Theatralische Konvergenz

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Präambel

Livius Quintus Theorie der Weltenschlange funktioniert ungefähr so: Die Weltenschlange war, ist und wird sein. Sie umfasst alles vom Anfang bis zum Ende. Alles was wir tun oder lassen, ist der Weltenschlange bereits bekannt, denn sie existiert in jedem Moment vom Anfang bis zum Ende der Zeit.

Das bedeutet: Was immer wir glauben zu tun und zu entscheiden ist bereits vorherbestimmt, was wir als sich entwickelnde Zukunft wahrnehmen ist nur ein Ausdruck unserer eingeschränkten Fähigkeit in der Zeit voran zu sehen. Wir sind, zwangsläufig, nur Passagiere auf einem Schiff in Richtung Morgen.

Abgesehen davon, dass ich diese Vorstellung für erschreckend halte, bietet sie aber eine interessante Diskussionsgrundlage und ein Möglichkeit die Natur der Welt und ihrer Entwicklung durch eine ganz spezielle Linse zu betrachten und zu interpretieren.

Daraus ergab sich für mich ein Gedankenspiel, das ich auf den Namen "Theatralische Konvergenz" taufte.

Theatralische Konvergenz

Grundbestimmung

Das vollständige Wissen der Weltenschlange über jeden Moment vom Anfang bis zum Ende aller Zeit bedeutet, dass jeder Augenblick den wir erleben, ganz gleich ob in ferner Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, für die Weltenschlange eine Erinnerung ist.
Die Abbildung eines Systems ist immer eine Abstrahierung und Vereinfachung, ansonsten wäre es schlicht eine Kopie. Das heisst: Was wir erleben ist entweder eine reduzierte und damit zusammengeschrumpfte Abbildung oder es ist die eigentliche Realität und keine Abbildung. Die Grundprämisse weist also darauf hin, dass die Erinnerung der Weltenschlange zeitgleich die Realität formt - wir sind, wenn man so will, Bestandteile eine gewaltigen allumfassenden Traums.

Der Gedanke der theatralischen Konvergenz greift diesen Gedanken nun auf und ergänzt um folgende These: Träume haben Schärfen und Unschärfen, Teile davon verblassen in den Hintergrund, während andere Teile klar im Fokus liegen. Genauso verhält sich auch der Traum der Weltenschlange: Es gibt Orte und Zeiten auf denen sich der Traum der Weltenschlange konzentriert und andere, die in vager Unbestimmtheit verbleiben, um dann erst dann wirklich "realisiert" zu werden, wenn es notwendig wird.

Hinweise und Argumente

Anhäufung von Katastrophen

Für uns als Passagiere und Bestandteile des Traums ist es unmöglich zu erkennen, in was für einer Art von System wir uns befinden, solange wir nicht Hinweise von ausserhalb bekommen - und genau diese Hinweise erhalten wir indirekt durch die Beobachtung der Welt selbst.

Wenn man sich das zurückliegende Jahr ansieht, lassen sich eine Anzahl von globalen Katastrophen ausmachen mit eine Wirkung weit über diese Insel hinaus. Dennoch waren Ursache und Lösung stets auf der Insel selbst zu finden. Für die zahllosen Völker ausserhalb diesen winzigen Brennpunktes muss das eigenartig aussehen: Aus dem Nichts treten absurde Störungen auf und verschwinden genauso vermeintlich grundlos wieder.

Einfach Logik legt nahe, dass sich solche globalen Katastrophen auch anderswo abspielen und uns beeinflussen müssten, dergleichen ist aber in keinster Weise zu beobachten.
Der Schluss liegt nahe: Die Aufmerksamkeit der Weltenschlange, ihr Traum, ist gerade auf diese Insel, auf diese Zeit fokussiert. Was wir als statische Realität wahrnehmen, ist das Auge eines Sturms der Unbestimmtheit - nichts ausserhalb ist in gleicher Weise herausmaterialisiert und würde erst in dem Moment "wirklich", in dem es die Bühne betritt.

Der Gedanke der "theatralischen Konvergenz" legt nahe, dass die Weltenschlange auf diesen Fokuspunkt nun Ereignisse aus der Gesamtheit ihrer Erinnerungen projeziert, was zu einer massiven Anhäufung von welterschütternden Ereignissen und zu einer beindruckenden Sammlung herausragender Persönlichkeiten führt.
Der Grossteil der Geschichte ist nun einmal eine banale Abfolge von Bedeutungslosigkeiten, die von der Weltenschlange verdichtet oder übersprungen werden.

Die Natur der Numen

Die wenigen Male, die ich das Auftreten der als "Numen" bezeichneten Naturgeister bislang beobachten konnte, liessen mich stets vollkommen frappiert zurück. Die pure Vorstellung, dass sich an jedem Ort und jedem Ding ein potentieller Naturgeist befinden sollte, noch dazu mit der Fähigkeit zur Sprache und der Fähigkeit auf eine verständliche Weise mit Menschen zu kommunizieren, ist absurd - solange man nicht die Existenz einer umfassenden Erinnerungsebene voraussetzt, aus der zu jeden Zeitpunkt heraus eine Präsenz herausmaterialisiert werden kann.

Die These der theatralischen Konvergenz löst dieses Problem glänzend: Der Fokuspunkt wird schlicht auf einen langweiligen Stein oder einen unbedeutenden Baum erweitert, ein passendes Schema an Ereignissen extrahiert und durch das alles umschliessende Wissen der Weltenschlange gefüllt: Und schon erscheint ein Naturgeist, der sich mit der menschlichen Zivilisation auskennt, aller Feinheiten unserer Sprache gewahr ist und noch dazu präzise Erinnerungen für relevante Ereignisse aufweist.

Das ist unter normalen Umständen so wahrscheinlich, wie auf Geradewohl in eine Bibliothek zu spazieren, mit geschlossenen Augen ein Buch zufällig zu wählen, es aufzuschlagen und genau an der Stelle die notwendige Information zu finden. Absurd? Nicht, wenn man die Maßstäbe der theatralischen Konvergenz anlegt!

Rückwirkende Bedeutungslosigkeit