es angebracht wäre.
Aber sie hat sich befreit aus widrigen Umständen, Entscheidungen getroffen, vor denen andere zurückgewichen wären. Wenn die Umstände im Chaos versinken, dann gibt auch die Maske nach und die Höflichkeit macht Platz für rohe Emotion.
Ich hätte sie nicht Schwester nennen sollen. Aber ich kann mich nicht dazu durchringen es zu bereuen.
Geschichte
Sie läuft in der engen Dunkelheit eines sich windenden, stetig verändernden Tunnels, unbeleuchtet, aber dennoch nicht vollkommen finster. Das, so erkennt sie, während das Herz bis zum Hals schlägt, ist ein Traum.
Einer, der allzu vertraut ist. Einer, dessen Gewalt sich selbst durch das Wissen nicht abschütteln lässt.
'Bin ich jemals entkommen?'
Kühle Finger berühren ihren Nacken und die Glieder erstarren wie zu Eis, gefroren vor dem sanften, femininen Flüstern.
"Niemals. Ich lasse dich niemals gehen. Nicht einmal, wenn ich dir all deine Geheimnisse entrissen habe."
Zumindest theoretisch ist Amrali mit dem Konzept von Schneefall und Frost vertraut, aber die Wirklichkeit wischt alle Vorstellungen und Einbildungen mit gleichgültiger Ignoranz zur Seite.
Die Kälte durchdringt mühelos die verschiedenen Schichten an fadenscheiniger Kleidung, beißt in Wangen, in Nase und Ohren: Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile ist sie froh keinen Schmuck zu tragen, nicht einfach nur beschämt über die Abwesenheit einer früher immer präsenten Selbstverständlichkeit.
Die ganze Landschaft liegt wie unter einem weißen Tuch, das alle Formen dämpft, Trugbilder schafft über die wahren Verläufe von Kanten und Abgründen. Es ist, so denkt sie, während sie hastig im Gepäck nach dem zerfledderten Mantel sucht, der nur für den schlimmsten aller Notfälle überhaupt eingepackt wurde, gleichzeitig ähnlich wie der Sand der Wüste und dann doch auch ganz anders.
'Warum bin ich hier?'
Der Gedanke kommt ungerufen, unwillkommen, ein Zaudern und eine Verzagtheit darin, die Ärger entfachen, dabei in jene Glut fahrend, die sie über all die Jahre bewahrt hat, deren letzte Reste in flüsternden Schatten beinahe verloschen wären. Sie hat nie erfahren, wie nahe sie war, die vollständige Kapitulation zu erleben.
'Und das wird sie auch nie.'
Aber auch dieser Gedanke erreicht sie ungebeten, findet sich eingerahmt in Furcht und wird rasch verdrängt. Besser, sich der Kälte dieses offenen Landes zu stellen, den eigenwillig gedämpften Geräuschen - alles hier wirkt stiller, als es sein sollte - und dem ungewohnten Gefühl der erstarrten Landschaft unter den Füßen.
Die Bewohner dieser gefrorenen Einöde tragen ihre Pelze wesentlich besser als Amrali es tut, ihre Spuren künden im lockeren Schnee noch lange von ihrem Vorbeiziehen - nur aus der Ferne bekommt die Besucherin einen scheuen Schneefuchs zu sehen, dessen gedrungene Statur ihr skurril erscheint, gänzlich anders als die schlanken, agilen Kreaturen der rollenden Steppe ihrer Heimat.
Ein am Himmel kreisender Adler beobachtet Amrali eine Weile, gnädig wie ein distanzierter Herrscher, der einen demütigen Bittsteller beobachtet, bevor er mit dem Auftreten anderer geflügelter Geschöpfe gemächlich in Richtung Osten abdreht.
Es ist ein ganzer Schwarm - Geier vermutet sie zunächst - während sie in einen der sich öffnenden Pässe eintritt, die klaffenden Felsen drängen sich zusammen, als wollten sie den Weg zerquetschen der kühn in ihre Mitte gezwängt wurde. Dann, mit der Biegung des Weges, öffnet sich ein schmales Tal und sie wird sich ihres Irrtums bewusst: Nur ein Dutzend Schritte voraus liegt der Kadaver eines Pferdes, aufgerissen von scharfen Krallen, noch dampfend in der Kälte. Darauf hockt eine Kreatur, die Amrali augenblicklich erkennt, auch wenn sie nie zuvor eines dieser Geschöpfe mit eigenen Augen erblickte: Eine Mischkreatur aus Mensch und Vogel mit Schwingen statt Armen und stämmigen, krallenbewehrten Füßen, ein ganz menschlich anmutender, weiblicher Torso mit hoch angesetzten Brüsten, die Haut bar, dem Frost schutzlos ausgesetzt. Das Gesicht ist ähnlich grotesk: Deformierte, in die Länge gezogene Augen über fast menschlichen Wangenknochen, statt Mund und Nase findet sich ein mächtiger gebogener Schnabel, von dem nun gerade Blut tropft.
Keine Lippen, aber etwas an dem Ausdruck lässt Amrali an das Lächeln eines zufriedenen Jägers denken. Hinter ihr, wo der Pass sich windet, stoßen zwei gleichartige Kreaturen vom Himmel herab, um den Fluchtweg zu blockieren, drei Weitere ziehen Kreise über der ganzen Szenerie und beginnen gerade nun zu kreischen - kurze, schrille Schreie wie pervertiertes Gelächter.
An manchen Tagen ist es schwierig sich an die Unterweisungen, an die Geschichten und Legenden der Vergangenheit zu erinnern, an die reichen Warnungen und Weisungen, die in die fast schon spielerische Form von Erzählungen gewoben wurden und auch jetzt, während Amrali starrt und die auf dem Kadaver des Pferdes hockende Harpyie spöttisch ihre Schwingen präsentiert, sind die Worte in der Erinnerung wie das unförmige Brummen eines entfernen Bienenschwarms. Unscharf. Unbestimmt.
"Sieh an, wer sich zu uns verirrt hat. Willst du nicht Teil dieser Schwesternschaft werden, deine unwürdige Hülle eintauschen gegen einen stolzen Leib? Wir haben ein Herz für die Häßlichen."
Das Geschrei der drei Harpyien in der Luft steigert sich zu einem spöttischen, verhöhnendem Crescendo, während die Sprecherin sich eitel präsentiert.
"Du musst wi .."
Die Kälte ist vergessen mit der ersten Berührung des Schwertes.
Es zu ziehen, wenngleich nicht mehr ungewohnt, schmeckt noch immer wie Freiheit, wie das Abschütteln von Ketten und Amrali zögert nicht in die Offensive zu gehen, überwindet die Entfernung zum abkühlenden Kadaver mit ein paar raschen Sprüngen.
Die Harpyie, soviel lässt sich mit Gewissheit sagen, ist überrascht von der abrupten Unterbrechung einer gewiss einstudierten Spottrede, aber nicht überrascht genug, um sich am Boden fangen zu lassen: Sie entkommt dem Hieb um Haaresbreite und gesellt sich zu ihren drei Schwestern am Himmel.
Diese Verfluchten, so wurde es gelehrt, sind eine Perversion, nicht allein im Erscheinungsbild, sondern auch im Herzen: Unfähig eine echte Gemeinschaft zu bilden, ohne das geringste Verständnis für das Opfer, das es braucht um das Überleben der Vielen zu sichern. Für die Harpyien zählt die Einzelne stets höher und so streiten sich die vier Flieger mit schrillen Schreien darüber, wer die Erste sein muss, die auf die Bewaffnete herab stößt. Es dauert nicht sehr lange, bis der Streit ganz ernsthaft entbrennt, mit Klauen und Schnäbeln ausgefochten wird, um eine Hierarchie festzulegen, die vielleicht ein paar Wochen halten wird, bevor etwas sie unweigerlich auf die Probe stellt.
Amrali, deren Rückweg weiterhin versperrt ist, flüchtet, ohne sich mit Neugier aufzuhalten. Für den Moment sind die Harpyien zufrieden damit sie gehen zu lassen, sicher, dass sie ihre Beute schon wieder einholen werden, sobald diese Kleinigkeit bezüglich der Rangordnung zu allgemeiner Zufriedenheit ausgefochten ist.
Sie wissen nicht, dass ihr vermeintliches Opfer viel Übung darin hat, sich zu verstecken.
Die Wärme Solgard erinnert Amrali an ihre Heimat, aber die Ähnlichkeiten sind beschränkt: Maethrins Mauern sind höher, die Straßen enger, das Stadtbild dominiert von dunklen Erdtönen des hier zu findenden Lehms und vom Weiss der Kreidezeichnungen, die sich auf nahezu allen Hauswänden finden. Vor allem aber wurde Maethrin mit einer offensichtlich anderen Zielsetzung erbaut: Als Zuflucht und Bollwerk, als Festung, die fast ungeplant mit den Jahren und den Generationen wuchs.
Für lange Zeit hinweg war das genug: Amrali hat keine Erinnerungen, das je von Feinden auf den Straßen Maethrins berichtet wurde und sie ist zu jung um sich an die zwei Wochen andauernde Belagerung zu erinnern, bei der zuletzt tatsächlich Angreifer vor den Toren standen. Dennoch: Sie erinnert sich an die eisernen Käfige links und rechts der Wetterpforte, ein Halbdutzend Schritt über dem Erdboden aufgehängt und sie erinnert sich - zumindest von Erzählungen - an das Schicksal der Gefangenen, die dort platziert wurden.
Die Gerechtigkeit Maethrins ist unerbittlich und gnadenlos, die Strafe für den Angriff auf die Mauern uniform, ungeachtet der Umstände.
Damals war Amrali überzeugt von diesem System, aber wie es mit diesen Dingen immer ist: Es ist leicht, wenn man sich auf der sicheren Seite des Gesetzes dünkt.
Das Herz Maethrins war - zumindest bei Amralis letztem, nun Jahre zurückliegendem Besuch - die Arena. Hier, so wollte es die Tradition, wurde nicht nur eifrig Blut vergossen, wurden die Heranwachsenden geschult, gedrillt, geschunden, gedemütigt und gepriesen, sondern auch Recht gesprochen: Unter dem wachsamen Auge der Sonne, offen für alle Interessenten mit einem Platz auf den Rängen, während Richter, Ankläger und Angeklagte ihren Platz im Ring hatten.
Die Dinge sind in Solgard anders, nicht allein, weil es schlicht keine Arena gibt. Wenn ein Herz der Stadt existiert, dann schlägt es auf dem weitläufigen Marktplatz, vielleicht auch in der Kirche des Herrn, deren Besuch Amrali bis dahin tunlichst vermieden hat.
Nicht, weil sie den Herrn fürchten würde - das tut sie mit der selbstverständlichen Gewissheit eines Geschöpfes, das sich von Göttern umgeben weiß - sondern aus einem Gefühl von Unbehagen heraus: Sie ist mit diesem Glauben nicht vertraut und die Solgarder Denkweise jede Freude in einen bleiernen Mantel der Pflicht zu gießen, scheint irgendwie auf die Gebote und Tugenden des Herrn zurückzugehen.
Für sie schmeckt beides viel zu sehr nach abgeschüttelten Fesseln, nach Beklemmung, Schwere und der Agonie dunkelster Hoffnungslosigkeit.
Es sind Gedanken dieser Art, die sie verdrängt, ersetzt mit hoffnungsvoller Neugierde bei der Erkundung der Stadt und all ihrer Winkel, bis sie sich schliesslich erstmals bewusst gewahr wird, wie nah das Meer hier überall ist, sich selbst die Zeit erlaubt zu beobachten: Die geruhsame Bewegung der rastlos laufenden Wellen, die sich ohne Unterlass in die Brandung stürzen, das stetige Spiel der Möwen, die sich von den Aufwinden treiben lassen und einander umkreisen, immer auf der Suche nach Beute. Am fernen Horizont wird das Blau des Himmels eins mit dem des Wassers - und bei aller Fremdheit dieses Anblicks fühlt sich das irgendwie wie Heimat an.
"Hast dich verlaufen?"
Der Moment zerplatzt mit dem Klang der Stimme im Rücken. Der Bariton klingt nach schimmelbewachsenen Wänden in nahezu lichtlosen Kellern, feucht, als wäre kaum noch wirkliche Substanz unter der Fassade von Stabilität. Alte, allzu vertraute Reflexe regen sich im ersten Moment der Überraschung, lassen die Glieder sich neu orientieren, noch während der Verstand dabei ist überhaupt eine erste Einschätzung anzugehen. Es ist der gleiche Reflex, der Worte formen möchte, eine Beschimpfung, die sie dem Mann .. beinahe .. entgegenspuckt, aber während die Zunge sich an den Silben müht, stößt der endlich aufschließende Verstand ins Leere, lässt sie im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos nach Luft schnappen.
Der Mann ist massig, aber nahezu einen Kopf kleiner als Amrali, so aufgedunsen wie eine an den Strand angespülte und dann sich selbst überlassene Leiche. Selbst die Farbe der Haut passt dazu, teigig und blass, durchsetzt mit dicken, krausen Haaren überall, nur nicht auf dem Kopf. Eines der Augen ist ganz offensichtlich blind, leblos und grau, das andere erscheint nicht sehr viel lebendiger, unfähig sich auf einen einzigen Punkt zu fokussieren. Kein Geruch, stellt sie nebenbei fest: Etwas an ihr erwartet bei dem Anblick den Gestank eines Haufen gammelnder Fischabfälle, aber das Gegenteil ist der Fall und etwas daran zerrt an ihren Nerven, bis sie begreift, dass es tatsächlich die gänzliche Abwesenheit irgendeines Geruchs ist, der ihre Wahrnehmung piekt.
"Was willst du?"
Der Mann lächelt, ein unheilverheissendes Grinsen, das die Reste eines einzigen verbleibenden Zahnes enthüllt und etwas funkelt in dem verbleibenden Auge, bevor die Stimme sich wieder hebt, gurgelnd, als würde in der Tat Flüssigkeit irgendwo in den Lungen schwappen.
"Ich habe jemanden verloren. Und du siehst aus, als könntest du diesen Platz füllen."
Für einen Moment ist Amrali einfach nur perplex, aber der stille Zweifel zerplatzt mit den nächsten Worten des feisten Mannes.
"Ist nichts Besonderes, aber es hat ein Dach. Zehn Groschen jeden Morgen. Keine Gäste über Nacht, kein offenes Feuer im Haus, keine Anbetung des Nasenlosen. Kannst kommen und gehen wie es dir passt. Ich bin Harim vom Hafen."
"Nasenlosen?"
Der Mann hustet, spuckt, ein klebriger Klumpen glibberiger Flüssigkeit bleibt auf dem gestampften Lehmboden zurück, der hier vage einen Straßenverlauf nachahmt.
"Frag nicht. Noch ist es frei. Was sagst?"
Sie zögert, aber letztlich ist die Frage keine Frage. Ohne Wagnis kein Gewinn. Was kann schon schiefgehen?
Die Stadt bleibt im Rücken Amralis zurück, wird abgelöst durch die mächtige, wenn auch bröckelnde Silhouette der aus Sandstein geformten Pyramide, die wie das letzte Relikt einer untergegangenen Zivilisation erscheint: Trotzig im letztlich nutzlosen Beharren, begleitet nur noch von verblassten Erinnerungen und unruhigen Träumen zwischen den zerfallenden Ruinen.
Ist der in alle Ritzen dringende Sand ein Verbündeter, der die Makel kaschiert, bis sie letztlich unübersehbar geworden sind, oder ist er viel mehr ein Angreifer, dessen stetiges Bemühen Farbe und Form aus allen Dingen schleift?
Es liegt eine Lektion in diesem langsamen Schauspiel, dessen ist sie sich bewusst, während sie dem müden Braunen erlaubt jenem kargen Pfad zu folgen, der einen der begehbaren Wege durch die Wüste beschreibt. Jetzt, in der Stunde gerade nach dem Aufgang der Sonne, flirrt die Luft noch nicht vor Hitze, aber die Geier sind dennoch bereits unterwegs, ziehen ihre Kreise am Himmel als hätten sie auf die einsame Wanderin und ihr abgemagertes Ross gewartet.
"Heute nicht!" verspricht sie den Aasfressern, die Stimmung noch hell und ungebrochen, frei von der Erschöpfung die jeder Abend bringt und der rastlosen Unruhe wenn die Träume ihr Recht einfordern. Hier, im ersten Licht eines neuen Tages fällt es leicht zu vergessen, was alles beschädigt wurde, leicht über die Makel und Sprünge hinweg zu sehen.
Trotte ist vertrauter mit dem Pfad durch die Wüste als er sein sollte, das Erbe einer Zeit vor seiner aktuellen Besitzerin, denn auch wenn Ross und Reiterin wirken, als wären sie ein Paar, das durch Zeit und überstandene Abenteuer zusammengeschweisst wurde, so könnte das kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein: Vor kaum mehr als Wochenfrist stand das alte Pferd noch davor sein Ende beim Schlachter zu finden und nur Glück - oder vielleicht das Schicksal - führte ihn mit der nahezu vollkommenen Mittellosigkeit Amralis zusammen.
Für den Moment scheinen beide recht zufrieden mit dem Handel zu sein, auch wenn Amrali hofft die Rudel hungriger Wölfe zu vermeiden. Die Zeichen dafür stehen gut: Die Raubtiere wagen sich zwar bisweilen ein Stück in den Sand der Wüste hinein, aber sie scheinen der nie ganz lautlosen, fast unmerklichen Bewegung der Dünen nicht zu trauen.
Das sind die Gezeiten der Wüste, die dem Besucher jeden Tag ein anderes Antlitz offenbaren.
Ohne die Wegzeichen ist es leicht sich zu verlieren, allzu einfach die sicheren Pfade zu verlassen, bis die Hitze den Gaumen ausdörrt und der Sand selbst unter den Schritten zu glühen scheint.
Und dann ist es Zeit für die Geier.
Aber nicht mit Trotte, der die Wege besser kennt als seine Reiterin und sich selbst überlassen ohne Eile Richtung Nordwest zieht, immer in Sichtweite der fernen Hochebene.
Das gibt Amrali mehr Zeit nachzudenken, als ihr lieb sein kann - selbst der unsichere Untergrund erfordert nur ein Minimum ihrer Aufmerksamkeit und Trottes Temperament würde es ihr vermutlich erlauben im Sattel zu schlafen. Wenn die Hitze nicht wäre, natürlich.
Für den Moment scheint es so, als wäre Solgard der perfekte Ausgangspunkt: Die Stadt macht einen überaus soliden Eindruck, sicher und aufgeschlossen, auch wenn ihr Teile der vorherrschenden Weltanschauung unbegreiflich erscheinen. Das, so kann sie nur mutmaßen, muss auf verletzten Stolz zurückgehen, auf in der Vergangenheit geführte Auseinandersetzungen, deren Natur sie nur erahnen kann, die ihr letztlich aber auch gleichgültig sind, gleichgültig sein müssen.
Es gibt auch Negativpunkte: Die Unterkunft ist .. gewöhnungsbedürftig: die Wände so dünn, dass sie nicht wagt sich dagegen zu lehnen und irgendein Geruch hat sich in den Balken festgesogen, den sie nicht identifizieren kann. Die Nachbarschaft kann bestenfalls als zwielichtig bezeichnet werden, Gerüchten zufolge der Einfluss einer ganzen Anzahl von Einwanderern aus der Unterwelt Nebelhafens, die nun ihre düsteren Geschäfte in die Kanalisation Solgards auszudehnen trachten.
Aber all das wiegt für Amrali nur wenig: Allein die Freiheit die Behausung nach Lust und Laune verlassen zu können, die Straßen zu durchwandern, erscheint ihr bereits wie ein seltenes, unverdientes Geschenk.
Nein. Nicht unverdient. Niemals unverdient. Niemals.
Als Trotte abrupt verharrt, kehrt auch ihre Aufmerksamkeit zurück in das Hier und Jetzt, zu den bröckelnden Mauerresten voraus. Für einen Moment scheint alles still, ruhig bis auf den stetig gehenden Wind und das fast unmerkliche leise Raunen des bewegten Sandes. Mehr Bewegung unter der Oberfläche, bis sich ein blutiger Schädel an das Licht des jungen Tages schiebt. Kein Fleisch, keine Haut, keine Muskeln oder Haare: Pure Knochen die den Anschein machen von Blut überzogen zu sein.
Für einen Moment überwiegt die Abscheu alles, der Magen beginnt sich umzudrehen, noch während der Braune scheut und dann in einem Anflug fast schon jugendlicher Beweglichkeit, steigt.
Zu anderen Zeiten, unter anderen Umständen, hätte es Amrali keine Mühe gekostet das Tier unter Kontrolle zu bringen, sich im Sattel zu behaupten. Aber alles ist neu dieser Tage und sie fällt, landet ohne Eleganz im Sand, kommt gerade noch rechtzeitig auf die Füße um die Klinge zwischen sich und die blutbedeckten Klauen des Untoten zu bringen. Die Knochen splittern, aber formen sich neu unter der fluiden Umhüllung.
Die Sorge weicht. Die Ungewissheit flieht, während der Herzschlag sich beschleunigt.
Das hier zumindest ist einfach: Leben oder sterben.
Das Tropfen im Halbdunkel ist stetig, das unaufhörliche Glucksen eines einzelnen, in einen stillen Teich fallenden Tropfens. Irgendwo im Hintergrund kann ein scharfes Ohr das Rauschen entfernter Brandung hören und Amrali erinnert sich an diese Kaverne, erinnert sich an die Unwirklichkeit.
Dieser Ort ist ein Symbol, heraufgeschworen aus endlosen, zermürbenden Beschreibungen, detailliert auch in Details, die sich im Zwielicht dem Auge entziehen sollten. Es gibt keine Lichtquelle, und dennoch ist es nicht vollkommen finster. Es gibt kein Hinein und kein Hinaus, aber dennoch scheint der Wind sich zu bewegen, bringt den Geruch von Salz und Tang mit sich.
Etwas regt sich sich im nachtdunklen Wasser - der bleiche Leib eines armdicken Egels, dessen dicker Kopf augenlos nach etwas sucht. Es wird nicht lange dauern, bis er ihrer gewahr wird.
'Es ist ein Traum. Nur ein Traum. Ich muss aufwachen, das ist alles.'
Aber das Herz schlägt ihr bis zum Hals und sie folgt dem allzu vertrauten Diktat einer vorherbestimmten Handlung, weicht zurück bis sich kalter, feuchter Stein in ihren Rücken presst.
Der Egel ist nun nah, pendelnd, als würde er noch immer suchen, bevor sich die unförmige Mundöffnung ausrichtet.
'Berichte mir von deinem Glauben. Mit welchen Riten wird der Tag begonnen, mit welchen Riten endet er? Du musst mir etwas geben. Ich bin hungrig ..'
Das letzte Wort ist unverständlich, ein Sausen im Verständnis, als hätte der Wind die Silben gepackt und fortgeweht. Aber sie begreift dennoch mit einer Klarheit, die aus Erinnerung gespeist wird.
'Das war mein Name.'
Als sie die Augen öffnet, findet sie sich in Solgard, auf dem armseligen Lager in der windschiefen, baufälligen Hütte im Hafen, jenem Platz, den sie seit wenigen Tagen eine Heimstatt wendet. Nicht viel - aber genug. Das bis zum Hals klopfende Herz beruhigt sich nur langsam, sucht nach Halt, nach Stabilität.
Eine Jagdgruppe am Abend, eine Menge unvertrauter Gesichter, aber eine Verbundenheit darin wie das Echo von etwas vor langer Zeit Verlorenem.
"Ich habe dir gesagt, ich finde dich in deinen Träumen."
Die Stimme ist zu vertraut, von einer täuschenden Süße wie Sirup über bitterem Gift und viel zu nah.
Dann erwacht sie ein weiteres Mal, dieses Mal in die Stille der Heimstatt, ungestört. Für lange Minuten lauscht sie den Geräuschen des Viertels, unfähig zu entscheiden, ob das nun real ist, oder nicht.
Auch Stunden später ist diese Sicherheit noch nicht vollkommen da.
Vor 6 Jahren ..
Es ist heiß in Maethrin, die Sonne unerbittlich und so war es schon vor der Feier des Sommerfestes, das nun bereits Monde zurückliegt. Schon damals duckten die Alten sich in die Häuser aus dunklem Lehm mit kreidebemalten Wänden, froh der Hitze zu entkommen. Aus dem Schatten heraus warnten sie vor dunklen Zeiten, die stets der erbarmungslosen Glut der Sonne folgen. Dieser Art ist die Weisheit der Priesterinnen: Auch wenn die Sonne Kraft gibt, auch wenn sie der Ursprung, der Anfang und die Vollendung des Lebens ist, so verbrennt sie doch auch das Grasland, lässt die Erde aufspringen und Flüsse versiegen. Darin liegt eine Warnung vor kommendem, drohendem Unheil. Wo die Sonne ungezügelt herrscht, da muss das Leben weichen.
So war es einst. So wird es wieder sein.
Die Tradition ist stark in der Stadt, wachgehalten in Erzählungen, in Mahnungen, in Weisungen und Forderungen. Die Jungen, gerade alt genug, um als Erwachsene zu gelten, scheren sich darum wenig: Sie hüllen sich in unerschütterliches Selbstvertrauen, im Stillen überzeugt, dass gerade sie die Welt zu einem anderen, besseren Ort machen werden, dass all diese Gedanken noch niemand vor ihnen gedacht hat.
Sie sind, wie die Älteren mit einem Lächeln vermitteln, Idioten, deren Hirn nicht mit dem Wachsen ihres Körpers schritthalten konnte. Hinter diesem Urteil verbirgt sich dennoch ungetrübte Zuneigung: Jene, die in Maethrin leben, fühlen sich verbunden. Ausnahmslos. Und Weisheit ist das Privileg jener, die überlebten.
Amrali ist eine dieser Jungen: Zufrieden mit sich und der Welt, gänzlich überzeugt alles wirklich Wichtige bereits verstanden, schon vor Jahren verinnerlicht zu haben. Sie kennt die Gebete, sie ist vertraut mit der Routine der Wachen und beteiligt sich bei der Jagd mit ungezügeltem Eifer. Pflicht ist bei all dem so natürlich wie Atemzüge, Teil einer über die Jahre gewachsenen Identität. Aber sie ist, wie all die anderen jungen Erwachsenen ihrer Gruppe, im Herzen ein heimlicher Rebell, immer dabei die Grenzen der Regeln zu erproben.
Manche sind darin vorsichtiger als Andere. Einige werfen sich in Ärger mit dem überschwänglichen Enthusiasmus eines Honigdaches. Amrali ist schlau genug nicht offen gegen Mauern zu laufen, die Autorität nicht offen herauszufordern. Sie findet andere Wege um Beschränkungen herum und wird noch lernen, das diese vermeintliche Klugheit auch nur eine besondere Form von Dummheit ist. Zu spät, natürlich. Manche Warnungen haben in Form von Worten schlichtweg kein Gewicht. Und einige hören nicht eher, als bis man ihnen die Ohren abschneidet.
Aber zurück zu Maethrin, die über dem Grasland thront auf zerklüfteten Felsen, Ausläufern eines im Norden dräuenden Gebirges, dessen langgliedrige Glieder sich wie steinernen Knochen durch die gesamte Steppe ziehen. Immer wieder einmal brechen sie durch die Oberfläche, formen meilenlange, wenn auch flache Täler in denen sich nach heftigen Regenfällen das Wasser zu Seen sammelt, die nicht viel später erst versumpfen, dann gänzlich austrocknen. Das ist Teil eines ewigen Kreislaufes der mit den Jahreszeiten ebbt und schwillt.
Einer dieser Sumpfseen ist groß genug, dass er in Menschengedenken nie austrocknete und an seinem Ufer findet sich eine Ansiedlung, kaum zwei Reitstunden von Maethrin entfernt. Was als Anlauf- und Umschlagpunkt der Jäger und Fallensteller des Graslandes, der Holzfäller und Kähler der westlichen Wälder begann, wuchs im Laufe der Zeit ganz ähnlich wie Maethrin auch, aber in ganz anderer Weise: Angelmar ist keine Festung, sondern eine schmucke Stadt ohne Mauern, die in das Umland hinein wuchert, teilweise finden sich auf Pfählen stehende Häuser sogar im Uferbereich selbst. Gebaut wird fast ausschliesslich mit Holz, zumindest unter jenen, die es sich leisten können, nur in den ärmeren Bezirken wird auf den dunklen Lehm zurückgegriffen.
Jetzt, im dritten Mond einer beispiellosen Dürre ist der See weit genug geschrumpft, dass diese Häuser auf dem Trockenen stehen, ihre Pfähle ragen wie dürre, armselige Hühnerbeine in die aufgerissene Erde, die einmal schlammiger Grund war. Ruderboote liegen auf dem Trockenen, gestrandet, oder eine gute Laufstrecke entfernt, dort wo die Wasserfläche wieder beginnt. Es sind mittlerweile lange Fußwege für die Fischer und Aalstecher und ihre Stimmung reflektiert nur einen Teil der Sorgen und der wachsenden Nervosität der unruhigen Stadt.
Einiges davon richtet sich auch in Richtung Maethrins, der Wehrhaften, der Wohlhabenden, mit den eigenartigen Sitten, über die mal mehr, mal weniger offen gewitzelt wird. Gewöhnlich mit einem gutmütigen Unterton, immerhin lässt sich eine gute Münze mit dem Handel verdienen. Heute, während Amrali durch die breiten Straßen wandert, den Bahnen folgend, die für den Transport von Baumstämmen zur Verschiffung gezogen wurden, hört sie mehr Feindseligkeit als gewöhnlich in den Bemerkungen, mehr Anspannung. Die Worte schmecken nach Furcht. Nach Neid.
Mehr Gerüchte kursieren auf den Straßen: über verborgene Brunnen, über tiefe Wasser im Stein unter Maethrin, darüber dass zu tief gebohrt wurde und nun das Wasser aus der Steppe sickert. Darüber, dass die Anwohner Maethrins allesamt Anbeter der sengenden Sonne seien und darum Schuld an der Dürre trügen.
Einiges davon ist so absurd, dass sie an sich halten muss, nicht zu lachen.
Aber sie bekommt auch Wahrheiten zu hören: Dass die großen Herden nordwärts getrieben wurden in Richtung der Berge und das Geschäft der Jäger und Fallensteller für dieses Jahr ruiniert sein werde. Oder dass Maethrin seine Tore für alle Fremden geschlossen habe. Niemand, so verheissen die Gerüchte, wird Zuflucht in der Stadt finden, deren Anwohner keinen Durst zu leiden hat.
Das, so weiss Amrali mit gänzlicher Gewissheit, ist Fakt: Sie war dabei als die neuen Weisungen für die Wachen ausgegeben wurden und sie erinnert sich auch an andere, damit einhergehende verbindliche Anweisungen: Keine Alleingänge mehr - selbst auf der Jagd müssen es immer mindestens zwei sein. Und keine Besuche der Städte mehr: Nicht Denkenfurth, nicht Grauburg, nicht Leuenstich und nicht Angelmar.
Das ist natürlich das besorgte Gerede der Alten, deren Lebenszeit nicht etwa zu einem Übermaß an Mut, sondern stattdessen zu einem Übermaß an Vorsicht führte und Amrali ist perfekt in der Lage selbstständig über ihre Sicherheit zu bestimmen.
Was soll schon passieren? Sie trägt eine vertraute Waffe und ein Lächeln, dessen Offenheit gänzliche Zuversicht vermittelt.
Was gegenüber den Alten als Jagdausflug auf der Suche nach Wollnashörnern verkauft wurde, hat in Wahrheit zwielichtige Keller zum Ziel, vielleicht sogar eine der Arenen, wo unter dem Geschrei der Besucher mehr um Gold als um Ehre gekämpft wird. Unter der Oberfläche Angelmars mit seinen biederen Fassaden erstreckt sich ein Basar voller Farben und Verheissungen, bis zum Bersten gefüllt mit Verlockungen und Künsten.
Nur noch heute, das ist das stumme Verständnis der kleinen Gruppe, die Amralis Bitten, Versprechungen und Verheissungen folgte. Nur noch heute vor einer langen Zeit der Isolation hinter den Mauern Maethrins mit allzu vertrauten Gesichtern und allzu vertrauten Verhaltensweisen.
Das hier, so entschied sie, kam einem Abenteuer so nah, wie es nur möglich war ohne eine Klinge zu ziehen.
Die Nacht ist bereits dabei dem ersten Licht des Tages zu weichen, aber davon ist in den verbundenen und mit Tuch behangenen Kellern nichts zu bemerken. Dennoch: Die Gruppe ist ermüdet, überreizt und selbst das Geschick der Feuergaukler wird nach einer Weile vorhersehbar und öde. Karten, Würfel, Duelle, das Stöbern zwischen sich biegenden Regalen nach Kleinigkeiten wundersamster Handwerkskunst, die hier für kleine Münze verramscht werden. Die Nervosität, so denke sie, hat einen Weg nach hier unten gefunden.
Das ist, wenn Amrali sie das erste Mal sieht, durch einen noch immer mit Menschen überfüllten Raum. Dunkelbraunes, glattes Schopfhaar, das offen getragen bis weit über die Schultern fällt, eisengraue Augen, blasse Wangen. Eine schwere Robe, über deren Oberfläche sich Silberfäden ohne erkennbare Ordnung winden.
'Wie Würmer.' denkt sie im ersten Moment, halb fasziniert und halb belustigt.
Und dann spürt sie es: Wie das Echo eines fernen Rufs, ist da .. etwas. Fremd und gleichzeitig vertraut, ohne das sie die Hand darauf legen könnte. Es ist das Gegenteil von angenehm: Binnen eines einzigen Lidschlags sträuben sich all ihre feinen Nackenhärchen und der Instinkt reagiert, bevor der Verstand aufschließt: Die Waffe liegt in ihrer Hand, noch bevor die Fremde die Stimme hebt.
"Lasst sie nicht entkommen. Und beschädigt sie nicht."
Die Freiheit, das lernt Amrali mit einiger Überraschung, ist teuer.
Das sollte vielleicht kein Wunder sein, aber sie muss sich eingestehen, dass die Vergangenheit sie nicht auf diese banale Erkenntnis vorbereitet hat: Das Leben in Maethrin war in einer Art und Weise organisiert, in der die Verantwortungen ganz selbstverständlich geteilt wurden - eine große Gemeinschaft, vereint im Großen, auch wenn es im Kleinen durchaus Reibepunkte gab. Und in der Zeit nach Maethrin ..
Die Gedanken zucken ganz unwillkürlich zurück vor den Erinnerungen, als würde sich ihnen zu stellen, sie auch nur anzublicken, ihnen bereits Macht verleihen. Dafür sorgen, dass sie präsenter werden, deutlicher. Wahrhaftiger.
Und doch ertappt sie sich dabei den Blick zu wenden, die Winkel der armseligen Bretterbude zu prüfen, die sie dieser Tage ihre Heimstatt nennt. Nichts Unerwartetes präsentiert sich den Sinnen, auch nichts, was Anlass gäbe aufzuspringen um zwischen Kampf oder Flucht zu wählen: Die Balken sind schief, die Bretter verzogen, so dass zu jeder Tagesstunde das Licht der Sonne in dünnen Streifen eindringt, gnadenlos auf Staub oder Spinnweben hinweisend. Die Einrichtung ist so karg als wäre das hier eine Zelle: Eine Lagerstatt aus Stroh, Ausrüstung in Griffweite gelagert, ein kleiner, wackeliger Tisch zwischen der Schlafstatt und der Türe, beladen mit Kleinigkeiten und Krimskrams. Aber: Es ist keine Zelle. Es ist die Freiheit und diese hat ihren Preis.
Ganz konkret: 10 Groschen jeden Morgen, zu zahlen an Harim, der aus irgendeinem für Amrali gänzlich unverständlichen Grund in der Kanalisation der Stadt haust. Zweimal war sie in der Zwischenzeit selbst dort unten, aber die engen, feuchten Tunnel erinnern sie zu sehr an frühere Erlebnisse, an einen Kampf in fast lichtloser Dunkelheit und die Narben, die ihr linker Arm seitdem trägt. Und dort unten Rattennester auszuräuchern machte ohnehin soviel Mühe, dass die schmale Bezahlung kaum die aufgewendete Zeit wert war.
Der Preis der Freiheit bedeutet für Amrali, dass die Unterkunft bezahlt werden muss, dazu kommen Kleinigkeiten wie sauberes Wasser, Obst und Fleisch wenig zweifelhafter Herkunft. Sie hat, das muss sie ernüchtert anerkennen, wenig nützliche Talente abseits der Fähigkeit mit einem scharfen Stück Metall Löcher in fremde Haut zu bohren oder zu schneiden.
Auch diese Fähigkeit hat aber ihre Grenzen: Die hünenhaften Einaugen, die auf einer sandigen Halbinsel Krieg gegen ein Volk gigantischer Insekten zu führen scheinen, sind nicht sonderlich schnell und von einem echten Verständnis der Feinheiten des Kampfes weit entfernt, aber sie sind groß, stark und zäh. Das ist genug, um Amrali öfter zur Flucht zu treiben. Zurück bleiben dann blaue Flecken, Prellungen und Quetschungen, dazu gesprungene Ringwehr und verbeulte Panzerung, selbst die alte Klinge, die seit dem zweiten Tag auf dieser Insel ihr treuer Begleiter war, verbiegt sich unter der eingesetzten Gewalt und die hineingeschlagenen Scharten lassen den Schmied ein um den anderen Tag den Kopf schütteln.
"Du musst achtsam sein mit deiner Ausrüstung, Mädel!" tadelt er ohne aufzusehen und Amrali schluckt die scharfe Replik herunter. Die Gewohnheit macht die Irritation nicht geringer: In Maethrin wäre alles anders gewesen. Und der Preis für die Pflege und Instandsetzung der mitgenommenen Ausrüstung lässt es so wirken, als würde jeder Ertrag der eingegangenen Risiken dahinschmelzen.
Natürlich gibt es auch in Solgard Gemeinschaften, die solche Bürden und Herausforderungen gemeinsam stemmen, aber sie ist kein Bestandteil dieser Familien oder Interessenverbände, der Glaube an den Herrn ist ihr noch immer fremd, auch wenn sie sich angewöhnt hat in dessen Namen zu grüssen. Vielleicht wäre Wachdienst eine Möglichkeit, aber sie scheut ganz instinktiv vor dem Gedanken zurück sich so fest zu verpflichten. Dazu kommt etwas, was sie sich im Licht des Tages kaum eingestehen will, aber mit der Ankunft der Dämmerung ungebeten, aber zuverlässig, den Weg in die Gedanken findet: Sie ist einfach nicht, was sie war.
Das lässt sich an Äusserlichkeiten festmachen: Der Blick in den Spiegel zeigt ihr noch immer ein fremd anmutendes Gesicht mit eingefallenen Wangen und tief liegenden Augen, das glühende Versprechen jugendlicher Vitalität verblasst. Der einst weit über die Schultern fallende Schopf wurde zum Opfer des Messers der Levinerinnen und auch wenn die Haare dabei sind nachzuwachsen, wird es noch Jahre brauchen, bis sie - wenn überhaupt - ihre vormalige Länge wieder erreicht haben. Umso deutlicher treten die Narben hervor, vertraut wie ein alter Schmerz beim Wechseln des Wetters, sie alle Zeugnisse von Fehlschlägen, von Schande.
Eine im Kampf erworbene Verletzung kann Ehre bedeuten. Aber nicht diese: Die einzige Geschichte dahinter ist eine, die besser unerzählt bleibt.
Abgesehen von all den äusserlichen Veränderungen als Tribut an die verstrichenen Jahre, sind da aber auch die .. anderen Dinge. Einige davon sind schwierig zu greifen: Mangelnde Trittsicherheit gegenüber vorher perfekter anmutender Balance. Ermüdung nach zwei Dutzend Schlagwechseln, wo sie früher Runde nach Runde in der Arena durchhielt. Der brennende Schmerz erlahmter Muskeln und das Gefühl bleierner Schwere am nächsten Morgen. All das kann sich auf die Gefangenschaft, auf die Krankheit zurückführen lassen. Anderes dagegen ist so offensichtlich, dass sie davor zurückzuckt, wie vor einer offenen Wunde: Das Vergessen, die Unfähigkeit die richtigen Worte zu finden, das absurde Gefühl von Fremdheit mit jedem Satz, eingerahmt in das instinktive Begreifen: Das ist nicht meine Muttersprache. Aber wo diese Vertrautheit sitzen sollte, ist nur ein Loch, eine Wunde wie von einem herausgerissenen Zahn.
Ein Teil des Preises der Freiheit ist diese Gedanken zu haben. Es liegt ein Luxus darin zu trauern, sinniert sie, während sie durch die Strassen und Gassen Solgards streift, ruhelos wie ein zum ewigen Spuk verurteiltes Gespenst. Wer um das Leben kämpft, dessen Begreifen ist reduziert, auf das Notwendigste reduziert. Für Bedauern und Reue benötigt es Sicherheit.
Die Veränderung kommt mit so schleichender Subtilität, dass Amrali auch im Nachhinein den Moment nicht zu fassen bekommt: Wann hört eine fremde Stadt auf, wirklich fremd zu sein? Selbst die Silhouette der Kathedrale, die sie bis jetzt gemieden hat - nicht aus Ablehnung der Lehren des Herrn, sondern wegen instinkter Scheu - erscheint plötzlich weniger unversöhnlich, weniger wie ein aufstrebendes Symbol emporstrebender Macht als mehr wie das Glimmen eines Leuchtturms, der einen sicheren Pfad verheisst.
Namen fügen sich mit Gesichtern ganz allmählich zu Geschichten zusammen, erschaffen Identitäten mit Hoffnungen und Würden, mit Titeln und Befindlichkeiten. Vertrautheit hat nicht nur angenehme Seiten: Der Hafen ist auch in Solgard ein rauhes Pflaster, selbst für eine Frau die einem Streit ungern aus dem Weg geht. Aber wenn die Zeit der Gefangenschaft sie eines lehrte, dann das das Diktat des Stolzes nicht unverletzlich sein kann.
Das, so sinniert sie, während sie den gewundenen Gassen in Richtung der armseligen Bretterbude folgt, die sie dieser Tage eine Heimstatt nennt, ist etwas was mit den Lehren der Alten kollidiert, was scharfe Zurechtweisung einfordern würde. Aber Solgard ist nicht Maethrin und Amrali ist keine junge Kriegerin mehr, selbstüberzeugt bis zur Arroganz, stets bereit sich mit einem Lächeln in jede Herausforderung zu werfen.
'Ich habe überlebt. Aber die Narben bleiben.'
Der Gedanke ist bitter und für einen langen Moment wird ihr die Kehle eng, wenn sie zurückdenkt an ihre Schwestern und Halbschwestern, an den Kreis der eine Familie formte, auch wenn die Bande des Blutes in Maethrin nicht viel bedeuteten. All das zerbrach: Nicht erst mit dem Richtwort in der Arena und der Streichung eines Namens aus dem Buch der Seienden, sondern schon zuvor, in jener Nacht als der geheime, rebellische Ausflug im Desaster endete.
"So ganz allein unterwegs."
Die Aufmerksamkeit gibt die Vergangenheit los und springt in das Hier und Jetzt, fliegt über die vier Halbstarken hinweg, die den weiteren Weg durch die Gasse mit betont lässiger Haltung versperren. Zwei Messerträger, eine mit Nägeln versehene Keule, der Wortführer trägt ein Kurzschwert das bereits bessere Tage gesehen hat. Aber die Klinge wirkt scharf, gut gepflegt, auch wenn die Haltung des jungen Burschen keinerlei Schulung erkennen lässt. Der Rückweg ist frei, was Bände für die Erfahrung der zusammengewürfelten Gruppe spricht.
Der Herzschlag beschleunigt sich und Amrali spürt es: Eine Mischung aus Ungeduld und Verlangen, den fast unbezähmbaren Wunsch augenblicklich in die Offensive zu gehen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie den Wortführer überwältigen und dessen Waffe an sich nehmen kann, bevor seine Kameraden auch nur geblinzelt haben. Keine Herausforderung, sofern sie den ersten Angriff überlebt.
Aber sie zögert und das könnte auf dem Schlachtfeld den Tod bedeuten. Es könnte auch hier, nur zwei Dutzend Schritt von ihrem Heim entfernt, das Ende sein.
"Gebt den Weg frei."
Sie spricht keine Drohung, aber die Verheissung einer solchen findet sich im Klang der Stimme, eingebettet darin wie solider Stahl in eine Schwertscheide. Vier Augenpaare blinzeln, rekapitulieren, wägen Möglichkeiten, Risiken und Wahrscheinlichkeiten ab. Drei von ihnen entscheiden sich für einen Rückzug, aber in der Miene des Wortführers findet Amrali den Konflikt, die Notwendigkeit das Gesicht vor den Kameraden zu wahren, die Unmöglichkeit einfach klein beizugeben.
'Angriff!' befehlen ihr alle Instinkte und dieses Mal ist es eine bewusste Anstrengung die Finger ruhig zu halten. Das hier ist keine Herausforderung, sondern eine Tragödie. Kein Ruhm, nur Blut, das der nächste Regen von der Strasse wischt.
"Habe ich Euch nicht gebeten diese Gasse zu meiden?"
Die gereizten Instinkte protestieren gegen den Klang der Stimme, gegen die Ahnung einer in ewiger Feuchtigkeit gefangenen Gruft, gegen schimmelschwarze Wände, deren ursprüngliche glatte Fläche pockennarbig erscheint. Harim ist einen guten Kopf kleiner als Amrali, aber massig genug für vier Männer, aufgedunsen wie eine Wasserleiche nach einer Woche in einem vergessenen Hafenbecken. Schweiss glänzt auf dem kahlen Schädel des Mannes, dessen eines blindes Auge sich besser auf die vier Burschen zu fokussieren scheint, als das noch funktionierende.
Kein Geruch, das nehmen die Sinne ganz nebenbei mit, noch während sie sich fragt, welche Autorität ihr Vermieter hier führt. Nach allem was sie weiss, ist er ein in der Kanalisation hausender Sonderling, nur einen einzigen schlechten Tag davon entfernt von Maden gefressen zu werden. Aber die Frage ist genug, um die Spannung zu brechen und die vier Möchtegernbanditen flüchten ohne einen Blick zurück, entschwinden in Richtung der Docks und Kaimauern.
Ein Teil Amralis ist bitter enttäuscht, begehrt in heiss glühendem Zorn auf gegen die Einmischung von aussen, gegen den Beistand durch diesen .. Mann. Ein anderer Teil ist erleichtert. Ein dritter ist angeekelt.
"Ich hätte Eure Hilfe nicht gebraucht."
Das blinde Auge des fetten Mannes starrt an ihr vorbei, aber das andere konzentriert sich tatsächlich.
"Ich weiss."
Keine Erklärung und am Ende ist es Amrali die den Blick senkt, beunruhigt, aus dem Gleichgewicht gebracht, erschüttert auf eine Art und Weise, die sie nicht in Worte fassen kann. In der halbherzigen Abgeschiedenheit der kargen Heimstatt atmet sie schliesslich durch, prüft jede Ecke und entzündet eine ruhig brennende Öllampe, seit dem ersten Abend ein verlässlicher Begleiter. Ihr Licht hält die Dunkelheit im Zaum als Amrali in den Schlaf gleitet und in düstere Träume von engen Gängen und endlosen Fluchten, die letztlich alle wieder zum Anfang zurückkehren.
Amrali ist keine Gelehrte und sie weiß nichts über die Geschichte dieser Region, kennt nicht den Ursprung der bröckelnden Ruinen, die hier und dort noch durch das Grün brechen oder gänzlich freigelegt daliegen, wie Knochen einer längst verblichenen Bestie, an die sich kein Aasfresser wagte. Umso mehr spürt sie abergläubische Scheu und Verwunderung beim Anblick des einen, fast schon verwunschen anmutenden Turms, der sich wie ein vergessener Grenzposten an die Ausläufer des Gebirges anlehnt, aber dennoch im Dschungel wurzelt. Dort, daran hat sie keinen Zweifel, können nur die absonderlichsten Gestalten hausen: Ausgestoßene und Sonderlinge, verrückte Propheten und kaltblütige Kehlenschneider, deren fremdartige Gelüste sie gezwungen haben, ein Obdach fern der Zivilisation zu wählen.
So oder so: Sie meidet es, sich diesem Bauwerk zu nähern, während sie fluchend und den Griff der Waffe fest umklammert trügerischen Wegen folgt. Nichts hier ist sicher, alles scheint in Bewegung. Der ohrenbetäubende Lärm um sie herum besteht aus den heiseren Schreien von Jägern und den oft noch schrilleren Antworten von Beute, wobei die Rollen nicht immer so klar sind, wie sie es sein sollten. Sie ist sich nur zu bewusst, dass sie selbst Interesse geweckt hat: Nach einer kurzen Konfrontation bleibt ein Bündel Wegzehrung zurück, wie ein Tribut für den Tümpel und die dort hausende, nur aus Panzerung und Zähnen bestehende Kreatur. Andere Angreifer sind subtiler: Schwärme von Moskitos, deren stetiges aggressives Summen an ihren Nerven zehrt, Blutegel, die mit abstoßender Agilität unterwegs sind und, einmal festgeklammert, nur mit Blutzoll wieder zu lösen sind.
Amrali ist froh, als der Dschungel hinter ihr zurückbleibt, das grüne Dach sie endlich freigibt. Die aufragenden Schluchten voraus bergen ihre eigenen Gefahren, aber ihre greifbare Solidität ist etwas, dem sie sich eher gewachsen fühlt. Dennoch, das muss sie zähneknirschend einräumen, als sie den Zustand der guten, erst wenige Tage alten Lederstiefel prüft: Es könnte sein, dass dieser Auftrag sich zu einem schlechten Geschäft entwickelt. Eine gute halbe Meile zurück stolperte sie in ein sich unversehens unter ihr öffnendes Sumpfloch, bis dato verborgen unter einer Schicht gammelnder Blätter, die eine nicht vorhandene Verlässlichkeit vortäuschten. Und nun ist das Leder dabei, sich langsam, aber erkennbar aufzulösen – ein Anblick, der Amralis Haut zum Jucken bringt. War das überhaupt Wasser? Es fühlte sich … warm an.
Sie schlägt ganz instinktiv ein Schutzzeichen, eine Geste, die ihr in Fleisch und Blut übergegangen ist, auch wenn sie die dazu passenden Worte des Gebets, der Anrufung, nicht mehr zusammenbekommt, und verdrängt den Gedanken, zieht weiter in Richtung der sich nach der Schlucht öffnenden Wälder. Auch das ist nicht ideal, denn Amrali bevorzugt einfach die vertraute Weite – aber es ist besser. Zumindest theoretisch.
Praktisch geben ihr die beschatteten Pfade zu viel Zeit zum Nachdenken. Damit einher geht die unangenehme Einsicht, dass die Tagelöhnerei einfach nicht ausreicht, dass es Gründe gibt, warum gute Münze für teils absurd anmutende Aufträge bezahlt wird: In den meisten Fällen ist so viel Mühe und Aufwand damit verbunden, dass es sich kaum lohnt. Was sie braucht, ist eine solidere Basis, feste, einschätzbare Verpflichtungen mit ebenso fester, einschätzbarer Vergütung.
Dafür gibt es in Solgard einige Möglichkeiten: Die Stadtwache ist eine offenkundige Option, aber diese Form der Verpflichtung erscheint Amrali ein wenig zu strikt – vor allem nach einigen wenig schmeichelhaften Bemerkungen über die Ödnis des Wachdienstes. Vielleicht gäbe es auch einen Platz bei der Kirche des Herrn, aber bis jetzt weiß Amrali nur sehr wenig über den Glauben, und ein Teil von ihr kann nicht anders als zurückzuschrecken. Kompromisse und Anpassung sind das Eine. Aber die Form – nicht unbedingt der Inhalt – des Glaubens widerspricht allem, womit sie aufwuchs.
Es gibt noch andere Optionen, und darüber denkt sie nach, während sich um den Waldweg herum eine Lichtung öffnet. Mit der Sonne kommt die Wärme, vertreibt die letzten Reste klammer Feuchtigkeit aus den Gliedern, aus den Fransen des abgerissen wirkenden Umhangs. Zlata könnte wissen, wer jemanden braucht, der keine Scheu hat, sich auch einmal die Hände schmutzig zu machen.
Der Gedanke lockert Amralis Stimmung auf und für eine Weile sind die Alpträume fern, unwirklich.
Die Tage reihen sich für Amrali aneinander wie die Glieder einer Kette, gefüllt mit Aufgaben, die ihr kaum einen Moment zur Besinnung lassen. Zu anderen Zeiten lag sie für Stunden wach, hadernd und grübelnd, ungewiss über Vergangenheit, Zukunft und erst recht Gegenwart, aber zumindest das ist eine Bürde, die sich dieser Tage nicht zeigt: Die Abende sind gefüllt mit bleischwerer Erschöpfung, mit einem Lösen von über den Tag aufgebauter Spannung, die ihr kaum genug Zeit lassen, sich auf das karge Strohlager der Bettstatt zu werfen.
Die Träume sind - natürlich - unvermeidlich, präsent wie Gestank in den Tiefen der Kanalisation und genauso widerlich. Das, so seltsam der Gedanke auch ist, erscheint fast wie Routine, die Amrali an eine eigenartige, nur halb erinnerte Geschichte erinnert, in der ein Bäcker seine Katze zum Auswischen des heissen Ofens verwendete, immer unter Nennung des gleichen Satzes: "Nur, bis du es gewohnt bist." Die Pointe, vielleicht auch die Lehre der Geschichte ist schon lange verloren, mit den Jahren in formloses Dunkel abgetaucht, in dem nun, wie eine einsame, vergessene Insel, diese eine Szene noch immer beharrt.
"Nur, bis du es gewohnt bist."
Das Flüstern hängt noch in der Luft, während sie ganz zu sich findet, aus dem Traum gerissen wie so oft durch ein Übermaß an Entsetzen. Schon jetzt, noch während das Herz bis zur Brust hämmert, verwirren sich die Traumgesichte in zusammenhanglose Fetzen, driften auseinander wie Rauch. Das Einzige, was wirklich erscheint, sind der kalte Schweiss auf der Stirn und ein stechender Schmerz im linken Arm, auf den sie im Schlummer gerollt sein muss. Selbst im matten Licht der niedrigen Talgkerze sind die Narben dort sichtbar, stumme Zeugnisse für einen vergeblichen Kampf und eine schamvolle Niederlage.
Es ist, wie sie zugeben muss, während sie die Hand öffnet und wieder schliesst, an sich ein Wunder, dass ihr die Gliedmasse überhaupt blieb, dass die Finger so präzise greifen wie eh und je. Der Schmerz bei jedem Wetterwechsel und die Schwäche, die es ihr dieser Tage nicht länger erlaubt, einen Bogen zu führen, sind, nüchtern betrachtet, ein kleiner Preis, eine Gnade.
'Aber es fühlt sich nicht so an. Es ist immer einfacher das zu betrauern, was man verlor, als das zu schätzen, was man noch hat.'
Wie gewöhnlich ist die Müdigkeit nach diesem ersten, jähen Auffahren geflohen, aber das bannt die Schwere nicht aus den Gliedern: Der Körper benötigt Ruhe, damit er bereit ist für das nächste Tagewerk. Dennoch weiss Amrali, dass es ein halbes, vielleicht ein ganzes Wassermass brauchen wird, bis die Erschöpfung die momentane Aufregung überlagert und ihr erlaubt, erneut zur Ruhe zu finden und so ist das Nächste auch längst eingeprägte Gewohnheit: Aufstehen. Das Talglicht prüfen. Ein wenig Wasser, um den kalten, nun schon getrockneten Schweiss fortzuwaschen und dann hinaus auf die selbst zu dieser Stunde nicht gänzlich schlummernden Straßen Solgards.
Der Weg ist nicht weit, die flackernden Lichter der Bollwerkszunft reichen noch fast bis zum Stückchen Strand, an den sie sich hockt und in eine Decke gewickelt gen Süden starrt über die offene, rollende Oberfläche des Meeres.
Zwei Monate sind es nun, seitdem sie gar nicht weit von hier entfernt aus den Wellen kroch, entkräftet, aber lebendig, die Ketten noch an Hand und Fußgelenken. Vor dem inneren Auge kann Amrali das Gespenst ihres eigenen Ichs sehen: Abgemagert, erschöpft, dem Tode näher als dem Leben und doch: Hoffnungsvoll.
Diese Zeit brachte neue Bekanntschaften, neue Verpflichtungen: Die Farbe auf dem Bürgerbrief ist noch frisch, das Siegel unter dem Dienstvertrag mit der Axiom-Gesellschaft dagegen hat schon einige Wochen gesehen. Das Schopfhaar ist nicht länger so kurz, wie es von den Levinerinnen geschoren wurde, und das bringt seine eigene Fragestellung mit sich, eine über die nachzudenken die erschöpfenden Tage noch keine Zeit, keine Ruhe ließen.
Vielleicht jetzt, hier am Strand Solgards, während sich von West ein lichtlos fahrendes Schiff nähert, kaum mehr als eine Nussschale mit gestrichenen Segeln, bewegt durch ein Halbdutzend ambitionierter Ruderer. Schmuggler, höchstwahrscheinlich. Aber Amrali ist nicht neugierig genug, um sich die Frage zu stellen, was es wert ist, des Nachts heimlich befördert zu werden. Sie verfolgt einfach die langsame Vorwärtsbewegung des Schiffes, lauscht auf das Platschen der Ruder, bis die Dunkelheit das kleine Gefährt wieder schluckt. Sie ist nicht ganz sicher, ob es wirklich da war oder nur eine Ausgeburt der Träume, der Schatten.
Der Gedanke treibt die Müdigkeit zurück und für lange Minuten beobachtet sie einfach nur, sucht nach Diskrepanzen oder Sprüngen, nach Abweichungen, die ihr verraten könnten, dass sie in Wahrheit noch immer schläft, vielleicht friedlicher als vermutet. Der Wind fühlt sich real an. Genauso der Sand in den sich die bloßen Zehen bohren. Aber das hat nichts zu bedeuten.
Und damit, während sie bereits spürt, dass es bald Zeit ist in die baufällige Bretterbude zurückzukehren, die sie dieser Tage eine Heimstatt nennt, streifen die Gedanken ein nur wenige Tage zurückliegendes Gespräch über Respekt, Anerkennung und das Erproben, Überschreiten von Grenzen. Ein bitterer Anlass, geschaffen aus einem weiteren, nicht einmal registrierten Makel. Aber nicht das ist es, was sie fesselt, sondern das Ende, die finalen Worte und die unerwartete Wärme, die auch nun aufsteigt. Etwas, was an früher erinnert, an leichtfertige, für selbstverständlich genommene Vertrautheit.
"Es ist immer einfacher das zu betrauern, was man verlor, als das zu schätzen, was man noch hat," erklärt sie dem stetigen Wind, der die Worte gleichgültig mit sich nimmt.
Die erste Farbe des dräuenden Morgens ist bereits am Horizont zu erahnen, als Amrali letztlich wieder zur Ruhe findet.
Die sanften Hügel des Steppenlandes sind mittlerweile vertrautes Terrain und jederzeit eine willkommene Abwechslung nach den erschöpfenden Dünen der harschen Wüstenlande. Auch Trotte schlägt, ohne dazu genötigt zu werden, einen rascheren Schritt an, ohne Zweifel bereits die Oase witternd, die sich derzeit noch dem direkten Blick entzieht.
Er ist, wie Amrali zufrieden feststellt, aufgeblüht: Das Tier, das vor bald einem viertel Jahr noch kurz davor stand, sein Ende beim Schlachter zu finden, ist nun mehr als nur Haut und Knochen, die Ohren bewegen sich lebhaft. Er ist dennoch ein altes Pferd, die Blesse auf der Nase schon lange dabei die gesamte Schnauze mit Grau zu überwuchern, aber sein Schritt ist sicher und er reagiert gut auf Zügel und Fersen. Nicht zum ersten Mal fragt Amrali sich im Stillen, welches Geschick, welche Geschichte hinter dem alten Hengst steht.
"Nicht mehr weit." versichert sie ihm, die Zuversicht in der Feststellung mehr ihr selbst geltend als dem Reittier, das auch ganz allein den richtigen Weg findet, den ausgetretenen Pfad verlassend in Richtung der sich in einem Halbtal öffnenden Wasserstelle.
Es ist vertraut, aber nicht Heimat, die Steppen rund um Maethrin waren viel mehr von Steinen geprägt, von langen, unter Erde und schütterem Gras teilweise verborgenen Felsformationen, hingestreckt wie die Knochen einer gewaltigen, urzeitlichen, das ganze Land überschattenden Bestie. Hier ist es wärmer: Der Atem der Wüste reicht weit bis in das karge Steppenland hinein, aber nicht trockener, der Untergrund vielleicht lehmiger, erdiger, besser das Wasser haltend. Sie ist, wie sie sich einmal mehr bewusst macht, mit all diesen Details nicht vertraut.
'Ich könnte Zlata fragen. Sie wüsste es sicher und würde mir einen Vortrag halten über die Natur der Steppe, den Übergang zur Wüste und die Eigenheiten und Besonderheiten der kleinen Oasen, falls man das überhaupt so nennt hier.'
Der Gedanke bringt sie zum Lächeln, zieht aber auch eine warme Sehnsucht mit sich, ein Verlangen, das im Untergrund wartet, verborgen wie ein Schleierfisch auf der Jagd. Und mit dem Verlangen kommt der Schmerz: vertrauter als die Steppe, bekannter als die Gassen Solgards und das stetige Echo der sich am Strand brechenden Wellen.
Allein zu sein ist unnatürlich, ein Affront gegen die natürliche Ordnung, gegen alle Lehren und alle Weisungen, die stets im Kern eines betonten: Die Gemeinschaft ist wichtiger als jede Einzelne. Du bist Nichts ohne die Vielen.
'Und ich bin .. Nichts.'
Trotte verharrt in Sichtweite der sich aus dem kargen Boden erhebenen, vom Wind gebeugten Bäume, die Zeugnis sind für das Wasserloch zwischen ihren Wurzeln, die Quelle, die gerade genug ist, um für diesen Fleck ausufernden Lebens inmitten karger Verlassenheit zu sorgen. Es liegt eine Poesie in dieser Beobachtung, die ..
.. der Schlag reisst Amrali aus den Gedanken, ein gewaltiger Impuls, der Trotte zur Seite schleudert und sie mit ihm. Erst einen Moment verspätet realisiert sie den Reflex von Sonnenlicht auf Metall, auf der gewaltigen, gebogenen Bronzeklinge einer Axt, die ihr eigenes Knie um kaum mehr als eine Handspanne verfehlte und sich stattdessen tief in den Leib ihres Tieres grub. Trotte schreit und sie schreit mit ihm, ein Protest gegen die Gleichgültigkeit der Welt und die Brutalität des Augenblicks, kurzlebig, bevor der Aufprall die Luft aus ihren Lungen treibt.
Sie rollt, hart, ohne Eleganz, gerade eben noch rechtzeitig, um nicht unter der röchelnden Masse Trottes begraben zu werden. Das Blut des Pferdes scheint überall zu sein, auf Kleidung und Händen, sie schmeckt es auf den Lippen, riecht es in kupferroter Bitterkeit. Etwas anderes ist dazwischen, so prägnant, dass es unmöglich nicht zu bemerken sein sollte, eine stechende Warnung aus ranzigem Fett und Talg, aus altem Schweiss und anderen, namenlosen Dingen.
Auch darin, so stellt ein ferner, emotionsloser Teil von ihr fest, liegt etwas Vertrautes, wie ein altes, unter Jahren begrabenes Versprechen, das sich heimlich zurück an die Oberfläche der Gegenwart stiehlt und seinen Preis einfordert.
"Unmöglich."
Die Waffe springt wie von allein in ihre Hand, während sie herüber starrt auf die machtvolle, sich auf fast drei Schritt streckende Gestalt mit den überlangen, vermeintlich feisten Armen, die einen jungen Baum mit selbstverständlicher Gemächlichkeit als Keule tragen könnten. Aber die linke Hand hält keinen Baum, sondern den Griff einer Axt. Deren bronzener Kopf ist mit grob gehauenen Runen übersät, was den Eindruck von Alter nur bestärkt, sie wirkt wie ein Anachronismus in diesen modernen Zeiten, in denen legierter Stahl das Schlachtfeld regiert.
Amrali kennt diese Zwillingsäxte, deren wahre Namen unbekannt sind, aber von den Ihren auf „Hatz" und „Fang" getauft wurden. Sie kennt den Oger, dessen Gestank sie genau wie damals zum Würgen reizt. Sie erinnert sich an das Grab, das sie für diesen elenden, gefallenen Feind schliesslich hinterliess, als Zeichen der Warnung und des Triumphes gleichermassen.
"Nein."
Der Protest bleibt zahnlos, während die letzten Schreie Trottes verstummen, abergläubische Fassungslosigkeit lähmt die Entschlossenheit, während sie zurückweicht vor dem nun unbeirrt nahenden Schlächter.
Er ist es: Sie erkennt die Narben wieder, die die wulstigen Lippen teilen, das fehlende linke Ohr und die langen dunklen Linien überstandener Verletzungen, die entlang der Arme verlaufen. Sie erkennt das Kreuzmuster an Schnitten auf der Brust wieder, jeder ein Zeichen von Spott und Herausforderung: Errungene Siege.
Aber es ist unmöglich: Dieser liegt begraben auf einem fernen Kontinent, modernd seit mehr als acht Jahren, überwunden von einer Kriegerin, die alles hat, was Amrali heute ohnmächtig vermisst: Eleganz. Kraft. Schnelligkeit. Zuversicht. Unbekümmertheit.
Der Oger lässt seine zweite Axt in der Leiche des Pferdes zurück, nähert sich mit der Unvermeidlichkeit eines Erdrutsches, das Lächeln entblößt genau wie damals die hölzernen Zähne. Ausgestossen von der eigenen Sippe für Amrali unbekannte Verbrechen, wuchs dieser zu einer Bedrohung des nördlichen Steppenlandes, die Zuflucht irgendwo im Grenzland zu den tiefen Wäldern, bis er schließlich den Pfad Maethrins kreuzte.
Heute führt Amrali keinen Bogen, um den Giganten bereits aus der Ferne zu verwunden und in Wut zu versetzen, keinen Speer, um den Reichweitenvorteil dieser absurd langen Arme wenigstens teilweise auszugleichen. Sie taucht unter dem ersten Schwung der Axt hindurch und verliert beinahe den Kopf, als der Oger sich dreht, mit einer Behendigkeit erneut attackierend, die die vermeintliche Trägheit des feisten Leibes Lügen straft.
Der eigene Gegenangriff geht ins Leere, die vorgestossene Klinge durchschneidet nur die Luft, als der Oger einen Schritt zurücksetzt und dieses Mal hat sie nicht genug Raum um dem nächsten Angriff auszuweichen. Der Hieb gleitet am Schild ab und ein dumpfer Schmerz geht durch den gesamten linken Arm Amralis, die Erschütterung hart genug, dass es sich anfühlt, als wäre der Knochen geborsten. Die Finger geben nach, kraftlos, die ganze Gliedmaße wie totes Gewicht an der Seite, während sie um das Gleichgewicht kämpft, aus geweiteten Augen die Bewegung der bronzenen Axtklinge verfolgend, die der Oger nun in einem weiten Bogen zurückschwingt.
Sie nutzt die Öffnung, um nach vorn zu gehen, den verhängnisvollen Nachteil der geringeren Reichweite damit ausgleichend. Mit der kürzeren Waffe ist sie für direkte Nähe besser gerüstet und sie kann es sich nicht leisten, den Kampf in die Länge zu ziehen. Der Oger ist grösser, stärker, ausdauernder. Und sie hat bereits einen Arm verloren.
Die Klinge fährt über den Wanst, über die zähe Haut und hinterlässt einen langen, blutigen Schnitt, aber nicht mehr. Noch bevor sie den Angriff ergänzen und die Waffe durch den Leib der Kreatur bohren kann, findet die übergrosse, waffenfreie Pranke ihr Ziel. Finger, dick wie Amralis Unterarm, schliessen sich um ihren Schädel und drücken zu, bis der Knochen zu knirschen beginnt – ein plötzlicher, siedendheisser Schmerz in den Halswirbeln gesellt sich dazu, als der Oger sie in die Höhe reisst, am ausgestreckten Arm baumeln lässt wie eine Puppe.
"Heute nicht, #$#*!#"
Das Letzte ist ein Wort und doch kein Wort, etwas, was an ihrem Begreifen vorbeifliegt ohne Halt zu finden. 'Ein Name.' wundert sie sich ein winziger Teil von ihr, während die Instinkte sie vergeblich an den Fingern des Ogers krallen lassen. Und: 'Aber er hat nie gesprochen.' Das schmerzhafte Knirschen des eigenen Schädelknochens geht in ein helles, berstendes Knacken über, Schmerz flackert auf wie eine Stichflamme. Dahinter ist nur samtweiche Dunkelheit.
Amrali erwacht zum protestierenden Schmerz des eigenen linken Arms, auf dem all das Gewicht ihres Körpers lastet. Sie schmeckt Blut auf den spröden Lippen und Staub, ein dumpfer Schmerz bohrt mit träger Gemächlichkeit zwischen ihren Schläfen.
Sie rollt sich auf die Knie, noch immer desorientiert, bevor ihr Blick auf die erkaltete Leiche Trottes fällt. Das Pferd ist tot, daran kann kein Zweifel bestehen, der Leib halb entzwei geschnitten durch den machtvollen Hieb einer scharfen Waffe. Die uralte Bronzeaxt ist nirgendwo zu sehen, verschwunden wie der Oger, der sein Leben vermeintlich vor Jahren in einer Steppe fern von hier aushauchte.
War er hier?
Der Gedanke treibt sie in die Höhe und auf frantische Spurensuche, aber der harte Steppenboden gibt selbst hier in der Nähe des Wasserlochs nicht viel preis. Alles könnte sein. Nichts ist eindeutig, bis auf das Fehlen des Angreifers und seiner mörderischen Zwillingswaffen.
'Und ich lebe.'
Der Gedanke kommt mit einem tiefen Gefühl von Ohnmacht, eingerahmt durch beunruhigte Verwirrung, in die sich nagend abergläubische Furcht mischt. Einzig der Schmerz im linken, vor Jahren zertrümmerten Arm erscheint so real wie das stetige Licht eines Leuchtturms vor dunkler Gischt und er ist ein treuer Begleiter, als sie sich zurück nach Solgard schleppt.
Zurück bleibt die Leiche Trottes, Mahlzeit für ein Rudel hungriger Wölfe. Für die Tiere gibt es keinen Zweifel daran, was real ist und was nicht.
Amrali ist mit Schmerzen vertraut: Denen nach einem Kampf, wenn der Preis gezahlt wird für eine Herausforderung, ganz gleich, ob freundlich oder nicht. Und mit den .. Anderen, die keine sichtbaren Narben hinterlassen.
Der Verlust Trottes ist etwas, was an ihr nagt, einen unzufriedenen Grimm hinterlässt, als würde ein Teil von ihr weiterhin bluten und sie weiß, dass das nicht zu weit von der Wahrheit entfernt ist. Das ist, wie sie gelernt hat, ein Teil des Ganzen: Unvermeidlich für die letztliche Heilung, die irgendwie ein Davondriften ist, die gemächliche Distanzierung über Zeit. Der Ersatz mit etwas Neuem.
Das Neue trägt in diesem Fall den Namen Fleck und ist ein junger Schecke, feurig, ungeduldig und zu temperamentvoll, um sich ihm anzuvertrauen. Anders als Trotte benötigt Fleck stetige Aufmerksamkeit, Kontrolle und Korrektur und diese Aufgabe beansprucht einiges von Amralis verfügbarer Zeit. Es ist anstrengend, aber willkommen, auch wenn es an alte, glückliche Erinnerungen rührt, die auf ihre Weise noch darauf warten, endlich zu vernarben.
'Aber das werden sie nie.'
Das Steppenland Maethrins war die Heimstatt struppiger, robuster Ponies, allesamt Falben in verschiedenen Schattierungen. Ausdauernd, trittsicher und unerschrocken, aber nicht zu vergleichen mit einigen der gewaltigen Schlachtrösser, die Amrali seit ihrer Ankunft hier zu Gesicht bekam. Seit Menschengedenken waren diese Pferde in riesigen Herden unterwegs, groß genug, dass die herausgefangenen Tiere der jährlichen Jagden keine Rolle spielten. Niemand, so sinniert Amrali, während sie ihre baufällige Heimstatt zurücklässt und sich auf den Weg zur Bollwerkzunft macht, verschwendete auch nur einen Gedanken daran, vielleicht selbst Pferde zu züchten - zumindest nicht in Maethrin.
Darin liegt ein Paradigma, das sie Mühe hat, zu greifen, eine fundamentale Ableitung, deren Präsenz sie spürt, ohne die richtigen Worte zu finden.
Die Ankunft bei der Bollwerkzunft entbindet sie von der Pflicht solcher Grübeleien, die Stimmung wandelt sich. Nicht zu Erwartung, denn es gibt keine Notwendigkeit, die Ausrüstung zu pflegen, die erst vor Stundenfrist fertig gereinigt und geölt wurde, jetzt in der Heimstatt unter Tüchern auf die Abendkühle wartet, für einen finalen Durchgang mit Wachs. Es ist etwas in den Stimmen, die durch den Lärm der Werkzeuge klingen, etwas im Versprechen von Gemeinschaft, das die gallige Schärfe aus dem Bewusstsein treibt.
'Zumindest für eine Weile kann ich so tun, als würde ich dazugehören.'
Das ist einfach: Ein Gespräch hier, ein Geschwätz da. Gesichter und Namen, die mittlerweile nicht mehr gänzlich fremd sind, und dann ist da Zlata, wie so oft getrieben von einer tatkräftigen Entschlossenheit, die die Welt in Probleme einteilt und dann alle zugleich zu lösen versucht.
"Amrali! Habt ihr auf dem Weg hierher eine Karawane vom Steinbruch gesehen? Angeführt von einem zotteligen Alten?"
Sie vermeidet es haarscharf, zu Radesvald herüberzustarren bei der Beschreibung, aber kann nicht umhin zu bemerken, wie die Frage Zlatas einen Wellenschlag an Reaktion durch den ganzen Raum schickt, als die Mehrzahl der Anwesenden den gleichen Impuls verspüren und in Richtung des alten Druiden blicken.
Mehr Worte werden gewechselt, das Hin und Her löst sich auf, als Amrali sich anschickt, Zlata zu folgen. Der Steinbruch ist in überschaubarer Entfernung zum Stadttor Solgards, das Wetter mild und ein Fußmarsch genau das Richtige, um den Abend abzuschließen. Und es wird ihr Gelegenheit geben, Fragen zu stellen: Zuviele Themen wurden angekratzt, aber nicht beendet.
Der Weg ist ihr vertraut: Auch wenn es keinen wirklichen offiziellen Weg zum Steinbruch gibt, haben die jeden Tag dorthin ziehenden Arbeiter doch ihre Spuren in den Sand geprägt, hier und dort ist die Richtung unnötig durch in den Untergrund getriebene Pfähle zusätzlich markiert. Jetzt, zu dieser Stunde, ist dieser provisorische Pfad aber verlassen. Darin liegt ein Rätsel: Sollte die Tagesglut es nicht angenehmer machen, des Abends zu arbeiten? Der Steinbruch ist ein Tagebau, zwängt sich wie ein Parasit an die Flanken der Berge, ohne dabei eine nennenswerte Höhe zu erreichen, eingerahmt und abgesteckt durch hölzerne Gerüste. Die Spuren eines Lagers sind genauso zeitweilig wie der Weg, warten nur darauf, vom nächsten Sturm einfach davongefegt zu werden, selbst jetzt, kaum Stunden nachdem die Arbeiten eingestellt wurden, findet sich schon eine dünne Schicht von Sand auf einem mächtigen Kessel, der nur noch aus Ruß und Rost zu bestehen scheint.
Und dann sind sie da: Vier Hünen, bewaffnet und bewehrt, allesamt über zwei Schritt groß, grimmige, dunkle Gestalten vor dem Hintergrund des noch immer blendend hellen Sandes, der das letzte Licht der Abendsonne fängt.
Amralis erster Impuls ist .. Aufregung. Die Nordleute und Maethrin waren stets ungleiche Verbündete, von mehr Eigenheiten getrennt als verbunden, aber sie erinnert sich an die seltenen Besuche, bei denen die Nordleute über die Menge hinwegragten, wie Erwachsene über eine Schar von Kindern. Es war immer ein Spektakel und begleitet von einträglichem Handel, wenn schwere Felle im Steppenland gänzlich unbekannter Tiere staunend befühlt werden konnten. Ihr zweiter Impuls ist Ernüchterung: Dies ist nicht Maethrin und es herrscht Krieg zwischen Solgard und Fjellgat.
Die Mienen der Nordleute lassen wenig Zweifel an ihren Absichten, noch bevor die Worte kommen - in einem Wirrwar von Dialekt, durch den Amrali sich nur mit Mühe kämpfen kann.
"Entwaffnen." versteht sie und "Ich will sie lebendig."
Für einen Moment steht ihr Herz still, bevor es abrupt bis zum Hals schlägt, getrieben von einem tief wurzelnden Entsetzen, das aufbricht wie eine alte, nie ganz verheilte Narbe. Die Waffe springt in ihre Hand und sie geht geradewegs zum Angriff über, schnellt voran. Die Klinge schabt nutzlos über Metall und Leder, gleitet ab, während der Hüne in Kampfhaltung fällt - vielleicht überrascht von der Dreistigkeit der Attacke, aber nicht genug, um überrumpelt zu sein.
Der Kampf, wenn man es so nennen will, dauert nur Sekunden, dann findet Amrali sich auf dem Boden nieder, niedergeschmettert von einem fast schon beiläufigen Hieb, aber während sie versucht zu atmen, fühlt sich ihr Brustkorb an, als würde er in Flammen stehen.
Möglicherweise, so schleicht sich ein Gedanke ein, während sie vergeblich nach der verlorenen, außer Reichweite liegenden Waffe tastet, sollte sie Solgard einfach nur noch mit Rüstung verlassen, nicht wie ein Spaziergänger auf der Suche nach ein paar Pilzen.
Zlatas Widerstand ist lautstärker, hektischer, aber letztlich nicht erfolgreicher, geht über in Fragen, Forderungen und Vorwürfe während des Transports nach Fjellgat. Amrali hat nichts beizutragen: Die Bewegungen des Reitbären, über den sie geworfen wurde wie ein Sack Mehl, sorgen dafür, dass die geprellten, vielleicht angebrochenen Rippen bei jeder Bewegung schmerzen.
Die Heimstatt der Nordleute erscheint wie ein Gegenstück zu Solgard: Weitläufig, Holz auf Grün und Weiß, Leben, das sich in der Kälte behauptet. Der Kerker stinkt nach altem Schweiß, Blut und Erbrochenem, und darin liegt etwas Vertrautes. Nicht willkommen, aber dennoch .. vertraut, wie der Schmerz im linken Ellenbogen bei jedem Wetterwechsel.
Zlata verbleibt ungebrochen: Herausfordernd auf der Suche nach Antworten und Erklärungen. Nach Sinn in etwas, was ihr wohl erscheinen muss, wie ein Akt von Wahnwitz, und aus den Fragen, aus den knappen, unwirschen Antworten, formt sich schließlich auch für Amrali ein Bild: All das geht zurück auf den Tod eines weißen Hirschs, eines heiligen Tieres, für den Verantwortung, Buße gesucht wird - durch Zlata, oder jemand anderes, der bereit ist, sich dieser Verantwortung zu stellen.
Der Anführer selbst spricht die Worte, die Amrali dann Stunden später in Solgard niederschreiben lassen wird, paraphrasiert, hoffentlich korrekt interpretiert:
In zwei Tagen wird er Recht sprechen vor dem Thing wegen des Todes des heiligen Tieres. Entweder über Zlata oder über jemanden, der ihre Stelle einnimmt.
Das ist die Botschaft, mit der er Amrali auf den Weg schickt, das ist der Satz, den sie in ihren Gedanken wälzt, während sie durch das trostlose Eisland stolpert, zum ersten Mal seit Jahren wieder betend, die Göttin bittend, dass sie die Aufmerksamkeit der Harpyien anderenorts lenkt. Kein Aufgeben: Sie hat Schlimmeres überstanden, auch wenn jeder Atemzug brennt wie die Hölle.
Der Abschiedsgruß an Zlata, noch innerhalb der Zelle gemurmelt, folgt ihr wie ein düsteres Omen am Horizont.
"Wir sehen uns wieder, Schwester."
Das ist ein Versprechen, formalisiert, auch wenn es nie wirklich Eingang in die Traditionen Maethrins fand und an sich Kampfgefährten vorbehalten, ein letztlich unnötiges Wort der Verbundenheit im Angesicht überwältigender Herausforderungen. Es hier zu verwenden war falsch, die Bedeutung ohnehin verloren an Zlata, die in einer gänzlich anderen Kultur mit anderen Werten aufwuchs. Aber das Bewusstsein dessen mildert die Scham, die Reue nicht.
'Ich habe mein Recht auf diese Worte verloren.'
Die Bitterkeit dieses Gedankens treibt die Entschlossenheit nur an. Und tatsächlich scheint die Aufmerksamkeit der Harpyien an diesem Abend nicht auf den offensichtlichen Wegen zu liegen.
Solgard ruht unter einem Zelt von Sternen, deren kaltes Licht die hauchdünne Sichel des Mondes mühelos überstrahlt. Ruhen ist, natürlich, ein schwacher Begriff für eine Stadt dieser Größe, am Hafen herrscht auch zu dieser Stunde stetiger Betrieb und nicht alle Geschäfte haben Grund, sich vor dem Gesetz in die Schatten zu ducken.
Amrali selbst ist rastlos trotz der Müdigkeit, aus der kargen Bettstatt getrieben von Alpträumen, die die Ereignisse des Abends probend nachahmten: Dunkle, vollständig mit Wasser gefüllte Tunnel, illuminiert nur durch an die Wände geklammerte Pilze. In den Träumen ist die Last des Wassers schwerer, das Gefühl von Enge bedrückender, der Eindruck von Verlorenheit und Einsamkeit tiefgehender. Drei Mal fuhr sie aus dem unruhigen Schlaf auf, geweckt vom bis zum Hals klopfenden Herzen, nur um in eine andere Variante des gleichen Motivs zurückgezogen zu werden. Tunnel, gefüllt mit schlingenden, würgenden Pflanzen. Tunnel, in denen das Wasser eine zähe Masse ist, in der jede Bewegung zur Qual wird. Tunnel, die enger und enger werden, bis es keinen Weg nach vorn mehr gibt. Sie alle haben eines gemeinsam: Das Gefühl, zu ersticken, das verzweifelte Ringen nach Luft und die Ohnmacht gegenüber unversöhnlichen Umständen.
Selbst nach dem Erwachen schmeckt die Luft abgestanden und schal, nach verdunstetem Wasser, nach Algen, die dankbar an den Holzbalken emporkriechen und Muscheln, die von kreischenden Möwen auf das flickenbedürftige Bretterdach fallen gelassen wurden. All das ist vertraut und doch zugleich auch zuviel, genug jedenfalls, um Amrali aus der klapprigen Umarmung ihrer Heimstatt und hinaus auf die Straßen Solgards zu treiben.
Dort wandert sie, ziellos, zu unbehaglich für die tatsächlich menschenverlassenen Straßen der reinen Wohngebiete, wo das Gefühl von Verlorenheit jeden Atemzug schwer macht. Es ist einfach im Hafen, wo noch immer genug Menschen unterwegs sind, um nicht sonderlich herauszustechen. Ablenkung ist alles, was sie braucht und davon gibt es hier selbst zu dieser Stunde reichlich: Ein Schwertschlucker, der seine Künste an einer Kreuzung vor einem ebenso beeindruckten wie angetrunkenen Publikum demonstriert, begleitet nicht nur von begeisterten Ausrufen, sondern vor allem von einem Kumpanen, der geschickt den einen oder anderen Beutel schneidet. Eine selbsterklärte Druidin mit einem ganzen Zirkus offenbar bestens dressierter Ratten, die mit verblüffender Zielstrebigkeit und Genauigkeit kleine Aufträge erfüllen, Kunststücke ausführen und damit die Gunst von Passanten erringen. Ein Boxkampf zwischen zwei Seeleuten, umringt von einem Kreis wettfreudiger Zuschauer, die jeden Griff, jeden Schwinger lautstark entweder frohlockend oder klagend kommentieren. Ein zahmer Hüne, weit über zwei Schritt groß, mit einem Ring durch die Nase wie ein Ochse, eine damit verbundene schwere Kette liegt in der Hand eines nur halb so großen Männleins, das davon spricht, wie der mächtige Tankabunkel von den Streitkräften Solgards überwältigt, festgesetzt und schließlich gezähmt und zum wahren Glauben konvertiert wurde. Einmal anfassen? Fünf Groschen! Sich von ihm hochheben lassen? Zehn Groschen! Etwas an der Gestalt des vermeintlichen Barbaren kratzt an Amralis Aufmerksamkeit, ohne dass sie den Finger darauf legen könnte, aber sie ist sich sicher, dass irgendeine Art von Schwindel im Gange ist. Das tut dem Erfolg der Masche keinen Abbruch, aber der Anblick der knapp bekleideten Gestalt erinnert sie an den Zusammenstoß mit den Bewohnern Fjellgats und noch offene Schulden, an Scham und Schuld und das bohrende Gefühl von Verlust. Es liegt noch etwas anderes darin: Ein Funke von schwerer zu greifender Begeisterung, von Kampfeslust, die sich weigert, den Ernst der Situation, irgendeiner Situation, anzuerkennen. Etwas anderes noch, vor dem die Gedanken instinktiv zurückscheuen, wie Finger vor einem über dem Herd erhitzten Topf.
Sie wandert weiter durch das nächtliche Solgard, passiert einen fliegenden Händler, der lautstark Würste fragwürdiger Herkunft anbietet, eine Wahrsagerin, die verspricht, die eigene Zukunft aus dem Klang einer Münze zu lesen, einen Quacksalber, der Wunder verheißt durch die geschickte Anwendung von Blutegeln und getrocknetem Froschlaich. Unter dem scharfen Blick einer Wachpatrouille packt ein fliegender Händler eilig zuvor auf einem Tuch ausgebreitete Schmuckstücke zusammen, übersieht dabei in seiner Hast eine kleine, aus Messing gefertigte fingergroße Statue, die offensichtlich Großmeister Darez darstellen soll: Die linke Hand segnend erhoben, die rechte mit drohend nach vorn gerichteter Waffe, ein Hirschpelz über den Schultern hängend. Er flüchtet mit einem Sammelsurium anderer Kinkerlitzchen: Weitere Figuren, die höchstwahrscheinlich Persönlichkeiten der Stadt darstellen sollen, Armbänder aus Kupfer und Bronze, Ohrringe mit gewagten Formen und Armbänder mit eingeprägten Mustern.
Das erste Licht dämmert bereits am Horizont, als Amrali zu ihrer Heimstatt zurückfindet, müde, aber nicht minder rastlos, eine kleine Messingstatue verborgen zwischen den Fingern der rechten Hand. Der linke Arm schmerzt, lässt erahnen, dass das Wetter in den kommenden Tagen umschlagen wird, auch wenn der Himmel bislang keinen Hinweis darauf gibt. Aber sie kann den Sturm bereits spüren.
Die Sonne steht bereits hoch am Himmel, als Amrali die Wehrmauern Nebelhafens zurücklässt und ihre Stimmung trägt genau die grauen Wolken, die der strahlend blaue Himmel vermissen lässt. Was ein kurzer Handel zu beidseitiger Zufriedenheit hätte sein können, entpuppte sich als eine zähe, letztlich vergebliche Verhandlung ohne Einigung.
Der gebotene Preis, so sagt sie sich zumindest, während sie Fleck die Wegfindung überlässt, war vollkommen im Rahmen, nicht anders als vor einem guten Mond. Vielleicht ist das die Schuld der Dunkelelfen und ihres Vorstoßes. Vielleicht auch das Resultat anderer Spannungen, die sie derzeit weder einschätzen noch greifen kann.
Die Mittagshitze treibt Fleck unter das grüne Dach der Wälder, lässt den jungen Hengst Abstand nehmen von den ausgetretenen und ausgetrockneten Pfaden, wo die letzten Spuren der zurückliegenden Regenfälle schon längst zu steinharten Rillen getrocknet sind. Wahre Knochenschüttler für Kutschen, aber bedeutungslos für Reiter, lange noch nicht tief genug, um die Gelenke von Rössern oder Maultieren zu gefährden.
Trotte, der altersmüde Veteran, hätte sich davon gewiss nicht abhalten lassen, aber er ruht nun schon seit Monaten in der Prärie, gefallen in einem Kampf über den nachzudenken Amrali sich nicht überwinden kann. Aber Fleck ist jung, energisch und nervös, stetig bemüht, sich selbst zu beweisen und der Hand der Reiterin zu entkommen. An manchen Tagen ist es einfach, ihn laufen zu lassen, darauf zu vertrauen, dass er nicht zu weit vom Weg abkommen wird und die Auseinandersetzungen auf andere Zeiten zu schieben. So war es in Maethrin: Freiheit und Pflicht, miteinander verbunden, geerdet durch unumstößliche Prinzipien. Die Fähigkeit, Befehlen zu folgen, war immer genauso wertvoll wie jene, im Zweifel auch eine Korrektur vorzunehmen.
Der Schecke tänzelt und schnaubt, zieht die driftende Amrali zurück in das Hier und Jetzt. Die Hand findet zum Griff der Waffe, ohne dass es dafür eines bewussten Gedanken bedürfen würde, aber kein Feind schält sich aus der Deckung der Bäume und die Reiterin benötigt ein paar Momente, um zu realisieren, was Fleck aufstörte: Direkt vor den Hufen, halb verborgen im krautigen Unterkraut liegt ... etwas.
Etwas. Ein Schädel, gehörnt wie von einer Ziege, aber massiger, wuchtiger. Eine fahlgrüne Flamme lodert dort, deren Flackern sich dem direkten Blick entzieht: Nur aus dem Augenwinkel ist die sich windende Bewegung sichtbar und scheint zu verharren, wann immer der Fokus sich genau auf den Ursprung hin ausrichtet. Ein kalter, abergläubischer Schauder flieht über den Rücken der Blonden: Unter anderen Umständen könnte, müsste das das Zentrum irgendeines verbotenen Rituals sein, und die linke Hand formt das vertraute Schutzzeichen, ohne dass sie darüber nachdenken müsste: Alle fünf Finger strecken sich, die Strahlen der aufgehenden Sonne repräsentierend. Es gibt Worte, die zur Geste gehören, eine Lobpreisung und eine Bitte, aber die Erinnerung daran ist verwischt, ein tonloses Murmeln im Hintergrund des Begreifens. Amrali hat nicht mehr als die Geste und ihren Argwohn.
Kein Altar, keine mit Blut gezeichneten Linien, nur ein schief liegender Schädel mit glimmenden Augen, nicht wie platziert, sondern wie fortgeworfen. Der Boden verrät wenig: Das dichte Kraut ist nicht zertrampelt, nicht zerschnitten, und falls es mehr Details zu finden gäbe, bleiben sie den Sinnen der Blonden verborgen, die mit sich ringt.
Ein Teil von ihr erwägt die Flucht, den eiligen Rückzug. Ein anderer kalkuliert den möglichen Wert dieses Fundstücks. Und nicht zuletzt ist da noch ein winziger Teil von Neugier, der mit der vordergründigen Furcht ringt. Fleck stampft erneut, die Hufe nun gefährlich nahe an der grünen Flamme, und dieser Impuls ist genug, um die Entscheidung umzuwerfen.
Sie sitzt ab und streckt behandschuhte Hände aus, nimmt den Schädel auf. Er wird, so entscheidet sie in diesem Moment, mit ein wenig Mühe in die Satteltasche passen.
Die grüne Flamme erlischt. Amrali blinzelt.
Für lange Momente steht sie erstarrt, abwartend, lauschend. Aber kein Kribbeln kriecht durch ihre Adern, kein höllisches Brennen beginnt ihre Haut zu verzerren. Alles scheint normal. Normal.
Fünf Minuten später ist sie zurück auf dem Weg nach Hause, dieses Mal nicht länger Fleck die Wahl des Weges überlassend. Es ist Zeit, das hier zu jemand anderes Problem zu machen.
Der Nachthimmel Solgards ist klar und wolkenlos, ein makelloses, juwelenfunkelndes Gegenstück zur azurblauen Fläche, die die Tage beherrscht. In jenen Stunden verwandelt das herabstarrende Auge der Sonne die Straßen und Gassen in eine schwitzende Gluthölle und auch jetzt, nicht mehr weit vom ersten Licht am Horizont entfernt, atmen Mauern und Pflastersteine noch ein Echo davon aus. Die Abkühlung ist eine vom Meer kommende Illusion, aber es könnte schlimmer sein.
Und der Ausblick zumindest ist atemberaubend: Der Mond ist nahezu voll, eine aufgeblähte Silbermasse mit scharfen Rändern, ohne die feine Aureole, die sich bei anderer Wetterlage gern einmal ausmachen lässt. Die Sterne erscheinen überall: Wann immer Amrali sich auf einen einzelnen Punkt konzentriert, schälen sich, wie von Zauberhand, weitere kleine Splitter der Juwelen in die Wahrnehmung. Sie alle, so verheißen es die Legenden, sind Splitter der Sonne, letzte Zeugen eines Kampfes, der vor Äonen gefochten wurde.
'Ich sollte schlafen.'
Der reuevolle Gedanke mildert den Eindruck des Wunders, ruft das schlechte Gewissen zurück und sie zieht die dünne Decke ein Stück enger, verstohlene Finger tasten nach dem abgelegten Waffengurt. Das vertraute Gewicht hat etwas Beruhigendes, die Solidität ist nicht allein fassbar, sondern verspricht auch Gewissheit und Zuversicht. Kontrolle.
Das sollte genug sein, um loszulassen, um sich endlich in die dunkle Umarmung des Schlummers zu werfen, aber der Geist gibt keine Ruhe, driftet weiter von Gedanken zu Gedanken. Das ist nicht die Schuld des Ortes: Gegen einen offenen Balkon ist nichts einzuwenden und die Gesellschaft, nur eine Türschwelle und einen Vorhang entfernt, ist unaufdringlich, vielleicht mit eigenen Grübeleien beschäftigt, vielleicht auch tatsächlich mit Studien beschäftigt. Amrali hat unter schlimmeren Umständen geschlafen.
Aber die Wochen waren voller Ereignisse, die hier und dort an ihr nagen und nun aus dem Dunkel wieder auftauchen wie ungewollte, schon lange gebannte Schemen der Vergangenheit: Eine zornige Auseinandersetzung voller spitzer Anklagen, jede scharf wie eine gut geschliffene Klinge. Eine Expedition in das tiefe Dunkel und ein Marsch unter unheiligem Grund. Im Rausch des Moments, in der wilden Lust des Kampfes blieb keine Zeit dafür einfach... nachzudenken. Aber all das Versäumte blubbert jetzt zurück an die Oberfläche, wie Zlata im dreckigen Morast der Sumpflande, kaum zwei Tage zurück.
Diese Erinnerung zumindest ist ein Lächeln wert, auch wenn sie es vermeidet, daran zu denken, wie lange es dauerte, Waffe und Wehr anschließend zu reinigen.
Damit schließt sich der Kreis und die treibende Aufmerksamkeit kehrt zurück zur stillen Gastgeberin und deren Geschichte, zu Eingeständnissen, die für Amrali so schwer zu greifen sind. Nicht allein wegen der ... Entfernung ... sondern auch weil Teile der Konzepte so fundamental fremd für sie sind. Nicht ... unverständlich per se, aber eben nicht intuitiv eingängig, dass die richtige, angemessene Reaktion nicht aus den Worten, sondern viel mehr aus Haltung und Miene des Gegenübers geschlossen werden muss.
'Und auch dann ist es kaum mehr als ein Raten. In Maethrin wäre alles einfacher.'
Sie lächelt, aber es liegt ein Bedauern darin. Und dann, unverhofft und unerwartet, kommt der Schlaf doch noch und sie sinkt in Schlummer - tief und traumlos.
Es ist die sechste Nacht unter diesem fremden Dach. Soweit Amrali es beurteilen kann, funktioniert die Vereinbarung stabil, aber fruchtlos: Keine Traumgesichter stören den Schlaf, keine wüsten Visionen suchen die Träume heim. Nichts stört die Ruhe, abgesehen von den eigenen treibenden Gedanken und einer schwer zu benennenden Unrast, einem Gefühl von Unruhe, das Amralis Finger kribbeln und ihren linken Ellenbogen ziehen lässt. Etwas liegt in der Luft.
Vielleicht ist das nur ein Echo der Nervosität, die sie aus Zlatas Haltung, aus den Kommentaren herauszieht, vielleicht schlicht das Wetter, das bereits daran ist jenseits des Horizonts Wolken zusammenzubrauen. Das Wichtige ist: Ihre rothaarige Bewacherin schläft, versöhnt durch die Gewissheit, geweckt zu werden, wenn es doch zu einem Vorfall kommen sollte, aber bislang sieht es danach nicht aus.
Alles ist friedlich. Und doch kitzelt etwas die Instinkte der Blonden, treibt die Müdigkeit zurück. Die Aufmerksamkeit greift vergeblich aus, lauernd, wartend, unsicher, aber gleichzeitig auch bereit, bis sie schließlich die Decken abstreift und die Waffe greift, auf leisen Sohlen den Balkon verlassend, um in das Obergeschoss einzudringen. Nichts lauert in den Schatten, keine Bewegung flackert in den Augenwinkeln. Alles, so scheint es, ist friedlich, während Zlata schlummert - hoffentlich ungestört von den nervösen Anwandlungen ihrer zeitweiligen Mitbewohnerin.
Amrali stiehlt sich die Treppe hinunter, erst aufatmend als das Erdgeschoss erreicht wird, die lederne Hülle der noch immer gescheideten Waffe streift unbeabsichtigt eines der Regale und löst damit ein Schürfgeräusch aus, das die Verstohlene verharren lässt. Für Minuten lauert sie im Licht des noch fast vollen Mondes, wartend, ohne dass sich irgendein Feind zeigen würde.
Die Einsicht kommt mit einem Gefühl von Reue, von peinlicher Betroffenheit: Das ist nicht, wie es sein sollte.
'Herumschleichen im Dunkeln. Dieser Illusionist färbt noch auf mich ab.'
Der Gedanke kommt mit einem Aufwallen von Humor, von Heiterkeit, die die brütenden Gedanken zurücktreibt, und sie erklimmt die Treppe einmal mehr, reibt den linken Ellenbogen, während sie an der Hausherrin vorbeischleicht, zurück in Richtung des offenen Balkons.
Und verharrt. Etwas ...
Zwei verstohlene Schritte, ausgelöst durch ein vages Prickeln von Wahrnehmung, auch jetzt mehr Instinkt als tatsächliche Beobachtung, und sie beugt sich über die Schlummernde.
Das Gesicht ist fremd und doch viel zu vertraut, umgeben von einem Rahmen dunkelbraunen glatten Haares. Eisengraue Augen öffnen sich und fangen das Mondlicht ein.
"Ich lasse dich niemals gehen. Schon gar nicht jetzt."
Sie stolpert zurück, alle Vorbereitung, alle Anspannung nutzlos - die sinnlos umklammerte Waffe poltert zu Boden, bevor beide Hände sich abwehrend heben, aber keine Schutzgeste ist genug, um die sich nun Erhebende abzuwehren.
"Erzähle mir, was du gesehen hast."
Die Wahrnehmung kippt, als würde jemand den Boden unter ihren Füßen wegziehen und Amrali fällt …
... erwachend.
Das Herz klopft bis zum Hals, während sie sich orientiert, nach der Waffe tastend, die neben der kargen Bettstatt wartet, scheinbar unberührt.
Im Haus ist es still, während im Osten bereits die ersten Töne von Rot und Orange den Horizont berühren.
'Nur ein Traum. Nur ein Traum.'
Es ist fast genau auf den Tag 6 Monate her, dass Amrali unweit von Solgard an Land kroch, salziges Wasser spuckend, dankbar für die Wärme der Sonne. Eine Schiffsbrüchige, vielleicht die einzige Überlebende jenes Frachters, aus dessen aufgerissenem Bauch Seeleute, Wachen und Sklaven gleichermaßen quollen. Sie erinnert sich an den Kampf zwischen den Wellen, an das rauschende Tosen der Brandung an der Untiefe mit der stetigen Drohung scharfkantiger Steine. An die zirkelnden Jäger und Aasfresser, manche noch verborgen unter der aufgewühlten, schaumgekrönten Oberfläche des Wassers, andere gemächlich weit oberhalb der Köpfe. Wartend.
Sie erinnert sich an das Gefühl von Erschöpfung und Dankbarkeit, selbst an das von Herzen kommende Dankesgebet, das - wenngleich durchaus Teil der Traditionen - weitgehend verpönt ist unter den waffentragenden Bewohnern Maethrins. Aber das Prinzip von Stärke, von Eigenverantwortung, von Fähigkeit und Befähigung hat wenig Kraft, wenn man ein Spielball der Gezeiten ist, den Strömungen ausgeliefert. Die vertrauten Worte zu sprechen war befreiend, tröstend, ermutigend hier an diesen fremden Gestaden mit der Drohung der Stadtsilhouette fern am Horizont.
Solgard war der Name hinter diesen Mauern und Türmen, hinter Straßen und Gassen die bald schon vertraut sein würden. Nicht genug um es Heimat zu nennen, aber ausreichend für ein Gefühl von Loyalität und Zugehörigkeit. Gedämpft, natürlich, es verging kein Tag an dem Amrali sich nicht daran gemahnte, dass sie - letztlich - ein Fremdkörper hier war. Verbunden, aber kein echter Teil, so wenig wie ein Messer zum Teil des Körpers wurde, nur weil es für Nützliches oder Verwerfliches gebraucht wurde.
Aber es ist ein weiter Unterschied zu jenen ersten Tagen. Um das zu begreifen braucht sie kaum den mittlerweile gewohnten, prüfenden Blick in den mannshohen Spiegel, der über Zlatas Schlafzimmer herrscht. Dessen kalte, seelenlose Reflexion scheint sich auf die falschen Details zu konzentrieren: Das blonde Schopfhaar, noch immer kurz genug, dass man die Kopfhaut durchschimmern sieht. Die eingefallen wirkenden Wangen und die tief liegenden Augen, schmale, gerade jetzt kritisch zusammengekniffene Lippen. Die Narbe, prominent über die Kinnlinie verlaufend und den Hals hinab, um dann unter Stoff zu verschwinden - ihre Ausläufer unsichtbar für das urteilende Auge des Spiegels, aber spürbar mit jedem Herzschlag.
Das alles ist ernüchternd, ein ebenso stetiger wie abrupter Auslöser gedankenloser Irritation im ersten Moment, bevor sie jeden Morgen aufs neue begreift: Das bin ich. Ein verblasster Schatten, wie eine ausgeblichene, an den Rändern ausfasernde Erinnerung.
Das ist ein Gedanke, der schwer an der begrabenen Eitelkeit kratzt, ein Gedanke dem auszuweichen sie gelernt hat. Der Trick ist, über all das zu Offensichtliche hinweg zu blicken und andere Details im Spiegel zu suchen: Die Kleidung ist einfach, aber solide. Der Waffengurt in einem guten Zustand und zeigt eine ganze Anzahl hübscher Prägereien im Leder. Die schweren, mit Gold überzogenen Bronzespangen umschliessen die Handgelenke wie ein Tribut an frühere Gewohnheiten. Ein halb unter Kissen vergrabener roter Schopf.
Sie zögert.
Nicht wegen der Uhrzeit: Die Sonne ist gerade erst aufgegangen und ihre Gastgeberin hat wie so oft die meisten Nachtstunden mit - nach Ansicht Amralis - nervtötender und langweiliger Arbeit verbracht: Aufzeichungen gesichtet und übertragen, Forschungsergebnisse überprüft, Berichte umformuliert. Messungen durchgeführt und korrigiert, Protokolle abgezeichnet. Allein der Gedanke lässt die Blonde sich bereits müde fühlen und sie vermutet, dass es vor der Mittagsstunde wenig Bewegung von dort geben wird.
Auch nicht wegen der Gastgeberin an sich, auch wenn der Blick nun für lange Momente auf dem Wenigen haftet, was sich nicht unter den Decken verbirgt. Die Betrachtung kommt mit einem Anflug von Schuld, die ungnädig am Selbst kitzelt.
'Ich nutze sie zu sehr aus. Die Waage ist nicht ausgeglichen.'
Sie rätselt darüber, während sie sich auf den Weg macht, dem Verlauf der längst vertrauten Straßen in diesem Stadtviertel folgend, bis die hübschen Fassaden weniger freundlich werden, die Abstände zwischen den Häusern kleiner und kleiner, bis sie sich gegeneinander lehnen wie Betrunkene: Vom Leben gezeichnet, mitgenommen, abgerissen.
Und damit kehren die Gedanken unvermeidlich, aller Mühe zum Trotz, doch wieder zu den Ereignissen des vergangenen Abends zurück, zu dem, was ein nebensächlicher Ausflug hätte sein sollen und sich wie der Anfang zu einem besonders verzweifelten Witz lesen könnte: Gehen eine Stadträtin und ein Elf eine Freundin im Hafen besuchen ..
Ein halbes Jahr ist genug Zeit, um die Biegungen zu kennen, um sich zu orientieren ohne einen bewußten Gedanken zu verschwenden: Hier ist das baufällige Haus, dessen Dachstuhl vor mehr als einem Jahr abbrannte und das noch immer nicht wieder vollständig aufgebaut wurde. Hier sind die drei Schwestern, hoch ragende hölzerne Gebäude, die sich gegenseitig zu betrachten scheinen, schon seit jeher der Sitz einer der örtlichen Banden. Dort ist das tiefe Loch in den längst nicht mehr gepflasterten Straßen, immer mit Wasser gefüllt und Schauplatz eines grausamen Verbrechens, über das die Bewohner nur hinter vorgehaltener Hand sprechen. Hier die alte Mühle von der aus vor Monaten ganze Schwärme von Ratten über die Nachbarschaft herfielen, gesandt - so heißt es - von einer düstere Lieder singenden Wahnsinnigen, die schließlich von einem künftigen Paladin von ihrem Fluch befreit wurde. Es gibt viele solcher Geschichten mehr und nur die Wenigsten sind Amrali vertraut, aber sie kennt den Weg zu ihrer eigenen baufälligen Heimstatt, eingepfercht zwischen andere Häuser, eine winzige Bleibe mit schlecht schließender Tür und übel riechender Nachbarschaft.
Es ist nicht da.
Das Gefühl von Unrast, von Übelkeit ist das Gleiche wie am Abend zuvor: Das perplexe Verständnis, dass etwas mit der Welt nicht stimmt. Wie kann jemand ein ganzes Haus stehlen? Oder hat sie sich, den Gedanken nachhängend, doch in die Irre führen lassen? Genau wie am Abend zuvor - damals in Begleitung einer zunehmend mürrischer werdenden Stadträtin und eines zunehmend faszinierter werdenden Elfs - dreht sie Kreise durch das Viertel, schreckt Anwohner auf und verscheucht eine ganze Bande von Kindern, die gerade dabei waren einander an den Kragen zu gehen.
Es bleibt fruchtlos, ganz gleich welche Richtung sie einschlägt, ganz gleich an welchen Landmarken sie sich orientiert: Ihre Heimstatt bleibt verschwunden, als hätte sie jemand oder etwas aus der Wirklichkeit getilgt.
'Wie kann das möglich sein?'
Sie reibt den linken Ellenbogen in ungerichteter Nervosität, bevor sie sich erneut in Bewegung setzt, die verwinkelten Gassen - der Boden kaum mehr als getrockneter und festgestampfter Schlamm - absucht.
Aber wie am Abend zuvor: Nichts.
Das Gefühl von Verlust ist etwas, was im Hintergrund lauert wie eine dunkle Wolke an einem sonst klaren, strahlend blauen Himmel: Eine Ahnung, eine Drohung des Kommenden. Alle weiteren Versuche die kleine, windschiefe Behausung zu finden haben sich bislang als fruchtlos erwiesen. Das Problem ist nicht etwa die traurigen Reste von Ausrüstung, die damit als verloren gelten müssen, sondern die große Frage, ob es noch andere .. Dinge .. gibt, andere Details, die sich in irgendeiner unfassbaren Weise dem Verstand, dem Begreifen, der Erinnerung entzogen haben.
'Und wie weiß man, ob man etwas vergessen hat?'
Der Gedanke begleitet Amrali durch die Straßen Solgard und flüstert in ihren Nacken, ist immer dabei, wenn sie nach verräterischen Details sucht, nach Abweichungen. Nach Verlorenem.
Sie findet die Abweichung am unerwartetsten aller Orte: Im Hauptbankgebäude am Marktplatz, ein Ort der so viel frequentiert ist, wie kaum ein zweiter in Solgard. Die Frau hinter dem Tresen ist .. vielleicht .. neu: Amrali kann sich nicht gewiss sein, ob sie nicht sonst einfach zu anderen Zeiten arbeitet. Aber der Abwesenheit des hochnäsigen Mannes, der gewöhnlich von seinem Platz hinter dem Tresen aus verurteilend auf zerlotterte Herumtreiber herabschaut, ist sie sich gewiss.
Amralis eigene Kiste enthält Gegenstände von fragwürdigem Wert: Eine Anzahl Münzen, eine Sammlung von Knochen verschiedener Wüstennagetiere, einige Gutscheine für einen ihr nicht näher bekannten Reisemagier mit den Initialen L.A., einen gänzlich zerknitterten Hut, das Zaumzeug, das einst von Trotte getragen wurde.
"Ich habe Hadrian eine Weile nicht mehr gesehen."
Das wird betont beiläufig formuliert - unverfänglich auch falls sie irgendwie herausstellen sollte, dass es keinen Bankier dieses Namens gab, gibt oder je geben wird. Aber die Blonde hinter dem Tresen verzieht die Lippen in einer allzu vielsagenden Geste, beugt sich dann vor die Stimme senkend.
"Niemand weiß, wo er ist. Vor ein paar Tagen ging er nach Hause, nun ist er einfach fort. Erscheint nicht mehr zum Dienst, daheim öffnet niemand. Es wurde bereits vermutet, dass es Unregelmäßigkeiten gab und wir durften die letzten Tage über die Bücher gehen. Aber.. nichts. Alles scheint in Ordnung. Vielleicht ist er wirklich mit dieser Tänzerin aus dem Walross durchgebrannt."
"Ist das eine Sache für die Stadtwache?"
Die Frau hinter dem Tresen winkt ab, die Miene nun säuerlich.
"Bitte. Bei uns haben Wache und Orden gleichermaßen viel zu tun. Da gibt es keine faulen Müßiggänger, die zu viel freie Zeit an der Hand haben und es sich leisten könnten hinter jedem Bürger herzulaufen, der aus welchem Grund auch immer ein paar Tage für sich braucht. Ich bin sicher, er taucht schon wieder auf und dann hat er besser eine gute Erklärung und eine Entschädigung für die Überstunden, die ich hier leisten darf. Ich habe auch Familie, wisst ihr?"
Amrali nickt, während sie einen strategischen Schritt zurücktritt. Sie hat bereits genug von der Rage Zlatas erlebt und wenig Ambition hier nun als Ventil für den aufgestauten Ärger der Angestellten herzuhalten.
"Wisst ihr was? Ich werde diese Sache einmal beiläufig gegenüber Stadträtin Kovacs erwähnen. Sie kennt einige Magier und ihr wisst ja: Die haben selten einmal etwas zu tun und benötigen immer etwas, um sich wichtig zu fühlen."
Zur Überraschung der Blonden scheint das die Angestellte zumindest für den Moment zu versöhnen.
Und während sie sich auf den Weg zum Gemeinschaftsgelände der Axiom macht, in Gedanken bereits eine Liste müßiggehender Magier durchgehend, verflüchtigen sich die eigenen Gefühle von Verlust, Sorge und Ungewissheit. Das hier, das ist greifbar.
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"Du wirst die Gesetze Solgards achten. Bedenke, dass du hier mittlerweile andere Verpflichtungen hast als deinen eigenen Hals. Du riskierst mehr als eine weitere Narbe."
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An manchen Tagen hat Amrali das Gefühl, dass es einfach ist zu vergessen: Die Ursprünge, die Traditionen, die Kämpfe und Auseinandersetzungen des Aufwachsens. Auch: Die Begeisterung und Liebe, das erhebende Gefühl von Verbundenheit und Bestimmung, die Wärme einer eng geflochtenen Gemeinschaft. Das, so denkt sie im Blick zurück, war das eigentliche Herz Maethrins.
Solgard ist anders gestrickt, daran hat sie dieser letzte Abend mehr als überdeutlich erinnert und darum streift sie auch nun, Stunden nach dem kargen Abschied auf der Schwelle einer trostlos eingerichteten Werkstatt, noch immer rastlos durch die Straßen der Stadt. Nicht auf der Suche, sondern getrieben von Rastlosigkeit, die nichts mehr verachtet als Stillstand. Unvermeidlich wenden sich die Schritte schließlich dem eigenen alten Wohnviertel zu, jenem Bereich baufälliger Hütten und windschiefer Katen, zusammengehalten von Gebeten und Flüchen, bewohnt von den Unglücklichen und Verzweifelten.
'Und ein paar Narren in der Mitte, die sich weder für das Eine noch das Andere entscheiden können.'
Im Stillen, ganz am Rande des Begreifens, hofft sie darauf, dass sich das Unmögliche normalisiert und sie ihre vertraute Heimstatt wiederfindet, aber kein Weg öffnet sich und die ziellose Wanderung bleibt ohne Erlösung.
Hier, im Zwielicht des Hafenviertels, wird ihr gewahr, dass dieser Mietvertrag, nur Tage nach ihrer Ankunft geschlossen, ein Band war, um das Handgelenk gelegt wie eine Fessel aus Samt. Und nun ist es fort, verblasst, ebenso wenig aufzuspüren wie jener feiste Harim.
"Meine einzige Verpflichtung ist der Brief mit dem Siegel Solgards", verrät sie der kühlen, vom Meer her wehenden Brise und wiederholt damit Worte, die vor nunmehr Stunden gesprochen wurden.
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"Dann verstehe meine Worte als Anweisung einer Dienerin Solgards, wenn du willst."
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An manchen Tagen hat Amrali das Gefühl, dass es unmöglich ist zu vergessen, sich aus der Umklammerung des Vergangenen zu befreien. Die Alpträume sind das offensichtlichste Überbleibsel, aber selbst in den warmen, angenehmen, nostalgischen Anwandlungen findet sich etwas Unausweichliches: Man ist die Form, in die man gegossen wurde. Nicht mehr. Nicht weniger. Maethrin war besessen von den eigenen Traditionen, von Gebräuchen und Sitten, an die sie hier kaum zu denken wagt in der sicheren Gewissheit, wie viel Anstoß sie erwecken würden. Aber sie sind dennoch da, eingeprägt, so natürlich wie ein Atemzug und so gewiss wie der Herzschlag.
Unterwerfung und Gehorsam waren - sind - ein wichtiger Teil dessen, eine Notwendigkeit, die von Geschichten wieder und wieder betont wird. Freiheit: Ja. Aber ganz gleich wie groß der Ruhm, du bist nur ein kleiner Teil einer Gemeinschaft. Es gibt einen Platz für jeden. Das ist ein tröstender Gedanke. Eigentlich.
'Warum gefällt es mir dann so wenig?'
Sie kaut darauf, während sie den Hafen durchwandert, um schließlich wieder besser beleumundete Bereiche der Stadt zu erreichen, sie nagt daran, während sie den großen Brunnen passiert und die Kathedrale links liegen lässt. Das Haus am Hang wirkt im Dunkel größer, ein Klumpen mit Kanten, die in den Schatten versickern.
Sie zögert, lauscht auf den Ärger, der noch immer im Inneren auf ganz kleiner Flamme simmert und wartet. Wartet darauf, dass die Müdigkeit final den Sieg davon trägt, auf die Kapitulation. Vergeblich.
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"Ich denke meine Anweisung war klar genug."
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Solgard ist schon längst wieder zum Leben erwacht, als sie das neu errichtete Gebäude im Süden Solgards erreicht, ein von professioneller Hand ausgeführtes kleines Schreiben bei sich: Jeder Buchstabe steht wie ein Kunstwerk und nur die Krakelei von Unterschrift lässt eine persönliche Note erkennen.
Der Zettel, unnötig in einen ebenso hübschen wie teuren Umschlag eingeschlagen, vermittelt kaum mehr als eine Handvoll Worte.
Meister Radesvald,
Der vereinbarte Dienstmonat zur Probe ist bereits seit langer Zeit verstrichen und es ist nicht recht, die Wartezeit noch weiter in die Länge zu ziehen.
Ich habe bereits zu viele Verpflichtungen in Solgard auf mich geladen und ich möchte keine weitere hinzufügen.
Wenn Ihr mich benötigt, lasst es mich wissen und ich werde folgen, aber nicht mehr auf Grundlage eines formellen Vertragsverhältnisses.
Amrali.
Eine gute Woche liegt das Schreiben zurück, das Amrali im Gebäude der Axiom-Gemeinschaft hinterließ, eine Woche und ein Tag seit dem abendlichen Gespräch, das nicht einmal ein Streit genannt werden könnte. Und dennoch: Seitdem hat sie die zuvor vertrauten Treppen nicht erneut erklommen und seitdem wartet das notdürftige Lager auf dem Balkon Zlatas ungenutzt, unberührt.
‘Falls sie es nicht schon lange verräumt hat. Sie ist zu pragmatisch für Verschwendung.’
Der Gedanke kommt mit einer eigenwilligen Galligkeit, einer Vibration von Ärger, die sich davor hütet, den Funken von Schuldbewusstsein zu akzeptieren. Es ist einfacher mit dem Finger auf andere zu deuten: Auf jene blondbeschopfte Fremde zum Beispiel, die so gänzlich überlebensunfähig erschien, dass es an allen Instinkten Amralis zupfte. Diese, so verlautbarte das Flüstern, ist Gefahr. Behalte sie im Auge. Eliminiere die Bedrohung.
Dafür gab und gibt es keinen rationalen Grund, aber es bleibt ein Fakt, dass sie die Fremde seitdem nicht mehr auf den Straßen Solgards traf. Das, so sagt sie sich selbst, während sie den Kopf einzieht und sich durch eine niedrige Türe duckt, hat natürlich nicht sehr viel zu sagen. Aber eine solche Frau erregt Aufmerksamkeit, schlägt Wellen wie ein allzu bunter Singvogel, den eine plötzliche Sturmböe in das Hafenbecken drückte, wo er dann hoffnungsfroh, verzweifelt, aber vergeblich um sein Leben zappelt.
Nichts. Sie bleibt genauso verschwunden wie Amralis Unterkunft.
Die Werkstatt hier im Hafen duckt sich in eine Ecke zwischen zwei anderen Häusern und hat die Solidität einer fleischgewordenen Improvisation, zusammengenagelt aus Treibgut und zusammengehalten von Hoffnung. Nichts passt wirklich zusammen, das Dach ist einfach eine schiefe Schräge, auf der die Möwen hocken und von diesem Platz aus alle Besucher lautstark verschreien. Drinnen ist es nicht besser: Waren zweifelhafter Herkunft stapeln sich überall, lassen den Besuchern nur schmale, gewundene Wege zum ebenfalls gänzlich überladenen Tresen. Hier gibt es Krimskrams aller Art: Angelhaken aus Kupfer und getrocknete Sehnen aus den Füßen von Blassenten, zusammengebogene Käfige für Singvögel, die bereits eine dichte Schicht von Staub ansammelten und klebrige Süßspeisen, die aus einem verkrusteten Topf stammen und - weitgehend abgekühlt - an einem hölzernen Stab verkauft werden. Der gnädige Besucher, das lernte Amrali bereits in der ersten Woche, ist gut beraten, die Herkunft weder der Zutaten noch des kleinen Stäbchens in Frage zu stellen, und bei der Erinnerung hat sie auch jetzt, Monate später, wieder das entsetzliche Gefühl, die eigenen Zähne zusammenkleben zu fühlen.
Der alte Mann, der Herr über dieses absurde Sammelsurium ist, bezeichnet sich selbst als Kesselflicker der alten Schule und berichtet gern über seine Ankunft auf dieser Insel vor nunmehr zwei Jahren, darüber, wie er diese Werkstatt aus Schutt und Trümmern selbst erbaut hat. Diese Geschichten gehen unweigerlich in groteske Anekdoten über, die allesamt dazu führen, ein unheimliches Erbe, eine verbotene Liebe und eine Flucht anzudeuten. Nichts davon passt wirklich zu der verbogenen Gestalt und den zusammengekniffenen Äuglein des Alten.
Sie hebt abwehrend die Hand, als ihr ein Stück gerösteten Fleisches angeboten wird - vermutlich Ratte, vielleicht auch Steppenläufer. Sie ist nicht hungrig, nicht verzweifelt genug, es auf die Probe zu stellen.
“Heute nicht, Morin. Ich brauche etwas anderes.”
Sie zählt ein paar Münzen ab, sauer verdiente Silbermünzen, die nun, ohne den gut bezahlten Soldvertrag, bereits spärlicher kommen.
“Ich suche Harim vom Hafen. Du weißt: Ein Kopf kleiner als ich, kahler Schädel, fetter als vier Männer.”
Sie lässt den Geruch - oder besser: die Abwesenheit von Geruch - unerwähnt. Das ist ein Detail, das sie schwierig zu beschreiben findet. Es ist auch unnötig: Die Gestalt ihres Vermieters ist unverwechselbar.
In den zusammengekniffenen Augen des Händlers findet sich nur perplexe Überraschung.
“Nie gehört. Nie gesehen. Ist er neu? Einer von den Neuankömmlingen?”
Sie schweigt auf die Gegenfrage, nicht einmal gänzlich überrascht, auch wenn ein kaltes Gefühl von Beklommenheit ihr Rückgrat entlang wandert und dann in dumpfen Schmerz des linken Ellenbogens ausläuft. Das Wetter, so verheißt das Pulsen, ist dabei, sich zu ändern.
“Nein”, räumt sie ein, ohne den Blick von ihrem Gegenüber abzuwenden, aber dann fehlen ihr die Worte, um die Nachfrage zu erklären. Wie berichtet man von Wahnvorstellungen? Wie äußert man Zweifel und die Furcht, dass sich bislang als vollkommen sicher geglaubte Fakten einfach in Rauch und Schatten auflösen?
Sie lässt zwei der silbernen Münzen zurück auf dem Tresen und tritt zurück auf die noch immer belebte Straße, wendet sich dann in abergläubischer Scheu, getrieben von einer plötzlich aufwallenden Furcht. Aber die baufällige Werkstatt ist noch immer da. Solide, sofern man das Wort wirklich in die Nähe der spröden Bretter und rostigen Drahtspuren bringen möchte.
Für einen Moment ist das Verlangen übermächtig, die Stadt im Eilschritt zu durchqueren, reumütig zur Schwelle der Rothaarigen zurückzukehren. Den Stolz herunterzuschlucken, der die Kehle nun zusammenpresst, bis sie kaum mehr atmen kann.
Aber der Moment vergeht und sie fängt sich, störrisch das Kinn hebend, als wollte sie das vorüberschlendernde Fußvolk herausfordern. Mehr als nur ein Blick ist ihr damit sicher: Manche amüsiert, einige verunsichert, etliche sogar interessiert.
Sie lässt sie alle zurück in Richtung der Wüste, vertraut sich dem Rücken des nervösen jungen Scheckens an, dessen Energie und Kraft noch lange nicht bezähmt sind durch Routine und Erfahrung.
Und heute liegt darin etwas Tröstendes, wie ein Versprechen, das der Sonne gleich am Horizont dräut.
Die kleine, auf den zu dieser Stunde gänzlich verwaisten Marktplatz Solgards hinausblickende Werkstatt ist mit einem durchdringenden Gestank gefüllt.
Nicht von der Art, die auf Arbeit mit der Esse und dem Amboss schliessen lassen würde, die Amrali zusammen mit dem grössten Teil der jetzt existierenden Einrichtung vom Vorbesitzer erbte. Ein Alchemist würde vermutlich interessiert schnuppern, aber auch die kleine Sammlung an geraden und gewundenen Phiolen, Kupferdrähten, Schalen und Brennern schlummert seit langer Zeit unter einem alten Tuch, geschützt vor Staub, während draussen die Jahreszeiten wechseln.
Eines der Fenster ist in Richtung des Brunnens geöffnet, aber das tut dem Gestank kaum einen Abbruch und Amrali hat bereits vor einiger Zeit als Fakt akzeptiert, dass sie hier nicht nächtigen wird. Das, für sich, ist nicht ungewöhnlich: Im ersten Stockwerk befindet sich zwar eine provisorische Bettstatt, aber sie ist kaum mehr als das, was man auch unter freiem Himmel nutzen würde, und blieb den letzten Mond über gänzlich unberührt, während die Besitzerin ihr Haupt andernorts zur Ruhe bettete.
Nicht im Hafen Solgards: Die verkommene Bretterbude, in der Amrali bis zu jenem schicksalhaften Abend vor einigen Monaten lebte, bleibt ein Enigma, verloren zwischen Erinnerung und Wahn, wie ein Traumgespinst, das irgendwie den Weg an die Oberfläche fand, nur um final doch unter dem Licht des Tages zu verblassen.
'Oder, in meinem Fall, mit dem ersten Paar neugieriger Augen.'
An diesem Gedanken kaut sie nicht zum ersten Mal und sie kann nicht umhin, den gleichen Fragen wieder und wieder zu folgen, während sie den schmerzenden Ellenbogen reibt, der bereits jetzt Regenwetter für den kommenden Tag verheisst: Wie unterscheidet man zwischen Wirklichkeit und Wahn, wenn beide sich nie begegnen, sondern sich wie unerreichbare Tanzpartner stetig unberührt umkreisen? Welchen Wert haben Erinnerungen, welches Gewicht hat ein Groll und welchen Eindruck macht eine Lektion, wenn das, worauf sie fussen, wie Schaum zerstieben kann?
'Und wie habe ich diese Werkstatt erworben?'
Das, so stellt sie bitter fest, ist die andere Seite der Medaille. Die trügenden Träume und der Zweifel an der Wirklichkeit, das ist das Eine. Die Fakten, die sich ohne eine greifbare Herleitung präsentieren, das ist das Andere. Es gibt keine Erinnerung, die ihr erklärt, wie genau die erste Miete bezahlt wurde, was genau das Schicksal des Vorbewohners war, und sie scheut vor den Möglichkeiten zurück, die sich aus dieser Leere ergeben. Besser, vielleicht, manche Fragen nicht zu stellen.
Diese Ungewissheit ist ein Teil der Erklärung, warum ihr diese Mauern noch immer fremd sind, aber kaum der Grund für die Abwesenheit der letzten Zeit. Der grössere Teil, zumindest sagt sie sich das selbst, ist wesentlich mundänerer Natur: Nach der Aufkündigung des Soldvertrags mit der Axiom-Gesellschaft fiel ein stetiges Einkommen leicht verdienter Münzen weg und der Ersatz mit freien Aufträgen erforderte einen Einsatz von Zeit und Beweglichkeit, der Amrali eine Menge Nächte abseits von Solgard sehen liess.
Und dann ist da noch ein stiller, dritter Teil. Ungeliebt. Unwillkommen. Präsent: Scham.
Es sind bald zwei Monate seit jener Nacht, seit dem Kitzel eines Abenteuers, das alle Zutaten hatte, um zu einer gloriosen Heldentat zu werden: Ein dunkles Reich voller verdorbener Dämonenanbeter, eine Entführung, eine blutige Drohung und die triumphale Befreiung eines Unschuldigen, der nichts getan hatte, um zwischen die Fronten zu geraten. Für Amrali war es der erste Besuch der Suromer Lande überhaupt, der erste Eindruck einer Siedlung, deren banale Oberfläche kaum geeignet schien, den düsteren Ruf zu bestätigen. Bis dann alle Planung aus dem Ruder lief, die übereilte Flucht im Desaster und im Verlust eines der Mitstreiter mündete. Zurückgelassen.
Selbst jetzt, im Wissen um die letztlich glückliche Lösung, krümmt sich alles in Amrali zusammen, die stetige Rührbewegung im Kupferkessel erlahmt und im Nu lässt der sich stechend verdichtende Gestank Tränen in ihre Augen steigen. Sie blinzelt, nah daran zu würgen, und die Ursache dafür liegt nicht allein im brodelnden Inhalt.
Das eigene Scheitern, die Unfähigkeit, die Situation zu kontrollieren und in geordnete Bahnen zu lenken: Das ist nichts, was sie sich schönreden kann. Nicht mit Trauma, nicht durch Hinweis auf überstandene Strapazen. Es ist in gewisser Weise gar nicht so viel anders als damals.
'Als hätte ich nichts dazugelernt.'
Sie schreckt zurück vor diesem Gedanken, wie vor der Berührung einer Flamme und das Momentum ist genug, um sie zu anderen, jüngeren Erinnerungen zu treiben. Erst zwei Abende liegt das Zusammentreffen in der Sonnenruh zurück und die kurze, widerliche Auseinandersetzung mit der unterarmlangen Kreatur, einer Wesenheit wie eine Mischung aus Blutegel und Aal, die sich an Zlata verbissen hatte und sich nun eifrig am Blut der Rothaarigen labte. Ein Parasit, eine Bedrohung, ekelhaft genug, dass sich Amralis Magen umzudrehen drohte, aber gleichzeitig auch .. präsent. Greifbar. Ein lösbares, überschaubares Problem - wie in den Geschichten Maethrins: Die alten Traditionen kennen kein Grau, sondern nur Schwarz und Weiss, Gut und Böse, Richtig und Falsch.
Eine solche Herausforderung zu erleben war eine Erleichterung und auch jetzt, da sie ein letztes Mal in dem Topf rührt, bevor er vom Feuer gezogen wird, empfindet sie ein warmes Echo jenes Momentes.
'Ich war nützlich.'
Die Legenden Maethrins beinhalten andere Geschichten, nicht alle davon für Kinder oder Heranwachsende geeignet, manche davon zu düster, als dass sie als Teil der Lehren anerkannt sind, andere schlicht zu lächerlich, als dass sie etwas Sinnvolles zur Würde der Altvorderen beitragen könnten. Amrali ist sich nicht ganz sicher, in welche Kategorie diese hier fällt, aber sie verzieht keine Miene, während sie die über Stunden hinweg gekochten Überreste des Blutsäufers nun schneidet und kaut, Stück für Stück.
Und wer weiss schon, ob sich nicht doch ein Körnchen Wahrheit in den verblichenen Sagen findet.
"Ich hab meine Zyklopenlederhandschuhe in den Höhlen der Dunkelheit verloren. Könnt Ihr sie bitte für mich zurückbringen?"
Es ist nicht das erste Mal, dass Amrali eine solch kuriose Anfrage erhält - halb Solgard scheint seine Besitztümer so regelmässig an den seltsamsten Orten zu verlegen, dass sie sich bereits im Stillen gefragt hat, ob irgendein perfider, für sie aber gänzlich unbegreiflicher Plan dahintersteht.
"Und .. wo dort? Das ist ein ziemlich weitläufiges Areal."
Der Stand der Kräuterhändlerin ist ein von Grün durchflutetes Reich: Vier tragende Säulen stützen das Dach, verschwinden aber fast hinter Rankgewächsen. Von oben herab hängen Büschel von Minze, Salbei und Trettkraut, auf halber Höhe gesellen sich Vasen mit Stauden von Pflanzen dazu, hier und dort lassen sich sogar Primeln ausmachen, die zu dieser Jahreszeit gänzlich verloren erscheinen. Keine Wände: Deren Rolle übernimmt zumindest halbherzig eine grosse, immergrüne Hecke und zwischen all dem bewegt sich die Besitzerin mit der geübten Routine alltäglicher Erfahrung.
"In einem der offenen Bereiche nach den Wohnkammern."
Sie lächelt - so offen, unschuldig und gewinnend, dass sich alle feinen Nackenhärchen Amralis aufstellen.
'Entweder sie macht mir tatsächlich schöne Augen, oder sie möchte mich unbedingt und endgültig loswerden.'
An diesem galligen Gedanken baumelt ihre Aufmerksamkeit für lange Momente. Die Händlerin ist ihr nur vom Sehen vage vertraut, eine jener flüchtigen Bekanntschaften, die nie über oberflächlichste Eindrücke hinauswachsen werden. Eine halbseidene Erinnerung flackert auf, etwas über eine unziemlich rasche Verlobung nach dem traurigen Ende ihres vormaligen Geliebten. Sie ist sich nicht sicher, ob es bei dem in der Bank aufgeschnappten Geschwätz um die gleiche Person ging. Aber wer verliert seine Besitztümer an einem Ort, an den sich niemand rein zufällig verlaufen würde?
"Dort unten gibt es doch nichts. Seid Ihr sicher, dass Ihr die Handschuhe dort verloren habt?"
Etwas verschiebt sich im Lächeln des Gegenübers, die Unschuld flackert und wird ersetzt durch aalglatte, fokussierte Entschiedenheit.
"Absolut sicher. Keine Sorge, ich bin bereit, Euch gut zu belohnen für den Aufwand und die Gefahren."
Der Wechsel gibt Amrali zu denken, aber er zupft mehr an ihrer Neugier als an ihrem Misstrauen. Und die Miete für die kleine Werkstatt mit dem Fenster auf den Solgarder Markt finanziert sich nun einmal nicht von selbst.
Die Ascheebene ist ein öder Landstrich erkalteter Lava und brüchiger Felsspalten, in denen hungrige Glut wartet. Giftige Dämpfe sammeln sich in Vertiefungen, teilweise weit genug, um mühelos durchritten zu werden. Verkohlte Knochen sind das Zeugnis glückloser früherer Besucher, die hier auf die ein oder andere Weise ihr Ende fanden: Neben den Gefahren brüchiger Lavakanten, spitzer Basaltnadeln und heisser Geysire, die in unregelmässigen Abständen kochendes Wasser in die Höhe schleudern, gibt es hier auch aus den rohen Elementen entstandene Kreaturen: Tanzende Lohen, die begierig sind, Reisende in ihre glühende Umarmung zu ziehen, kolossale wandelnde Felssäulen, die Fleisch und Knochen gleichermassen unbesorgt zermalmen, trübe Pfützen, die lauernd warten, bis sich ein Leichtsinniger herabbeugt, um den Durst zu stillen.
Amrali ist mit den Gefahren dieses Ortes vertraut genug, dass sie Fleck für diesen Ausflug zurückliess: Der junge Schecke mag mittlerweile nicht mehr in Panik ausbrechen, wenn sich der Boden unter seinen Hufen verschiebt, aber er ist lange noch nicht gefestigt genug, um nicht sich selbst - und seine Reiterin - unnötig in zusätzliche Gefahr zu bringen.
Wer Felsspalten und Risse passiert, Lavaseen umgangen und einen brennenden Fluss überquert hat, der findet schliesslich den Eingang zu den dunklen Höhlen. Gewiss, davon ist Amrali überzeugt, hatten die Gemäuer einst einen anderen, richtigen Namen, aber dieser Tage sind sie bevölkert von verkrüppelten Höllenbewohnern: Riesigen, entstellten Fledermäusen, deren Leiber so aufgedunsen sind, dass die ledrigen Flügel wie reine Dekoration erscheinen, unfähig, die hässlichen Kreaturen tatsächlich vom Boden zu heben. Ihre hoppelnde Fortbewegung könnte kurios erscheinen, solange man die glimmenden Augen und die Doppelreihe nadelspitzer Zähne übersieht. An ihrer Seite jaulen hüfthohe Höllenhunde, Kreaturen, die von stetigem Schmerz in den Wahnsinn getrieben scheinen. Ihre Haut ist von Rissen durchzogen wie eine Lehmhülle um eine glimmende Kohle, sie atmen Glut aus, die schwarze Russflecken auf dem Stein hinterlässt. Es gibt noch andere, gefährlichere Kreaturen, machtvoll, verschlagen und bösartig.
Und es gibt andere Jäger.
Amrali entdeckt die erste Leiche unweit einer ehemaligen Bibliothek, von deren ursprünglichem Zweck nur noch traurigste Reste künden: Auf geschwärzten Wänden finden sich obskure Zeichnungen, klebrige Reste von Haut und Schuppen pulsieren in einer Ecke auf Trümmern aus verfaultem Pergament und Holz. Ein Mosaikrelief hat den Fall überdauert: Ein Baum reckt sich empor, fast unversehrt im Wandel der Zeiten. Dort, wo seine Wurzeln angedeutet sind, liegt eine der grotesken Dämonenfledermäuse, die Flügel entfernt, der Schädel mit einem mehr als handlangen Nagel an der Bodenplatte fixiert. Der Brustkorb ist geöffnet, die Rippen nach aussen gedrückt, als wäre etwas dort Brütendes ausgeschlüpft und hätte dabei den offenen Krater hinterlassen.
'Keine Brüche. Jemand hat die Knochen aufgebogen, als wären sie weichgekocht worden.'
Das Herz fehlt.
Sie nimmt es zur Kenntnis, wie all die anderen eigenartigen Fakten auch. Das hier könnte einfach ein Beispiel dafür sein, wie sich die Ungeborenen gegenseitig bekämpfen, vielleicht ein Konflikt verschiedener Fraktionen um diesen oder jenen Tunnel in diesen menschenverlassenen Mauern. Dagegen spricht allein der Nagel aus schwarzem Metall, ein Detail, das sie weder einzuordnen noch zu interpretieren weiss und daher schlicht aufnimmt. Vielleicht, so sinniert sie, ist es das Zeichen einer rituellen Bestrafung oder einer obskuren Tradition.
'Oder die Kräuterhändlerin.'
Die Richtung zumindest stimmt: Amrali folgt der vagen Beschreibung der lächelnden Blonden, duckt sich durch enge Gänge und vermeidet eine offene Kreuzung, von der aus sie das wahnsinnige Winseln und Jaulen der Höllenhunde hört, und findet einen Durchgang in ein offenes Tal, umrahmt von unwegsamen Felsen, kaum breiter als ein Steinwurf. Auch hier finden sich Ruinen: Die Reste eines Bauwerks, das einmal eine Mühle gewesen sein könnte, auch wenn ihr gänzlich schleierhaft ist, woher hier der notwendige Wind kommen sollte. Im Schatten der geborstenen Felsen finden sich gleich drei Leichen: Zweimal die zerplatzten Überreste von Höllenhunden, die nun gänzlich erscheinen wie mit Glut gefüllte, aber zerschlagene Statuen, dahinter der kolossale Leichnam einer gewaltigen, gehörnten Kreatur. Sie nimmt sich Zeit, die Szenerie aufzunehmen, während sie in den Schatten des Durchgangs geduckt lauscht. Aber es ist still hier in dem kleinen Tal. Keine Spur des Jägers, der diese drei Geschöpfe zu Fall brachte.
Aber auch hier findet sich eine klaffende Wunde in der Brust der mehr als doppelt mannshohen Leiche, dieses Mal ganz unverkennbar durch eine scharfe Klinge verursacht, die Rippen gewaltsam durchbrochen, um den Weg zum Herzen frei zu machen. Die Knochen schimmern eigenartig im Licht der Fackel, es finden sich Reflexe darin, als wären Splitter von Metall darin zu finden. Nicht wegen des Messers, sondern als wäre das eine Eigenart dieser Wesenheit.
Irgendwo voran ist ein Grollen zu vernehmen, machtvoll genug, dass sich eine feine Vibration durch den geschundenen Felsboden fortpflanzt, dann folgen wie Schockwellen eigenwillig verzerrte Echos von Worten der Macht, die keine menschliche Kehle hervorbringen könnte. Der Jäger, so scheint es, ist irgendwo voraus und Amrali gibt die Zurückhaltung, die Heimlichkeit auf. Die Entscheidung ist wie ein tiefes Durchatmen, das lastenden Druck vom Brustkorb hebt. Die Anspannung flieht mit den ersten Schritten, fortgeweht von beschwingtem Eifer, der alle Vorsicht verflucht.
Sie ist zu spät: Der Kampf endet gerade, als sie über einen Felsen hinwegsetzt: Staub wallt in einer Woge auf, als die massige Kreatur fällt, der muskelbewehrte Leib zerfetzt von schartigen Eiszapfen. Für einen Moment herrscht Stille, dann wendet die Bezwingerin sich um, die Arme gehoben, um der vermeintlich nächsten Bedrohung zu begegnen.
Aschblondes Schopfhaar. Hellgrüne Augen. Eine Miene, als wäre sie bereit, die Welt in Asche zu legen und sich dafür die Füsse küssen zu lassen.
Und sie ist es, die zuerst die Überraschung ablegt.
"Fräulein Amrali."
Die Angesprochene findet die Fassung wieder und schluckt die Enttäuschung herunter, einen Lidschlag später zwingt sie die Miene in die Andeutung eines Lächelns und das verzweifelte Tasten in der Erinnerung produziert einen Namen.
"Fräulein Schlehendorn."
Sie ist, das flüstert ihr die gleiche Einsicht zu, eine von denen: Teil einer fragwürdigen Gemeinschaft, die freiwillig ihr Exil im stetig regenverhangenen Dschungel fristet und dennoch in Solgard wohlgelitten ist, bestehend aus Grössenwahnsinnigen, Scharlatanen, einem die Welt vernichtenden Magier und einem übergewichtigen Eichhörnchen. Das ist es zumindest, was Amrali auf den Strassen Solgards hörte. Sie ist nicht ganz sicher, in welche der vier Kategorien ihr Gegenüber fällt.
Dann entdeckt sie die Leiche. Und die aufgerissene Tasche mit den verstreuten Resten von Dämonenherzen. Sie hat, letztlich, den Jäger gefunden.
Verschiedene, auf dem Boden verteilte Gegenstände erzählen eine Geschichte, die unter anderen Umständen eine Tragödie genannt werden könnte: Ein geborstener Stab ganz links, nahe einer Lavaspalte, unerklärlicherweise jedoch nicht im Geringsten von der Glut gezeichnet, ganz anders als eine halb verkohlte Karte, die aus einem Tornister fiel, von dem kaum mehr als aschene Überreste künden. Ein weiterer der metallenen Nägel liegt wenige Schritt entfernt, befleckt von längst schon geronnenem Dämonenblut, und unweit davon findet sich auch die zerfetzte Tasche mit den stinkenden Überresten der Jagdbeute.
Es ist nur deshalb keine Tragödie, weil es sich bei dem Toten um einen Dunkelelfen handelt.
Zwei Augenpaare treffen sich über die Leiche hinweg, streifen die aufgerissene Tasche und heften sich dann an die angekohlte Karte.